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ALTERNDES NACKTMODELL

Würde sie das ewig so weitermachen? Bis jetzt war sie mit Aufträgen voll eingedeckt – da war kein Mangel festzustellen. Lena Tegethoff war in den späten Fünfzigern, unverheiratet – da hatte sich nicht der Richtige gefunden, und jetzt schien es zu spät. Abgesehen von ein paar Affären (mit zunehmenden Alter stets mit verheirateten Männern) hatte sich nichts Ernsthaftes ergeben, und wenn, dann etwas Berufsspezifisches.

Manche wollten ein Verhältnis mit Einer, die sich öffentlich auszog, um sich splitterfasernackt zu präsentieren, auf Wunsch in prekären Positionen, dabei aber regungslos. Dabei hatte sie eine gewisse Routiniertheit entwickelt, die sie zur Anwendung brachte. Anders war es bei heiklen Lagen, wo quasi das Innerste nach außen gekippt wurde – an diese konnte sie sich nie und nimmer gewöhnen. Aber genau das wurde von den reiferen Zeichnerinnen und Zeichnern beziehungsweise Malerinnen und Malern verlangt.

Und so ergab sie sich in ihr Schicksal hinsichtlich der Stellungen, die sie einzunehmen hatte – eine bestimmte Anspannung war nach allen Jahren ihrer Tätigkeit noch immer zu spüren. Es kam darauf an, in welcher Verfassung sie war – mal quälte sie sich durch die eineinhalb Stunden, die eine solche Sitzung dauerte, mit Müh‘ und Not hindurch, mal ging es ihr leicht von der Hand (besonders wenn sie erregt war).

Das Einfachste waren die Studentinnen und Studenten an der Akademie, die gelegentlich ein Modell vorgerückten Alters buchten – sie waren professionell genug, um bar jeder erotischen Neigung ihren Job zu machen. Aber das waren die wenigsten Orders, die hereinkamen.

Die überwiegend meisten Mandate hatten sexuelle Komponente aufzuweisen, und das zunehmenden Maß. Sie konnte nach wie vor aus dem Vollen schöpfen, aber das fast ausschließlich in dem schlüpfrigen Format. Sie hatte beinahe nicht die Möglichkeit des Aussuchens unter den angebotenen Aufträgen – sie nahm, was sie kriegen konnte.

Und dann kam Lena auf die Idee, es mit der Fotografie zu versuchen. Die Bezahlung war meistens deutlich besser als beim Aktzeichnen und Aktmalen. Und manchmal kommen bei solchen Workshops und Shootings sehr schöne und erotische Fotos von ihr heraus, welche sie auch selbst behalten durfte. Den Vorteilen standen allerdings erhebliche Nachteile gegenüber!

Sie musste sich im Klaren sein, dass sie bei Aktfoto-Workshops meist mit einer Horde von mindestens zehn – hauptsächlich männlichen – Fotografen konfrontiert war, welche sie von allen Seiten umfassend und detailliert knipsen und manchmal recht anspruchsvoll und auch anstrengend sind. Trotzdem musste sie immer freundlich bleiben und lächeln…

Außerdem gibt es hinterher zahlreiche (mehr oder weniger schöne) Nacktfotos von ihr, welche, wenn sie erst einmal in der Welt sind, oft nur noch schwer zu kontrollieren sind. Die meisten Fotografen wollen ihre Fotos hinterher veröffentlichen, die Tegethoff müsste daher damit leben können, dass zwangsläufig irgendwann Nacktfotos von ihr irgendwo in der Öffentlichkeit auftauchen.

Wenn dieser Fall eintrat, war auch schon alles egal. Andererseits: Wer würde sich die Fotos von einem alternden Nacktmodell anschauen wollen – Bilder vielleicht, die konnten ihren eigenen Reiz haben, aber Fotos? Die Fotos von einer Frau in – sagen wir einmal – mittleren Jahren. Was sollte da schon interessant sein? Bis auf die Tatsache, dass sie pudelnackt war. Was trotz ihres fortgeschrittenem Alters faszinierend war!

Lena schwor – ungeachtet des höheren potenziellen Einkommens -, von Fotos abzusehen, und zu Zeichnungen und Malereien zurückzukehren. Da fühlte sie sich eher zu Hause und Missbrauch war eher die Ausnahme. Denn wer würde sich die vergleichsweise dilettantischen Kunstwerke aufhängen, außer der Künstlerin oder der Künstler selbst. Und wenn denn ein Ass unter den kreativen Damen und Herren (was auf akademischen Niveau durchaus einmal vorkam), gereichte es der Tegethoff zur Ehre. Selbst wenn es eine gut gelungene Karikatur – hier spielte das Alter des Modells eine gewisse Rolle – war.

Sie verlegte sich zunehmend auf lustige Cartoons, nachdem sie die Scheu vor der Lächerlichkeit einmal abgelegt hatte. Dann lief sie zur Form ihres Lebens auf mit Hang zur Selbstironie. Und wie gesagt immer hüllenlos, wie es sich für ein Nacktmodell gehörte.

Lena nahm ab – nicht viel, aber an den entscheidenden Stellen. Und sie legte ihre Brille ab und kaufte sich Kontaktlinsen, was sie jünger aussehen ließ. Gepflegtsein war ihr Zaubertrank, von frühester Jugend an. Die Wartung ihres puren Körpers war ihr stets ein Anliegen, für den ihr nichts zu teuer schien. Sie unterzog ihr Äußeres noch einmal einer gründlichen Neuorientierung!

Sie fühlte sich subjektiv wie neugeboren und das strahlte auf ihre Umgebung aus. Wenn sie beispielsweise einkaufen ging (natürlich angezogen), dann blickten die Verkäuferinnen, die eben noch mit dem faden Aug‘ herumgestanden waren, plötzlich fröhlich durch die Gegend und fragten Lena freundlich, womit sie heute dienen konnten.

Und dann begegnete sie – spät, aber doch – ihrem Traumprinzen!

Er war um einige Jahre jünger als sie, was beim vorgerückten Alter beider keine Rolle mehr spielte. Er hieß Tobias Timmermann, aber das tat nichts zur Sache – Hauptsache, dass er ihr gleich sympathisch war. Er war zudem unverheiratet. Er hatte primär kein Interesse an ihrer Nacktheit, er blickte gewissermaßen auf ihre Seele.

Er war schon in Pension, was aber seiner physischen Attraktivität keinen Abbruch tat. Lena glaubte fest daran, dass er als Mann attraktiver war, wie sie als Frau, die sie mittlerweile geworden war – zumindest bildete sie sich das ein. Und charmant war er – sie fragte sich zum wiederholten Mal (misstrauisch wie sie nun einmal war), wieso er bis jetzt keine Partnerin gefunden hatte.

Und dann ausgerechnet sie!

Tobias war belesen – nun, da konnte sie mithalten. Sie hatte eine Technik entwickelt, mit der sie während der endlosen Nacktsitzungen ihren Geist weit fort zu schicken imstande war. Man konnte es eine spezifische Form von Mediation nennen, mit deren Hilfe sie über einen längeren Zeitraum gar nichts dachte. Oder aber dachte sich, was noch viel komplizierter war, – unbemerkt von Publikum – Kurzgeschichten und sogar ganze Romane aus, die sie später, wenn die Séance, während der sie still zu sitzen oder zu liegen (zum Teil in abenteuerlichsten Positionen) hatte, vorbei war, auf Punkt und Beistrich genau auf ihrem Computer wiedergab.

Zum Beispiel der Roman mit dem vielversprechenden Titel „Sugardating“. Er begann so: „Sugardating ist bekanntlich ein Verhältnis auf Zeit, bei dem zumeist jüngere Frauen von zumeist älteren, wohlhabenden Männern für Sex und Intimität bezahlt werden. Sind das Beziehungen – oder ist das Prostitution? Nennen wir es lieber auf Französisch ‚L’Amour fou’. Das trifft‘s wohl besser!“

Das hatte Lena Wort für Wort im Kopf, bevor sie es später in Form einer Word-Datei niederlegte. Das nötigte Tobias einigen Respekt ab, zumal er im Schnelllese-Verfahren unterwegs war, und er zu derartiger Konzentration niemals fähig gewesen wäre. Er hatte mit Literatur nur insofern etwas am Hut, indem er sie gern konsumierte. Wie es der Zufall wollte, hatte er in seiner aktiven Tätigkeit als Verlagslektor gearbeitet, was der Tegethoff bislang entgangen war – und er hatte noch immer die entsprechenden Kontakte.

Sie hatte ihn bis jetzt für einen harmlosen Pensionisten gehalten, der in irgendeiner Branche (für die sie sich keiner Weise interessierte) tätig gewesen war – nun aber schien ihr sein Metier durchaus attraktiv. Es eröffnete für sie die Möglichkeit, ohne das mühsame Schreiben von Dutzenden Bettelbriefen ihr Ziel zu erreichen.

Die Beiden waren mittlerweile ein Liebespaar geworden – aber das nur nebenbei. Die Qualität des Textes musste überzeugen, schließlich hatte Tobias einen Ruf zu verlieren – diesen wollte er nicht wegen seiner Auserwählten riskieren. Er gab das Konvolut an seinen aktiven Kollegen weiter, mit der Bitte, es auf Herz und Nieren zu überprüfen. Das Ergebnis war verblüffend und überwältigend zugleich – der Lektor, der schon viel Mist gelesen hatte, war im wahrsten Sinn des Wortes süchtig nach dem Text der Tegethoff. Er empfahl dem Verlagsleiter dringend die Veröffentlichung des Buches, sowohl in Analogform, als auch digital.

Die Publikation wurde ein voller Erfolg!

Das Werk wurde von der Kritik begeistert aufgenommen – und nicht nur von der Kritik, sondern auch von den sogenannten „normalen“ Menschen. Beides zusammen war ein Muster an Seltenheitswert – entweder war die Einschätzung der zum Teil selbsternannten Fachleute euphorisch oder das „ordinäre“ Publikum war im Vormarsch.

Lena konnte ihren Job als Nacktmodell endgültig an den Nagel hängen – er hatte ihr zuletzt immer weniger Freude bereitet, ja, sie begann ihn zu hassen. Zumal ihre Klienten (Profis und Laien) mehr von ihrer Produktion sehen wollten – sie gierten geradezu danach. Und da hatte sie Einiges in ihrer Schublade!

Die Romane „Kaleidoskop“, „Alice“ und „Über die Grenze“ und Kurzgeschichten wie etwa „Lebende Schaufensterpüppchen“, „Femboy“, „Ashes and Smoke“ sowie eine Serie „Agatha Collins“, in der es um Privatdetektiv-Storys ging. Und noch vieles mehr!

Tobias Timmermann und Lena Tegethoff feierten ihren gemeinsamen Erfolg – er als Verlagslektor, der schon pensioniert war, aber immer noch was drauf hatte, und sie als mittlerweile anerkannte Schriftstellerin, die er entdeckt hatte. Und wie es im Märchen heißt – wenn die Beiden nicht gestorben sind, leben sie noch heute…