VERSENKUNG
„Ich mag die Stille unter Wasser.“
Auf einem See (oder auch in einem Swimmingpool) ist das Tauchen ganz einfach – jedenfalls empfand sie das so. Am Meer ist es zum Teil anders – bis zu einer Wassertiefe von ungefähr zwei Metern kann man die Wasser-Bewegungen spüren. Erst wenn man tiefer hinabtaucht, kann man die Stille erfassen. Jetzt stellen Sie sich vor, Sie tauchen zehn Meter tief – da herrscht vollkommene Stille.
Wenn Sie tiefer gehen, da wird es richtig gefährlich. Die Stille ist das unmittelbare Phänomen – überwältigend! Wenn man noch tiefer hinabtaucht, umfängt einen früher oder später die Dunkelheit – und die wachsende Kälte. Das war insofern von Bedeutung als sie ohne jegliches Accessoire tauchte, also ohne Maske, ohne Flasche, ohne Flossen und mit einem knappen String bekleidet war, und den hatte sie der guten Ordnung an, um nicht ganz hüllenlos zu sein.
Sie konnte es sich aussuchen, ob sie lieber Atemnot zugrunde gehen oder erfrieren wollte. Vorzüglich keine von beiden Möglichkeiten, und sie kam wieder aus eigener Kraft hoch. Wäre da nicht diese Lautlosigkeit gewesen, die ihr wirklich von Zeit zu Zeit Angst machte. Sie tauchte tiefer und tiefer, bis sie auf etwa zwanzig Meter unter der Oberfläche stoppen musste – der Druck in ihren Ohren war zu groß geworden. Sie blieb noch eine Weile regungslos, bis sie einen gewaltigen Orgasmus hatte. Bevor sie die Ohnmacht umfing, machte sie sich auf den Rückweg nach oben, wobei mit letzter Energie darauf achtete, die Druckausgleichsphasen zu befolgen.
Völlig benommen kam Marisol Michelsen (so hieß die Frau) an die Oberfläche, wo sie sich an ihrem Boot festklammerte – sie schaffte es kaum, an Bord zu kommen. Dann ließ sie sich niedersinken und rührte sich eine Weile nicht. Als ihre Lebensgeister wieder erwachten, plante sie schon ihren nächsten Einsatz – aber nicht hier und heute. Sie musste erst ihr Potenzial instand setzen.
Marisol ging an Land, wo sie direkt am Strand für die Dauer ihres Aufenthalt ein Häuschen gemietet hatte. Sie verschlang ihr vorsorglich vorbereitetes Essen, und zwar ziemlich wahllos, wobei sie auf Proteinzufuhr besonders Wert legte. Auch Wasser, das sie während ihres Tauchvorganges peinlichst vermieden hatte, nahm sie in ausreichendem Ausmaß zu sich. Dann schlief sie den Schlaf des Gerechten, wobei sie sich erotischen Träumen hingab.
Am kommenden Morgen wachte sie dementsprechend munter auf. Heute war kein Abenteuer im Wasser geplant, abgesehen von ein paar exzessiven Runden im Pool zur Auflockerung. Wozu das Schwimmbecken gut war, wenn ohnehin das Meer vor der Tür lag, entzog sich ihrer Kenntnis – aber nahm gerne dieses zusätzliche Angebot an. Dann gönnte sich Marisol eine ausgiebige und bis zum Morgen des kommendem Tages reichende Pause – was sie allerdings nicht daran hinderte, gelegentlich in einer Art Trockenschwimmen ihre Fähigkeit zu testen.
Es kam ursächlich darauf an, im ausgeatmeten Zustand ihre Übungen zu absolvieren, denn anders würde unter Wasser der Auftrieb die Bemühungen sofort zunichte machen. Sie hatte im Lauf der Zeit gelernt, spezielle Atemtechniken (Es kam ursächlich darauf an, im ausgeatmeten Zustand ihre Übungen zu absolvieren, denn anders würde unter Wasser der Auftrieb die Bemühungen sofort zunichte machen. Sie hatte im Lauf der Zeit gelernt, spezielle Atemtechniken anzuwenden – dafür trainierte sie ihren Körper und ihren Geist. Entscheidend war jedoch am Ende eines, sagte sie: Selbstvertrauen: „Du kannst die beste Technik haben, ohne Selbstvertrauen hilft sie dir nichts! Erfolgreich wird nur der sein, der seinen Möglichkeiten und seinen Fähigkeiten, wer seinem Potential voll vertraut.“
Es kam ursächlich darauf an, im ausgeatmeten Zustand ihre Übungen zu absolvieren, denn anders würde unter Wasser der Auftrieb die Bemühungen sofort zunichte machen. Sie hatte im Lauf der Zeit gelernt, spezielle Atemtechniken (darunter das Ausatmen) anzuwenden – dafür trainierte sie ihren Körper und ihren Geist. Entscheidend war jedoch am Ende eines, sagte sie: Selbstvertrauen: „Du kannst die beste Technik haben, ohne Selbstvertrauen hilft sie dir nichts! Erfolgreich wird nur der sein, der seinen Möglichkeiten und seinen Fähigkeiten, wer seinem Potential voll vertraut.“
Abends sah sich Marisol einen Film an, den sie gefühlt schon hundert Mal gesehen hatte – ihr Lieblings-Movie 47 Meters Down. Es handelt von den Geschwistern Lisa und Kate, die zusammen Urlaub in Mexiko machen. Lisa, die noch nie getaucht ist, wird nervös, lässt sich dann jedoch überreden, im Tauchgang mit ihrer Schwester in den Käfig zu steigen. Sie werden auf eine Tiefe von fünf Metern hinabgelassen und können dort die vorbeischwimmenden Fische beobachten. Plötzlich zeigen sich zwei riesige Haie. Trotz der Faszination gerät Lisa in Panik, und sie bitten, den Käfig wieder an Bord zu holen. Während sie hinaufgezogen werden, löst sich allerdings das Seil in der Winde, und der Käfig entgleitet in die Tiefe, wobei er den Hubkran mit hinabzieht, der in einer Tiefe von 47 Metern auf dem Käfig liegenbleibt. Das Ende – Lisa wird von mehreren Tauchern befreit und nach oben gebracht, das Schicksal von Kate bleiben offen.
Soweit, sogut – Marisol war süchtig nach diesem Film, konnte ihn sich immer von neuem ansehen. Sie schmückte sich das weitere Schicksal von Kate aus, das der Streifen offen gelassen hatte. Sie siedelte das Mädchen in einer Tiefe von 60 Metern an, wo sie Dunkelheit und Kälte umfingen – allein sie merkte nichts davon. Sie war längst tot.
Marisol identifizierte sich zunehmend mit Kate – nur wollte sie am Ende überleben.
Für Außenstehende ist da ein Gefühl des Heimkommens, das sie umfing, nicht leicht nachvollziehbar. „Ich kann das sogar erklären“, sagte sie, „physisch und psychisch. Dort unten ist die Bewegungsfreiheit viel größer. Sobald ich im Wasser bin, entspannen sich die Muskeln in meinem gesamten Körper, sogar mein Rücken gibt nach. Ich bin schwerelos, kann mich frei in alle Richtungen bewegen. Es ist wie fliegen.“ Zunächst galt es allerdings, die Schwelle von 20 Metern zu überwinden. Was gar nicht einfach war, denn sie kam einstweilen partout nicht über diese Grenze hinaus!
Sie lehnte den Gebrauch von Sauerstoffflaschen ab, ebenso wie eine Maske oder einen Taucheranzug – sogar ihren String hatte sie abgelegt. Wer sollte sie in der Tiefe schon sehen! Und wenn, dann war es ihr gleichgültig, wie ein Fisch wollte sein – bar jeden Schamgefühls!
Da war nur diese verdammte Grenze zu überschreiten! Im Traum schaffte sie es endlich – oder war es in einer Art Halbschlaf. Es war ganz einfach, zuletzt mühelos. Marisol stieg immer tiefer hinab, bis sie die Kälte wieder hinauftrieb. Aber nicht ganz: Zu ihrer Überraschung war die Kälte gar nicht so groß, wie sie zunächst befürchtet hatte – ein warmer Strom ergoß sich über sie, angereicherte mit ausreichend Sauerstoff, denn sie atmen konnte, einem Meerestier gleich.
Sie tauchte tiefer hinab, bis sie Kate fand – diese war mittlerweile zur Salzsäule erstarrt, sodass Marisol nichts mehr machen konnte. Dass Kate tot war und sie selbst lebte, blieb ihr ein dauerhaftes Rätsel. Sie ließ das Mädchen an Ort und Stelle – was hätte ihr gebracht, wenn sie sie an die Oberfläche befördert hätte. Kate sah so friedlich aus – von dem vorangegangen Todeskampf war nicht die leiseste Spur geblieben.
Nun war es wieder an der Zeit, langsam hochzukommen – unter Beachtung der Dekompressionszeit. Da kam sie sich vor wie eine antike griechische Göttin (sie mochte Aphrodite denken), sie war ja wie ihr großes Vorbild nackt, wie sie da an der Oberfläche auftauchte.
Marisol duschte ausgiebig, um sich das Salzwasser herauszuwaschen – besonders der Pflege ihres Haares widmete sie ihre ganze Aufmerksamkeit. Dann zog sie sich fein an. Sie wollte wie aus dem Ei gepellt ausgehen. Behufs dessen musste sie sich mit dem Auto in die Hauptstadt begeben – es handelte sich nebenbei gesagt um Rhodos, wo schöne und ergiebige Tauchgründe lagen, die stellenweise tief hinab reichten.
Sie hatte ihr männermordendes Outfit angelegt, aus dem man sich flugs herausschälen konnte. Zunächst ging sie in die Altstadt essen. Dabei lief so manchen der anderen männlichen Gäste das Wasser im Mund zusammen, wenn sie an dem Kleid herumzupfte, um nicht frühzeitig allzuviel von ihrer Schönheit preiszugeben. Gestärkt durch die Mahlzeit, nahm sie die angeschlossene Tanzfläche in Anspruch – und war sie gleich der Star unter den Tänzern. Da war es früher oder später vollkommen gleichgültig, wenn ihr Rocksaum hinaufrutschte.
Unter all den verschiedenen Tanzpartnern kristallisierte sich ein Typ in kürzester Zeit ein Typ besonders heraus. Er war schlank, etwas älter und hatte schütteres Haar, milde ausgedrückt, dafür trug er einen Rossschwanz und einen Drei-Tages-Bart. Er lud ein, sie in seinem Club zu besuchen, der ihr vollkommen unbekannt war. Es handelte sich um ein exklusives Etablissement, das nicht für jedermann zugelassen war. Nur ausgesuchte Klientinnen und Klienten waren willkommen – die die entsprechenden gesalzenen Preise zahlen konnten.
„Fragen Sie einfach nach ‚The Fish‘ – mein Künstlername! Mein bürgerlicher Name lautet gänzlich unspektakulär Philipos Petridis!“
Das weckte Marisols Interesse – nämlich nicht sein Name, sondern was sich hinter dem Kürzel „Fish“ verbarg. Und es stellte heraus, dass Philipos beruflich das machte, was Marisol als Hobby betrieb – also Tauchen! Er trat als Hauptattraktion in einer Tauchshow auf – mit einem zwanzig Meter tiefen Becken! Da sprang sie gleich darauf, wobei wohlweislich verschwieg, dass sie selbst schon in wesentlich tiefere Gefilde vorgedrungen war.
Sie beschränkte sich darauf, die Veranstaltung zu genießen – wobei sich herausstellte, dass Philipos ähnlich (wie sie auch) seinen Atem ganz schön lange anhalten konnte. Und der Clue war, dass er (unabhängig von ihr) auch den ausgeatmeten Zustand bevorzugte. Ganz konnte er ihr das Wasser nicht reichen, aber das behielt für‘s Erste lieber für sich. Es zeichnete sich eine Seelenverwandtschaft ab.
Sie hängte ihren Beruf als Fremdsprachen-Korrespondentin, der angesichts von Google und Co. ohnehin vom Aussterben betroffen war, kurzerhand und schnell entschlossen an den Nagel – um sich Philipos anzuschließen und fürderhin als „The Fish and The Diver“ aufzutreten. Dabei lernte Marisol die Bedingungen des Showgeschäft schnell – allen voran das Lächeln, wenn dir gar nicht danach zumute ist.
Sie kamen sich näher – wie es kommt, wenn sie quasi auf Tuchfühlung, halbnackt durch den Tank kurvten, und sich fallweise in direkten Kontakt begegneten. Und dann waren sie gänzlich unbekleidet, was bei einem Club wie diesem keinerlei Probleme verursachte – im Gegenteil, die Voyeure beiderlei Geschlechts stürzten sich buchstäblich darauf.
Sie kam wie es früher oder später kommen musste – sie stiegen gemeinsam in die Kiste, wohlgemerkt im stillen Kämmerlein in einem Hotelzimmer, das Marisol als provisorische Unterkunft diente, bis sie ein ständiges Quartier bezog. Das hatte nachgerade keine Eile – sie genoss zunehmend die Vorteile einer professionellen Herberge.
Und es war wunderbar und groovy, zur beidseitigen Überraschung!
Als Philipos und Marisol vertrauter miteinander umgingen – es stellte in kürzester Zeit dieses Urvertrauen ein, wie man es selten bei einem Paar wiederfindet: Die Chancen stehen bestenfalls eins zu hundert! Sie neckten sich, indem sie beide ihre Luft anhielten – selbstverständlich im ausgeatmeten Zustand. Müßig zu sagen, dass Marisol ständig siegreich war!
Er ließ ihr in diesem Fall gerne das Ruder – sonst eher nicht, da war er schon von ausgeprägter Dominanz -, aber bei seiner neuen Freundin legte er äußere Zurückhaltung an den Tag. Er hatte noch niemals einer anderen Frau begegnet, die derartige Präsenz aufwies. Er war fast geneigt, ihr magische Fähigkeiten zu unterstellen – und hatte sie zweifellos, im Wortsinn oder im übertragenen Sinn. Das war gleichgültig – er ordnete sich ohne weiteres und ohne lange zu überlegen unter. Sie musste ein Geheimnis haben, das sie über das Normalmaß hinaushob – er kam nur nicht darauf, um welches Phänomen es sich handelte.
Philipos zerbrach sich den Kopf über dieses Enigma. Er konnte nicht schlafen, musste es vor Marisol unbedingt verbergen, wobei er sich nicht sicher war, ob sie nicht längst draufgekommen war – sie hatte eine Art Röntgenblick, wie er fand. Er kam zuletzt darauf, dass Marisol eine spezielle Eigenschaft besaß – nämlich, dass sie unter Wasser genauso atmen konnte, wie über Wasser. Unerheblich war, wie lange sie in diesem Zustand der Kiemenatmung (oder was es auch immer war) verblieben konnte – theoretisch unbegrenzt. Kiemenähnliche Atmung? Zu sehen war rein äußerlich nichts. Wie sie das machte, blieb verborgen.
Manchmal – zur nicht gelinden Überraschung von Philipos, der ihre wahre Kapazität erkannte – besuchte Marisol Kate in der Tiefe (wie erinnerlich 60 Meter) zunächst mit einem knappen String, dann aber vollkommen nackt, denn wer sollte in diesem Abyssus schon sehen – und wenn, dann hatte sich der Betreffende das redlich verdient. Das Mädchen war bemerkenswert gut erhalten – sie war allerdings, wie erinnerlich, tot. Was jedoch auffiel, war die Tatsache, dass die Kleidungsstücke von einem Mal zum anderen in zunehmender Auflösung begriffen waren.