DAS 31. JAHRHUNDERT
Wir waren androgyne Wesen, seit im 25. Jahrhundert eine gewaltige Explosion unseren Planeten erschüttert hatte – von der wir bis heute nicht die Ursache kennen. Fazit – wir können uns wechselseitig vermehren. Dazu verhilft uns eine zwitterhafte Ausprägung, mit der wir sowohl männliche, wie auch weibliche Komponenten abdecken können. Es wurden sogar Versuche unternommen, dass eine Entität autonom die Fortpflanzung erlaubte – allein, diese Experimente waren bis jetzt zum Scheitern verurteilt. Und das ist nach dem Gefühl mancher eher konservativ denkender Menschen gut.
Wir lebten in Türmen, die uns gestattete, möglichst nicht mit dem Erdboden in Berührung zu kommen – und der war seit dem späten 21. Jahrhundert dauerhaft verseucht. Und hier wussten wir die Ursache genau. Eine selbstverschuldete nukleare Katastrophe, die die Erde heimgesucht hatte, war der Anlass dafür. Wir existierten in einer reinen Dienstleistungsgesellschaft, von der wir nicht wussten, wie sie funktionierte – das Wissen um die Zusammenhänge war längst verloren gegangen. Im Prinzip wussten wir gar nichts mehr – abgesehen von der „Multiplication“.
Aber hier wurden uns enge Grenzen gesetzt – auf Grund des verfügbaren Platzes. Keiner von uns wollte die relative Bequemlichkeit missen, die uns unsere Turm-Städte boten. So hatte jeder von uns ein weitläufiges Appartement zur Verfügung, das wir nur verließen, um uns zu paaren. Und das passierte mittlerweile selten genug. Obwohl wir ständig daran denken mussten.
Woran wir außerdem ständig dachten: an die Online-Zeitung, die komplett K.I.-generiert war, an das ebenfalls komplett K.I.-generierte Radio und an das Fernsehen (ebenfalls komplett K.I.-generiert). Es hatte in grauer Vorzeit einen Typen gegeben, der die luxuriös ausgestatteten Medien der Vergangenheit angeprangert hatte als Teufelszeug. Künftig war es eine Online-Zeitung, ein Radio- und ein Fernsehprogramm – alles andere war unnötiger Firlefanz, der überdies – man kann es nicht oft genug betonen – komplett K.I.-generiert war.
Dementsprechend war unser Alltag öde und langweilig – wir konnten nicht pausenlos an Sex denken, obwohl eine gewisse Abwechslung durch unsere Androgynität bestand. Wir konnten nahtlos einmal Frau, einmal Mann sein. Zu tun hatten wir sonst nichts – die Roboter erledigten alles. Wir hatten Automaten für schlechthin jede erdenkliche Tätigkeit, sogar für geschlechtliche Aktivitäten. Diese erfreuten sich aber immer weniger Beliebtheit wegen der nicht-binären Verfassung unserer Selbst – wir konnten beide Geschlechter sein. Nur ganz introvertierte Menschen griffen noch auf noch die Möglichkeiten dieser Maschinen zurück.
Ich (das unisexuelle Wesen mit Namen Emory XXIII) hatte mit einem Mal das Gefühl, dass ich zutiefst unzufrieden war – eine vollkommen neue seelische Regung, die mich unerwartet überfiel und ich mir bis jetzt nicht eingestehen wollte. Aber dann brach sie umso schrecklicher hervor – ich war plötzlich ein Außenseiter, mehr noch ein Außenstehender, der gegen jede Regel verstieß. Das machte mir ungemein Angst, eine nie dagewesene Angst. Ich suchte Rat bei Emory XX, meinem Urgroßwesen. Diese Gestalt schlug die Hände über dem Kopf zusammen.
Als erstes kam dem Geschöpf der Ausdruck „Blasphemie“ – es bekreuzigte sich (oder was immer man in jener fernen Zukunft für Formen des Abscheu gewählt haben mochte). Es konnte sich überhaupt nicht beruhigen und nur das verwandtschaftliche Verhältnis brachte es davon ab, nicht gleich die Behörden einzuschalten. Nachdem ein wenig Ruhe eingetreten war, beratschlagte mein Urgroßwesen mit mir gemeinsam hingegen, was zu tun sei.
Mein anderes Urgroßwesen, Yuki XX, hatte die rettende Idee – ich sollte zu ihnen ziehen, dzann wäre ich aus der Schusslinie, zumindest vorläufig. Ich hatte im Moment kein anderes Wesen – Avery XXIV, mein bisheriges Partnerwesen, hatte ich wegen einer Nichtigkeit in die Wüste geschickt. Sonst wäre ich gar nicht auf die verrückte Idee mit nebulösen Unzufriedenheit gekommen. Eine Idee, die mich zunehmend beunruhigte (selbst in Absenz meiner Lebensabschnittsbegleitung), wenngleich ich in meinem Exil partout nicht darüber sprach – das war für mich tabu.
Dafür fand ich heraus, dass mir die Online-Zeitung, das eine Radio- und eine Fernsehprogramm zu wenig war – „Blasphemie“ hörte ich mein Urgroßwesenpaar entsetzt rufen. Emory XX und besonders Yuki XX, denn zu diesem Zweck hatten sie keineswegs die schützende Hand über mich gehalten. Ich setzte mich über ihre Bedenken hinweg und begann, eigene Texte zu schreiben, die eben nicht K.I.-generiert waren. Ich träumte davon, ein eigenes Radio- und Fernsehprogramm herauszubringen. Wenn das Urgroßwesenpaar erst von diesen meinen Plänen gewusst hätte, dann hätte sie auf der Stelle der Schlag getroffen.
Ich habe etwas nachzutragen – bezüglich des Nachwuchses. Es war vor urdenklichen Zeiten entstanden – im Zuge der Entwicklung unserer Zwitterhaftigkeit war die „Befruchtung im Glas“ als eine Methode zur künstlichen Befruchtung in Mode gekommen. Darauf folgte eine Kindheits- und Jugendphase, die bei uns auf 21 Tage zusammengeschrumpft war – sodass man in der Praxis nur erwachsene Exemplare zu Gesichts bekam. Und die wurden bis zu zweihundert Jahre alt.
Unbekümmertheit – das ist richtige Wort, um meinen damaligen Zustand zu beschreiben. Dabei waren die Häscher schon auf Achse, um über den Köpfe von Emory XX und Yuki XX hinweg zu entscheiden, wie Dinge lagen – und das war auf keinen Fall gut für mich. In Wirklichkeit waren sie als die Schergen im Auftrag der Behörde unterwegs. Meine Sorglosigkeit entbehrte völlig – wie ich jetzt weiß – jeder Grundlage.
Die Regierung unseres Gemeinwesens war ausgesprochen übellaunig – vielleicht weil sie schon lange an der Macht war. Sie hatte einfach genug von der Verantwortung – nur wusste sie nicht, wer ihr Amt übernehmen würde. Das machte ihr die meisten Sorgen: Würde die kommende Führung grausam oder im Gegenteil nachlässig – würde sie entsetzlich oder gleichgültig sein, würde sie entmenscht oder teilnahmslos sein. Wer konnte das wissen – auf ihre Sukzessorin hatte sie keinen Einfluss mehr. Sie konnte nur abwarten und hoffen, dass sich die Handlanger der Macht in der Zwischenzeit nicht allzu selbständig machten. Sie waren ja am Ende des Tages die Mörderischen und, was noch ärger war, die Indolenten.
Die obskure Obrigkeit, die über den Dingen stand, hatte mich, Emory XXIII, dazu ausersehen, die Regierung zu übernehmen. Ich musste nur Avery XXIV zurücknehmen – und so herrschten wir gemeinsam. Die Nichtigkeit, wegen der ich sie/ihn fortgewiesen hatte, war längst vergeben und vergessen. Wir beschlossen, ein Kind miteinander zu haben und die Befruchtung und die 21-tägige Kindheits- und Jugendphase Avery XXIV anzuvertrauen – der junge Erwachsene hieß folgerichtig Avery XXV.
Ich für meinen Teil begann, den Laden umzukrempeln und keinen Stein auf den anderen zu lassen, wie ich in meinen kühnsten Träumen nicht gedacht, zu tun.
Als vordringliche Handlung setzte ich durch, dass wieder bei der Online-Zeitung Konkurrenz Platz griff, indem ich zweite Zeitung erlaubte, deren Inhalte sich von der ersten diametral unterschied. Es stellte sich heraus, dass es ein Untergrundblatt gab, wo eine Handvoll Journalisten arbeiteten, die nicht K.I.-generiert waren. Ich empfahl, auch beim ersten Organ Ähnliches zu veranlassen. Ich hatte beim Radio und beim Fernsehen vergleichbares vor, aber das war gar nicht einfach – und außerdem fehlte das qualitätvolle Personal. Aber zogen grundsätzlich alle mit – keineswegs.
Ich konnte nur mit größter Mühe mit Unterstützung durch Avery XXIV einen Aufstand niederschlagen, der sich gegen das „Moderne“ meiner Maßnahmen richtete. Genau das war es, was ich vermeiden wollte. Die Meisten hatten es sich mit einem eingeschränkten Angebot zu meiner größten Überraschung bequem gemacht. Sie hatten sich nach unten angepasst und damit das dürftige Niveau noch einmal gedrückt. Und die Mehrheit fühlte sich ganz wohl damit – ein fast unüberwindbares Hindernis für mich, bei allem Verständnis für diese Leute. Sie konnten eigentlich nichts dafür – es hatte sie nur eine allgemeine Lethargie erfaßt.
Wie soll ich sie – noch dazu zum Teil gegen ihren Willen – aus dieser Lethargie befreien? Ich kam nicht lange zum Überlegen, wie ich das anstellen sollte…
Die Handlanger der Macht wagten einen Putsch gegen mich – die obskure Obrigkeit hatte sich wieder vornehm zurückgezogen und schwieg dazu. Ich wurde verhaftet und mit mir auch meine ganze kleine Familie!
Die Mörderischen zogen ungehindert durch unsere Turmstädte und die Indolenten hielten sie nicht auf. Die Mörderischen waren nicht viele, aber sie waren skrupellos, mit ihren Gesichtern, die sie unter Masken verbargen, wodurch sie rein optisch schon bedrohlich aussahen – mit einer anonymen Visage erübrigt sich jede weitere Diskussion. Sie schreckten auch nicht davor zurück, körperliche und/oder sexuelle Gewalt anzuwenden. Besonders beliebt bei ihnen war das sogenannte „Waterboarding“, wo ein Ertrinken täuschend ähnlich nachgebildet wurde – und wo sich somatische und erotische Erfahrungen auf „wunderbare“ Weise miteinander verbanden.
Mir persönlich konnten oder wollten sie nichts anhaben – zu viel Respekt hatten sie vor der Rache der obskuren Obrigkeit und davor, dass sie wieder erscheinen würde. Aber das galt nicht für Avery XXIV und für unseren Nachwuchs, Avery XXV. Sie wurden drangsaliert – gerade das „Waterboarding“ blieb ihnen erspart, offensichtlich mit Rücksicht auf mich. Sonst hatten sie kaum etwas zu lachen – man schenkte ihnen nichts. Sogar ihre Computer hatte man ihnen weggenommen – nicht, dass in der Online-Zeitung etwas Aufregendes zu lesen war. Aber mit irgendeiner Sache mussten sie sich beschäftigen, um nicht total zu verdummen. Allerdings war das Verlangen der Mörderischen genau darauf abgerichtet. Mir hatten sie meinen Computer gelassen – allerdings machte ich nur wenig Gebrauch davon. Ich hatte gelernt, mir die Dinge einfach zu merken. Ungeheure Datenmengen konnte mühelos ich im Gedächtnis behalten.
Dessenungeachtet: Ich musste hier ‘raus!
Wir hatten in unseren Gefängnissen rätselhafte Einrichtungen zur Abwehr von Ausbruchsversuchen. Ich hatte mich zu meinen Pech nicht damit beschäftigt, was Wunder, die Chance einsperrt zu werden, hielt sich bis zum aktuellen Fall in Grenzen. Nun aber befasste ich mich intensiv mit dem Thema. Das Prinzip war eine Art Lichtschranke, die den Wechsel zwischen Kerker und Freiheit verhinderte. Ich suchte krampfhaft nach einem möglichen Ausweg, bis ich an der linken unteren Ecke eine Stelle fand, bei der die Ermüdung des Materials es brüchig erscheinen ließ. Und von hier rollte ich das Ding – unter Zuhilfenahme meines Ärmels – langsam und schrittweise voran. Bis die Lichtschranke unter großem Getöse zusammenbrach – ich war frei!
Ich durchkämmte die restlichen Kerker nach meiner Familie – dann der Schock: die Zwei waren tot, entsetzlich zugerichtet!
An Avery XXIV war mir nicht so viel gelegen, wie an Avery XXV, aber als ich sie vor mir liegen sah, in ihrem Blut, wurde mir ganz anders. Besonders ging mir das Hinscheiden meines Stammhalters/meiner Stammhalterin über Gebühr nahe, hatte ich doch große Pläne mit ihm/ihr. Ich schwor Rache – bevor nicht meine Feinde/Feindinnen allesamt tot vor meinen Füßen lagen, allesamt verstümmelt, würde ich keine Ruhe geben.