ER
Noah Seifert hatte ein einziges großes potenzielles Problem – dass er auf Kommando keine Erektion zustandebrachte. Bis zur Stunde hatte ihn das Schicksal allerdings nicht im Stich gelassen, aber die Angst zu versagen war seine ständige Begleiterin – namentlich mit zunehmendem Alter. Er war Vierzig-plus. Er war Splitternackttänzer, das heißt von Anfang an hüllenlos. Seine Unique Selling Proposition war es, dass er vor versammelter Damen-Mannschaft paradierte und seinen erigierten Penis betatschen ließ und auch, wenn gewünscht, das Glied einführte – hier war es natürlich unumgänglich, dass die männlichen Schwellkörper (Corpora cavernosa penis) funktionierten. Während das nicht ganz einfach war – der Ständer musste verlässlich arbeiteten.
Die Ladys waren weniger zimperlich, zumal wenn sie schon total aufgeheizt waren. Bei ihnen war die Sachlage eine völlig andere: Die Corpora cavernosa clitoridis (Klitorisschwellkörper) können bei sexueller Erregung sehr schnell und sehr dynamisch anschwellen. Die Frauen waren richtig heiß und ungestüm, sie legten ein heftiges, stürmisches oder unbändiges Verhalten zutage, ohne Zurückhaltung oder mit großer Leidenschaft – im Gegensatz zu Noah. Es war ihm manchmal tatsächlich langsam ein bisschen unangenehm, so auf Tuchfühlung zu gehen – egal, welche Dame ihn berührte: Ob dick oder dünn, gepflegt oder ungepflegt, schön wie Venus oder abgrundtief häßlich.
Seifert brachte es noch immer. Er lieferte schließlich einen makellosen Körper ab – kein Quäntchen überflüssiges Fett war zu bemerken. Er hatte ein ansehnliches Gesicht – Vollbart inklusive. Er war schlechthin vollkommen, zumindest nahe daran. Das war nicht zuletzt das Geheimnis seines Erfolges. Und er war klug, obwohl für die Frauen etwas mehr Handfesteres von ihm erwartenden – und etwas mehr Handgreifliches.
Klugheit war etwas zum Drüberstreuen, ein Luxus, den er sich für sich selber gönnte. Er verdiente nicht schlecht und obwohl er ein längeres Ablaufdatum hatte als die weiblichen Wesen in der Branche – von wegen: Der Mann wirkt mit zunehmenden Alter immer interessanter auf die Schnepfen, die seine Kundinnen waren. Aber auch ihm schlug eines schönen Tages die Stunde des Abschieds. Er hoffte, dass er sich dann endgültig zur Ruhe setzen konnte, und nicht etwas weniger Attraktives praktizieren würde, das noch dazu miserabel bezahlt war.
Er liebte im Prinzip seine Profession, wenn man von negativen Begleiterscheinungen absah – aber wo gab‘s diese nicht. Und von gewissen irrationalen Ängsten des Scheiterns, die ihn stets begleiteten!
Noah hatte noch einen Vorteil – er setzte sich hautnah (und wenn man sagt: hautnah, dann meint man das im Wortsinn) und körperlich dicht in Szene.
Das machte ihm nichts aus – im Gegenteil, er genoss es in der Mehrzahl der Fälle durchaus.
Da ging er dann auf‘s Ganze, schnappte sich eine Lady, egal ob schön oder häßlich, nach der anderen. Wenn er einen guten Tag hatte, vergaß er das Drumherum und gab sich seinen psychedelischen Spielchen hin. Das war nicht immer garantiert, aber hin und wieder passierte es – dann rastete er völlig aus. Am Ende sank er in sich zusammen und blieb regungslos liegen – sein Penis stand noch immer hoch aufgerichtet. Er hatte sein bestes Stück trainiert, er schaffte es mittlerweile, seine Erektion an die dreißig Minuten aufrecht zu erhalten. Wenn er nicht von jenen aberwitzigen Panikattacken heimgesucht wurde.
Zum Schluß verabschiedete höflich von den Frauen und sagte sein Sprüchlein auf: „Danke, es hat gefreut, mit Ihnen zusammenzuarbeiten. Auf ein nächstes Mal!“
Dann ging Noah erschöpft nach Hause – er hatte genug von den Frauen, egal ob schön oder häßlich. Er legte sich in sein Bett und er schlief den Schlaf der Gerechten, ausgiebig und traumlos. Morgen war auch ein Tag…
Ein opulente Frühstück mit Kaffee, Toast mit Butter und Marmelade, zwei Spiegeleiern und Abschluss einen Kuchen – er hatte gestern Abend nichts mehr gegessen, so k.o. war er gewesen. Jetzt fühlte er sich langsam besser und zu neuen Taten gerüstet. Er fuhr mit dem Taxi down-town, wo er ein erstklassiges Restaurant besuchte – er hatte schon wieder Hunger. Er bekämpfte ihn mit einem blutigen Steak mit ordentlich Pommes-frites. Anschließend gönnte er sich abermals Kaffee und konnte das erste Mal die Ladys von gestern Revue passieren lassen.
Es wäre schon die eine oder andere dabei gewesen, die ihm gefallen hätte – dank seines fotografischen Gedächtnisses hatte die Möglichkeit, die Frauen auseinander zu halten. Dabei konzentrierte er sich auf die Allerschönsten – dass er freilich die Hässlichen außer Acht ließ, die ihm vielleicht geistig etwas zu sagen hätten, war in dem Fall irrelevant. Dazu hatte spezifische Freundin in petto, die er gelegentlich in unregelmäßigen Abständen sah und die Schönheit und Klugheit miteinander verband.
Sie hieß Aphroditi Nikolaidis und war, wie der Name schon sagt, Griechin. Sie hatte gegen seinen Beruf nichts – ja, es amüsierte sie sogar, wenn er hin und wieder etwas erzählte, nicht zu oft, denn das ermüdete sie rasch. Noah versuchte genau, zwischen Pflicht und Neigung zu unterscheiden.
Wenn es ihm auch manchmal schwerfiel, nicht durcheinander zu kommen mit seinen Gefühlen. Es war wie wenn eine Prostituierte einen Freund hatte, der nicht auf kommerzielle Weise ihr verkehrte. Er hatte früher seine Probleme mit dieser Konstellation – aber nicht seit er Aphroditi kennengelernt hatte. Er liebte sie wirklich, wie er noch nie eine Frau geliebt hatte. Und das lag an ihrer unprätentiösen Art.
Sie wusste genau, wie sie mit dem Thema umzugehen hatte – sie nahm es einfach nicht wahr. Ihre Attraktivität (und sie war felsenfest davon überzeugt) war so groß, dass es keinerlei Zweifel gab – sie war die Schönste weit und breit!
Dagegen waren die Tussis machtlos! Sie prallten an ihr ab, so als hätten sie gar nicht existiert!
Dennoch hatte Noah nicht die Absicht, seinen Broterwerb aufzugeben – er hatte nach eigenem Ermessen nichts anderes gelernt (also gar nichts in Wahrheit). Er war nach der Schule praktisch hineingeschlittert in diesen „Beruf“. Seither war er nicht wieder davon losgekommen und es machte ihm Spaß – die Einschränkungen wurden genannt.
Und Aphroditi hatte nichts dagegen – fast wäre er in einer Art „negativer Präokkupation“ fast ein wenig eifersüchtig geworden. Seine Freundin war so voller Desinteresse, dass es ihn schmerzte. Aber sonst war sie okay – schwer in Ordnung.
Noah hatte sie erst jetzt gefragt, was sie beruflich machte – die typisch männliche Indolenz, die primär die eigene Biografie im Vordergrund sah. Erst die unverkennbare Gleichgültigkeit, die Aphroditi hinsichtlich seines Metiers an den Tag legte, hatte ihn wachgerüttelt.
„Ich arbeite in der P.R.-Branche!“, sagte sie stolz, „Als Leiterin – kurz gesagt: Mir gehört der Laden!“
Noah war beeindruckt – das hätte er trotz aller Liebe nicht von ihr erwartet. Er hatte – im Gegensatz zu Aphroditi, die kein Bedürfnis hatte, ihn bei der Arbeit zu beobachten – den dringenden Wunsch, die P.R.-Agentur ehestens zu besuchen.
„Das halte ich für keine gute Idee – da würdest Du nur Leute sehen, die über die Kampagnen beziehungsweise über die zugehörigen Werbesprüche nachdenken!“ – Etwas sagte ihm, dass da nicht alles mit rechten Dinge zuging, sonst hätte sie ihm den Zugang ohne weiteres erlaubt. Er würde schon noch dahinterkommen. Für den Moment drang er jedoch nicht weiter in sie. Er genoss ihre Anwesenheit und den unvergleichlichen Sex mit ihr – wenn sie denn da war.
Noah besuchte heimlich die von Aphroditi angegebene vornehme Adresse in der Innenstadt – ein Prachtbau, die „Dienstlocation“ ihrer Werbefirma. Stutzig machte ihn die Tatsache, dass dort keinerlei Betrieb – Totenstille, da war die nicht die geringste Aktivität festzustellen. Soweit er erkennen konnte, war nur ein einzelnes Büro besetzt – das von Aphroditi.
Er beschloss, sie bei nächster Gelegenheit (bei einem intimen Zusammentreffen) darauf anzusprechen. Wenn sie richtig heiß war, würde sie schon mit der Wahrheit herausrücken. Und so war‘s auch – im Liebesrausch verriet sie ihm das Rätsel: Sie waren in gewisser Weise Kollegen! Aphroditi betrieb in der Realität eine Escort-Agentur, wobei es den Damen anheimgestellt war, wie weit sie gehen wollten – und Noah neue Freundin war eine davon. Sie stand ebenso zur Verfügung, wie es jede aus ihrer Truppe tat.
Da mussten sie – genauso wie Noah – bedingungslos parat stehen. Anders als bei Noah blieb aber Zeit für eine gepflegte Unterhaltung – zunächst angezogen. Hier wie dort war der Endeffekt genau der Gleiche – sie und die Klienten landeten nackt im Bett oder auf der Tanzfläche. Und dort mussten Aphroditi und Noah mussten die Befehle des jeweiligen Auftraggebers erfüllen. Das sie mitunter ein gewisses perverses Vergnügen verspürten, bleibe dahingestellt.
Dass Noah dabei ein Einzelkämpfer war, führte Aphroditi zu einem logischen Schluß. Ihr Partner sollte in das „Geschäft“ einsteigen – gleichgesinnte Freunde zu finden, sollte nicht das Problem darstellen. Sie kamen groß ’raus – als sozusagen reziprokes Unternehmen.
Das „reziprokes Unternehmen“ wurde auf neue Beine gestellt. Nicht so bisher sollte Aphroditis Firma mit fixen Mitarbeitern funktionieren, sondern die Beschäftigten sollten Sub-Unternehmer werden. Für Noahs Teil der Mannschaft galt das sowieso. Der große Nutzen dabei war, dass die Haupt-Gesellschaft keinerlei Steuern und Abgaben bezahlen musste und nur Miete für Zuverfügungstellung von entsprechende Räumlichkeiten zu entrichten hatte – was die Sub-Unternehmer künftig anstellten, ging die Haupt-Gesellschaft gar nichts an.
Aphroditi und Noah waren mittlerweile an der Haupt-Gesellschaft zu gleichen Teilen beteiligt. Sie zogen immer störker aus den operativen Geschäft, nahmen auch nur mehr selten direkte Aufträge an – und wenn, dann musste es um heikles Vorhaben gehen. Wie zum Beispiel, was Noah betraf, die Top-Kundschaft, eine Managerin aus der obersten Führungsschicht, abgrundtief häßlich, aber betucht – und was Aphroditi betraf, hatte ein reicher Generaldirektor, der ebenso häßlich war, seine Fühler nach ihr ausgestreckt. Sie handelten es beide professionell und wie sie es gewohnt waren. Allerdings fiel es ihnen zunehmend schwerer, dies angesichts besserer Möglichkeiten
(under construction)