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SUSIE Q

Sie starrte stundenlang aus dem siebzehnten Stock aus dem Fenster, nur mit einem kurzen Nachthemd bekleidet. Sie wiegte sich vor und zurück – gottlob waren die Scheiben nicht zu öffnen, sonst hätte sie nicht dafür bürgen können, dass sie nicht früher oder später gesprungen wäre – von einer plötzlichen Todessehnsucht erfasst.

Susie Quistorp, der Einfachheit halber Susie Q genannt, war auf ihre Art ein lustiges Huhn. Ende Zwanzig und allzu früh Waise geworden, was (bei aller Trauer) den angenehmen Beigeschmack hatte, dass sie das unbeträchtliche Vermögen geerbt hatte. Das zu verprassen, reichte ein Leben nicht aus, zumal sie auf vernünftige Weise damit umging. Ihre vielen Millionen legte sie klug an – infolgedessen wurden die Millionen noch mehr. Was sie sich allerdings schon leistete, war die exklusive Wohnung in Jumeirah, Dubai – sie war weit weggezogen von Wien. Und sie hatte leidlich Arabisch in Wort und Schrift (Letzteres war immerhin bemerkenswert) gelernt.

Und da stand Susie Q nun. Und sie wiegte sich vor und zurück – der leise Windhauch der Klimaanlage gab hin und wieder den Blick auf ihre Geschlechtsteile preis, doch sie schenkte dem kaum Beachtung.

Dabei handelte von außen her betrachtet, um bei ihr um eine bemerkenswerte Erscheinung – sie war schlank und wohlgebaut, man könnte sagen, war sie war sexy. Und sie hatte Grips, wenn man ihre bisherigen Entscheidungen, was das Investment betraf, berücksichtigte. Und dennoch war Susie Q wie ein Kind, das sozusagen mit schlafwandlerischer Sicherheit agierte. Und da war noch die ab einer Höhe von 30 Metern auftretende Todesangst, das Gefühl in die Tiefe gezogen zu werden – in geschlossenen Räumen trat dieses Phänomen nicht auf, wohl aber bei Balkonen.

Susie Q hatte bis jetzt nur einen Freund namens Robert, der Nachname war ihr entfallen, damals in Österreich – er wusste es überhaupt nicht zu schätzen, was er da die für einen Schatz an Land gezogen hatte. Er behandelte sie rau, besser unbeholfen – da waren zwei komplett Unrichtige zusammengekommen. Jedenfalls verließ sie ihn, kurz nach dem Unfalltod ihrer Eltern, als sie Dubai-Abenteuer begonnen hatte.

Im Nahen Osten war es im Prinzip dasselbe wie Zuhause – sie war in Beziehungsdingen völlig passiv, lethargisch könnte man es auch nennen. Woher sie die Energie mit dem Investment aufgebracht hatte, blieb ein Rätsel. Nachdem sie ihre Anlagestrategie getroffen hatte, machte sie im Moment gar nichts. Sie wartete und wartete, bis etwas passierte.

Und dann geschah Folgendes – bei einem ihrer seltenen Ausflüge in das Einkaufszentrum „Mall of the Emirates“ (wieder komplett angezogen) lernte sie einen jungen Beduinen kennen, der sich kaum seinen Tee leisten konnte. Er wurde auch von Management des Zentrums nicht gern gesehen – folgerichtig schnorrte er bei Susie Q ganz ungeniert den Betrag für einen zweiten Tee. „Mein Name ist Hassan ibn an-Numan!“, sagte er stolz.

„Darf ich Dich in mein Zelt einladen!“ – Susie Q und Hassan mussten ein schönes Stück in die Wüste fahren (ein Auto hatte er jedenfalls). Und in einem Anfall von Wahnsinn war sie einverstanden. Sie traute ihm aus irgendwelchen obskuren Gründen über den Weg. Am Weg zu seiner Behausung herrschte Schweigen – sie war aufgeregt aus verständlichen Motiven, aber sie machte keinen Rückzieher.

Wobei die Sache eine einfache Auflösung fand: Die Mutter von Hassan, Layla Qahtan, empfing sie herzlich, ganz unarabisch freundlich. – „Bei den Beduinen ist manches anders – wie ersichtlich, obwohl wir dieselbe Sprache sprechen. So bedeutet ,Layla‘ die Schönheit der Wüstennacht – und wirklich Ihr seid beide bei Beginn der samtenen Dunkelheit hier eingetroffen!“ – Die blumige Ausdrucksweise war charakteristisch für diesen Teil der Welt.

Dann ließ Layla eine traditionelle Beduinen-Mahlzeit – ist stark von der Wüste geprägt, einfach und nahrhaft. Im Mittelpunkt stehen Reis, Lamm oder Huhn, oft gegart in einem Erdofen (Zarb). Basisnahrungsmittel sind Fladenbrot, Datteln, Ziegenmilch und Olivenöl. Das Essen wird oft gemeinschaftlich und mit den Händen serviert. Als Beilagen dienten Hummus, Baba Ghanoush, eingelegtes Gemüse, Nüsse und Datteln. Für einen Beduinen dauerte das Essen oft stundenlang – währenddessen wurden Muhadatha khafifa (Leichte Konversationen) erzählt. Susie Q wusste oft nicht, was davon wahr war – und was davon Fiktion…

Die Quistorp beschlich ein merkwürdiges Gefühl, das immer stärker von ihr Besitz ergriff. Zum Schmaus wurde Wasser gereicht – sie hatte aber den Eindruck, dass da eine gewisse unidentifizierbare Substanz darin enthalten sein musste. Sie zog sich ganz schamlos nackt vor der versammelten Mann- beziehungsweise Frauschaft aus, dabei hatten die Wüstenbewohner ein strenges Gesetz, nämlich sich nicht zu entblößen. Und wenn, dann nur in der intimen Zweisamkeit, was sich in einem Zelt ganz schön schwierig gestaltete – die Zwei, um die es hier ging, mussten (wenn sie, die Eiseskälte im Freien nicht fürchteten) einfach in die Wüste entschwinden.

Hassan wollte nur einen europäischen Körper völlig unbekleidet sehen und Susie Q fand nichts dabei, denn die Droge hatte bewirkt, dass alle Anwesenden in ihrer Vorstellungswelt ohne Kleidung waren. Layla fand den Missetäter rasch heraus, denn sie kannte mit Rauschmitteln aus. Ihm wurde umgehend der Kopf gewaschen und die Kleine (notdürftig wieder bedeckt) von Hassans Mutter in Sicherheit gebracht.

Dann aber war Layla selbst von Neugier zerfressen. Sie ging mit Susie Q weit fort auf einen Hügel, wo die Sterne hell leuchteten. – „So und jetzt entkleide Dich!“, während sie selbst sich entkleidete, rasend vor Verlangen. Die junge Frau erstarrte vom Frost, andererseits war sie von Lüsternheit übermannt, wie sie sie noch nie verspürt hatte. Das lag an Hassans Mutter, an ihrer Außergewöhnlichkeit, an ihrer Exotik, an ihrer außergewöhnlichen erotischen Ausstrahlung, wie Susie Q es noch nie bei einem anderen weiblichen Wesen erlebt hatte. Sie schliefen miteinander, sowie sie waren, unabhängig von der Kälte, im Evaskostüm.

Sie benützten die Neunundsechziger-Stellung, bei der beide Partnerinnen sich gegenseitig oral stimulierten. Susie Q, die Ähnliches keineswegs gemacht hatte (weder mit einem Mann, noch mit einer Frau), erfuhr sie ungeheure Befriedigung. Sie beschlossen, mit Hassans Wagen nach Dubai zurückzukehren. Hassan war ohnedies abgemeldet – durch die jüngsten Ereignisse. Er hatte absolut das Nachsehen, schon aus Respekt seiner Mutter gegenüber, immer noch das Sagen hatte und unverrückbar auf ihr Recht pochte. Ihr Sohn sollte auf die Ziegen aufpassen und sich nicht länger um die junge Frau kümmern.

Das umfasste auch die Befugnis, zu reisen, wohin es ihr beliebe. In der Hauptstadt nahm Layla von ihrem neuen Zuhause wie selbstverständlich in Besitz, und Susie Q hatte gar nicht dagegen – nur damit sie in angenehmerer Umgebung ihre Experimente fortsetzen konnten.

Dann aber verspürte die Qahtan schlichtweg Hunger, und nachdem sie sich von der Leere des Kühlschranks überzeugt hatte, gingen sie Beide einkaufen. Da war kein Mangel an Auswahl – die Fülle des Orients und des Okzidents standen ihnen zur Verfügung.

Und dennoch schweifte die junge Frau ab: „Ist Dir schon jemals die Koinzidenz Layla Q und Susie Q aufgefallen?“ – „Und was heißt das jetzt?“ – „Gar nichts – ich wollte nur darauf hinweisen!“

„Lass‘ uns endlich unsere Einkäufe erledigen!“, sagte Layla strenger, als das ursprünglich vorgehabt hätte. Und begütigend setzte sie hinzu: „Ich sterbe langsam vor Gier, was zum Beißen zu kriegen!“ – Und sie kauften das Beste aus zwei Welten und bereiteten sich ein Mahl, das alle Stückchen spielte.

Dann wollte Susie Q gleich mit ihren Versuchen fortfahren – da hatte Layla Q was dagegen. „So vollgefressen, wie wir jetzt sind, wird das nichts. Die Speisen und Getränke müssen sich erst setzen – dann ist die Qailulah (Mittagsruhe) vorbei. Und anschließend können wir wieder zu neuen Taten schreiten.

Die neuen Taten ließen sich sehen. Susie Q fiel von einer Ohnmacht in die andere vor Wohlgefühl.

(under construction)