DIE SAXOPHONSPIELERIN
Candy Camano war eine hervorragende Saxophonspielerin, nicht nur in Form einer Selbsteinschätzung, sondern auch allgemein. Nur war ihr der durchschlagene Erfolg – zumindest bis jetzt – versagt geblieben. Das kränkte sie im zunehmenden Ausmaß über Gebühr. Das war ungerecht – da waren welche, die waren schlechter als sie, und die produzierten einen Kassenschlager nach dem anderem. Und sie – sie produzierte einen Flop nach dem anderem – ihre finanziellen Ressourcen waren nahezu aufgebraucht und nagte am sprichwörtlichen Hungertuch.
Sie konnte sich gerade den morgendlichen Kaffee und ein Croissant leisten, was den angenehmen Nebeneffekt hatte, dass sie abnahm. Candy war ein bisschen mollig, und um der Wahrheit die Ehre zu geben – sie war fett. In einer Zeit, wo der Schönheitswahn immer stärker um sich griff, die ungünstigsten Voraussetzungen für eine gelungene Musikkarriere. Aber das wurde jetzt mit jedem Tag ihrer zunächst unfreiwilligen Abmagerungskur besser – sie nahm wieder Formen an. Und am Ende war sie sexy!
Und so sexy, dass sich plötzlich die Männer nach ihr umdrehten – manche pfiffen ihr auch hinterher. Das war ihr nicht so ganz recht, denn Candy Camano war eine seriöse Künstlerin, die derartige Kundgebungen nicht nötig zu haben schien. Und dennoch gefielen sie ihr insgeheim, da sie sie so lange schmerzhaft entbehren musste. Umso mehr genoss sie neue Aufmerksamkeit, die ihr jetzt zuteil wurde – sie hoffte, dass sich das in den Verkaufszahlen niederschlagen würde.
Aber weit gefehlt – das optische Aussehen war entscheidend, nicht ihre Kunst! Diese Oberflächlichkeit, die sich hier zeigte!
Candy war zutiefst enttäuscht. Da mochte sie gleich als Model arbeiten – das kam für sie nicht in Frage. Daher heuerte sie ganz normal bei einem Büro-Job an. Die neuen Kolleginnen waren etwas skeptisch ob ihrer Schönheit, die Kollegen waren aus demselben Grund besonders „nett“ zu ihr – es ging ihnen allerdings nur um die äußere Erscheinung, was sie schwer desillusionierte. Keine Rede davon, dass sie am Computer ein Ass war und sich allgemein durch eine hohe Auffassungsgabe auszeichnete.
Aber sie musste da durchbeißen – und abends im stillen Kämmerlein ihrer eigentlichen Begabung frönen, dem Saxophonspiel. Da kam sie drauf, dass sie noch Einiges zu lernen hatte bezüglich der Theorie des Instruments – insbesondere die Holzbläser-Ansprache mit metallischer Projektion. Aber das war mittlerweile höchst privat geworden – sie veröffentlichte keine Alben mehr. Wie denn auch?
Candy Camano war pleite, war pleite in einem bisher ungeahnten Ausmaß – sie konnte froh sein, dass sie den Job als Mitarbeiterin im Backoffice der Wiener Stadtwerke erhalten hatte. Große Sprünge konnte man in dieser Position ohnehin nicht machen – das, was sie von ihrem bescheidenen Gehalt zu leisten im Stande war, brauchte sie zum Leben.
Sie richtete sich auf unauffälliger Basis ein. Unauffällig – das war ihr neues Stichwort. Sie zog sich durchschnittlich an. Nur nicht bei den Kolleginnen negativ auffallen. Auch die Kollegen verloren bald ihr Interesse an ihr, da sie zunehmend wie eine graue Maus daherkam.
Eine ihrer Kolleginnen namens Odila Ahlgrymm blickte allerdings tiefer – sie zog sie regelrecht aus, und es kam ihr nahezu perfekter Körper, den sie zwangsläufig durch unfreiwilliges Fasten erzielt hatte, zum Vorschein. Sie verstand sich auf Anhieb und ohne ein Wort zu wechseln mit Odila. Allein durch ihre Physis, konkret gesagt durch ihre Unbekleidetheit, die ihre Geschlechtsgenossin mit ihrem Röntgenauge erfasst hatte, war alles gesagt.
Ich habe – neben unserer gemeinsamen Berufstätigkeit – hobbymässig die Jazz-Gitarre -“, setzte Odila an. – Candy unterbrach sie abrupt: „Ich habe ein ähnliches Schicksal mit mit meinem Jazz-Saxophon!“ – Sie kamen überein, dass es sich um mehr als eine bloße Liebhaberei handelte, sondern um ihre eigentliche Bestimmung.
Da war Odila ein schönes Stück weiter in den Bemühungen. Sie hatte eine Quelle aufgetan, indem sie nachts vor einem ausgesuchten Publikum von vielleicht fünf, sechs Herren, manchmal zehn, aber nicht mehr, performte.
„Und das lohnt sich für Dich?“ Candy konnte sich kaum fassen. – „Auf den ersten Blick nicht – gäbe es da nicht Benefits der besonderen Art für mich, die sich gewaschen haben! Du musst nur bereit sein, Dich freizumachen!“ Odila zögerte ein wenig, die unvermeidliche Frage zu beantworten
Candy: „Was bedeutet ,freimachen‘ genau?“
Odila: „Du musst während der Performance völlig nackt sein und nach der Veranstaltung in sogenannten Einzelturnieren die Gäste zu befriedigen!“
„Das heißt auf gut Deutsch – ich soll mich mich prostituieren…“
Odila: „Ein hartes Wort für eine einfache Tatsache! Darf ich Dir meine Kontoauszüge zeigen – da wirst Du Augen machen und mich weniger anmaßend beurteilen!“
Der Kontoauszugs-Check unterblieb schließlich – Candy glaubte ihrer Partnerin auch so auf‘s Wort. Was sollte das Kürzel „Partnerin“ – sie überlegte ernsthaft, ob sie sich eventuell Odila anschließen wollte. Die Entscheidung war in Wahrheit längst gefallen. Aus einer Notlage heraus, und weil sie auch an das ganz große Geld herankommen wollte.
So einfach war es dann doch nicht – als die erste „Show“ losging, hatte sie unmittelbar davor Fracksausen. Dann aber konzentrierte sie sich auf ihr Spiel und die Befangenheit war wie abgefallen. Was dabei als hilfreich erwies, war der Umstand, dass die „Regio pubica“ bei den Beiden durch die Schambehaarung notdürftig abgedeckt schien – zusätzlich gewährleisteten (und das war das Entscheidende) die jeweiligen Instrumente einen gewissen Schutz. Dass das eine blanke Ausrede war, war jedem der Beteiligten bewusst, obwohl sie nicht darüber sprachen. Anschließend fand das statt, was Odila so trefflich als Einzelturnier beschrieben hatte Was dann bei den sogenannten Einzelturnieren passieren würde, darüber schwieg momentan die Chronik. Odila hatte schon die Erfahrungen gesammelt, aber sie verriet nichts. Candy musste ihre eigenen Erkenntnisse machen.
Und dann startete das Konzert – sie traten auf Teufel komm‘ ’raus auf. Das spärliche Publikum (heute waren es sieben) war begeistert – besonders das neu hinzugekommene Saxophon fand allgemein Anklang. Das ergab einen frischen satten Sound. Aber auch die Gitarre lief zu einer außergewöhnlichen Vorstellung auf. Candy war endlich in ihrem Element – sie einwickelte sich unmerklich zum Star der Veranstaltung. Allein, sie spielte den Eindruck herunter zugunsten von Odila – im Sinne des Gesamtkunstwerkes.
Anschließend fand das statt, was Odila so trefflich als Einzelturnier beschrieben hatte. Die Männer, die sich das leisten konnten, waren reiche Geschäftsleute aus der I.T.-Branche sowie Angehörige des Hochadels – eine handverlesene Truppe. Sie waren großteils die Gleichen und waren begierig auf die kommenden Genüsse, wobei sie die beiden Künstlerinnen, die sie eben noch als menschliche Wesen betrachtet und ihnen applaudiert hatten, von einem Moment auf den anderen als Prostituierte sahen – austauschbar und ersetzbar und vertretbar.
Während Odila schon abgebrühter war und die Behandlung sozusagen apathisch hinnahm (sie konnte in der Zwischenzeit an was ganz anderes denken bei der Prozedur), kam sich Candy wie ein attraktives Stück Fleisch vor, für die Männer mutmaßlich ohne eigene Gedanken, willenlos. Das weckte in ihr einen eklatanten Widerspruchgeist – so war sie nicht. Sie beschloss, die Kerle (was anderes waren sie nicht – trotz hoher und höchster Positionen) ihrerseits zu manipulieren, indem sie auf den wüsten Haufen herabblickte und als das sah, was er wirklich war – als eine Ansammlung von Schweinen.
Odila machte so weiter wie bisher – mit der Konsequenz, dass sie sich wieder von Candy entfernte. Candy befand sich auf einer Art Kreuzzug mit dem Ziel, die Männer zu demütigen. Odila war auf das Tiefste enttäuscht von ihrer Partnerin.
„Wir haben doch so gut zusammengearbeitet – Dein Saxophonspiel (und ich stehe nicht an, es zuzugeben) hat den letzten Schliff an Präzision bedeutet. Und was das Übrige betrifft – so sind die Mannsbilder eben: Unsensibel bis zum Gehtnichtmehr, testosterongesteuert, auf ihre Schwänze bedacht. Mein Ehemann zum Beispiel -“ (das erste Mal, dass Odila ihn erwähnte) „- ist auch so ein Macho. Wir führen eine gesittete Verbindung mit einer Ausnahme: Wenn er wüsste, was ich da hinter seinen Rücken mache, würde er ausrasten. Ich nehme an, er würde mich sogar verprügeln. Das ist meine Rache für sein Chauvi-Verhalten! Dixi – ich habe alles gesagt!“
Candy war perplex – so eine langen Vortrag hatte sie von Odila selten gehört. Und was die Tendenz der Aussage betrifft, war sie gar nicht so grundverschieden vom Candys Statement. Sie trat einer Revision ihrer eigenen Position nahe. Warum sollte man sich nicht dem Standpunkt der Freundin zu eigen machen – Rache auf Umwegen. Aber an wem sollte man sich rächen – an der gesamten Menschheit. Das schien absurd!
Dann aber waren da stellvertretend jene wenigen Großkopferten, die es zu desavouierten galt – je weniger man die Männer beachtet (selbst bei laufenden Sexualverkehr), desto mehr werden die Freunde gieren nach Anerkennung, und wenn es nur der Wunsch nach Beachtung ist. Danach hatte man – gemäß den Rezept von Odila – die Burschen völlig der Hand.
Candy und Odila wieder vereint im Kampf gegen das männliche Macho-tum…