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ZWEI DINGE SIND UNENDLICH…

… das Universum und die menschliche Dummheit! An dieses Einstein-Zitat musste Liah Ganbold gelegentlich denken, wobei sie fallweise den witzigen Zusatz hinzufügte – beim Universum sei sich der weltbekannte Physiker gar nicht sicher.

Liah, auch bekannt als die Löwenstarke (da ihr Vorname aus dem Persischen stammte), hatte diese Bezeichnung als berufliches Lebensmotto gewählt. Sie war Kriminalkommissarin, berühmt dafür, nicht aufzugeben, bis der Verbrecher oder die Verbrecherin hinter Gittern saß.

Privat war sie weniger zielstrebig – da konnte Liah beispielsweise stundenlang über bewusstes Einstein-Zitat nachsinnen und die Implikationen, die sich daraus ergaben, abwägen. Man merkt, sie hatte an der Universität einige Semester Philosophie studiert. Dabei war ihr ein Satz von Immanuel Kant in Erinnerung: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde!“ – der Kategorische Imperativ eben. Auch darüber konnte sie ewig nachdenken.

Ihre persönlichen Umstände waren ziemlich chaotisch, nicht mehr und nicht weniger. So sehr sie dienstlich hochorganisiert war, umso eher ließ sie im Privatleben die Zügel schleifen. Gerade, dass sie sich einen Platz freihielt, wenn sie zur Arbeit aufbrach, tadellos gekleidet und aufgerouget. Sonst herrschte in ihrer Wohnung das totale Hullabaloo, eine Disziplinlosigkeit, die ihresgleichen suchte. Aber Liah fühlte sich zuhause wohl.

Sie hatte keinen Mann zur Verfügung – der Bisherige war letztlich vor all der Anarchie geflüchtet. Sie war schon eine komische Nuss – sein Verschwinden störte sie schon, da sie dem Sex nicht entraten wollte, aber dass sie ihren eigenwilligen Lebensstil ändern sollte, dazu war sie auch nicht bereit. Liah war ratlos – sie war total durcheinander.Sie stürzte sich in einen neuen Fall, der soeben hereingekommen war. Sie ging gewohnt professionell an die Sache heran – ganz anders, als dies in ihrem privaten Umfeld üblich war.

Der Fall war knifflig – es ging um eine Frau (ihr Name war zufälligerweise auch Liah, mit anderem Nachnamen: er lautete Sandner), die in einer Messie-Wohnung lebte. Diese war extrem durch zwanghaftes Horten von Gegenständen und Müll überfüllt, oft bis zur Unbegehbarkeit. Sie fühlte die gewisse Seelenverwandtschaft, nur dass bei ihr nicht stank. Die Geruchsbelästigung war eine enorme – sie rührte von einer Leiche her, die fein säuberlich in Plastik verpackt war, und nun, da sich das Plastik aufzulösen begann, diesen schrecklichen Odour ergab.

Nun galt es herauszufinden, a) in welcher Beziehung das Opfer zu der Frau stand, b) ob diese Beziehung überhaupt existierte. Dazu musste Liah Sandner vorsichtig auf den Zahn gefühlt werden. Das erwies als schwieriger als gedacht, da es im Kopf der Frau ähnlich zuging wie einem Messie-Haushalt. Anders als die Kriminalkommissarin dachte, die ja noch im Dienst adrett erschien, marschierte dort alles aus dem Ruder. Die Ganbold musste sich erst einen Überblick verschaffen über die queere Welt, die an eben diesem Ort (und an keinem anderen) herrschte.

Als erstes geschah etwas total Unerwartetes – die Sandner machte völlig unverhohlen an die Kriminalkommissarin heran, und das durchaus in einer expliziten Weise, indem sie sie umschlang und sie nicht mehr losließ. Und das in dem unerträglichen Gestank. Die Ganbold wich dennoch nicht zurück, erstens weil die Sandner nicht gleich verprellen wollte, und zweitens weil die Sandner aus nächster Nähe betrachtet einen angenehmen Moschusduft verbreitete, der sie ganz kirre machte.

Während Liah I. und Liah II. in der Ansammlung von Müll vergnügten, fiel der Ganbold plötzlich ihr abgebrochenes Studium ein und warum sie es abrupt unterbrochen, im Worst-Case-Szenario sogar eingestellt hatte – und sie beschloss, es wiederaufzunehmen. Deswegen war sie nicht richtig bei der Sache, bei der Liebkosung von Liah II., aber die Sandner merkte in ihrem Dusel nichts davon. Sie steigerte sich in einen wahren Rauschzustand hinein und die Kriminalkommissarin begann, sich zu fragen, ob wohl die Richtige war wegen plötzlich auftretender persönlicher Befangenheit.

Und in der Tat, ihr Chef präsentierte ihr umgehend die Rechnung, indem er ihr verbot, den mutmaßlichen Tatort fürderhin zu betreten. Dafür verriet sie ihm nicht, was sie als letzte Erkenntnis herausgefunden hatte: dass eine winzige Schusswunde den Körper „verzierte“. Das war bis jetzt unbekannt gewesen und blieb in Zukunft ihr Geheimnis. Hoffentlich würde das hinfort auch so fortbestehen – die Kleinheit der Verletzung sprach dafür.

Liah I., also die Ganbold, wandte sich ihrem Studium zu – ihren Beruf als Kriminalkommissarin betrieb quasi mit halber Kraft. Sie lernte in kürzester Zeit einen Mann kennen (wie das halt in zwanglosen akademischen Kreisen so üblich ist). Sie und Patrick Pietsch waren gleich sympathisch und es dauerte nicht lange, bis sie ihn zu sich einlud. Aber dazu war es erforderlich, die Wohnung auf Hochglanz zu bringen – sie kippte alles Überflüssige in den Müll oder zum Container, und war der Rest war herzeigbar. Liah (I. – der Zusatz würde künftig wohl nicht notwendig sein) war aufgeregt wie Kind, als sie Patrick hereinbat und das legte sich sich auch nicht, während sie zusammensaßen und ihren Kaffee genossen.

Sie stammelte etwas vor sich hin, dass es schon nicht mehr zum Anschauen – Pietsch ergriff die Initiative und nahm ihr mit folgenden Worten die Angst: „Du bist eine leidenschaftliche Kommissarin und hast Dein Studium wiederaufgenommen. Ich bin so stolz auf Dich – Du bist einfach Klasse!“

Liah mochte gar manchen Einwand gegen diese Lobrede erheben – doch er machte die Schhh-Geste, indem er einen Finger auf die Lippen legte. Dann war sie ruhig und blieb es auch. Die Beiden umarmten sich innig, hatten aber keinen Geschlechtsverkehr – das hoben sie sich für das nächste Mal auf.

Das nächste Mal fuhren sie gleich los, in voller Geschwindigkeit. Und als sie richtig am Schnackseln waren, läutete es an der Tür. Sie beachteten es zunächst gar nicht. Aber als das nicht aufhörte und es ohne Unterbrechung klingelte, warf sich die Ganbold einen Morgenmantel über und ging aufmachen. Da stand Liah II. und platzte postwendend mit einer wichtigen Mitteilung heraus.

„Stell‘ Dir vor, ich bin von allen Vorwürfen freigesprochen worden – ich habe mit der Leiche gar nichts zu tun. Sie ist mir untergejubelt worden – in meinen Messie-Haushalt war das kein Wunder. Ich habe gründlich aufgeräumt, dass mir nie wieder vorkommt!“

Mittlerweile hatte sich Patrick gezeigt, ebenfalls im Schlafrock. Liah II. traf fast der Schlag: „Ich komme als Erstes hierher – in der Hoffnung, dass Du mir gleich um den Hals fällst und was finde ich da. Du hast Dich mit einem Mann getröstet!“

„So würde ich das nicht ausdrücken. Das Rad der Zeit hat sich weiter gedreht – und weg von Dir!“

(under construction)