TEXAS WOMAN
Aurora Cunningham war verrückt nach Motorradfahren – sie hatte, wie könnte es anders sein, eine Harley-Davidson, das neueste Modell. Sie konnte stundenlang, namentlich über Seitenstraßen, durch Weiten von Texas herumcruisen. Dabei hatte sie ein sexy schwarzes Motorradoutfit an, das keine Wünsche offenließ – sie war schlank und an den richtigen Stellen gut ausgepolstert.
Sie arbeitete in Houston in der Stadtverwaltung im Fuhrpark – da war es egal, welche Montur sie trug. Sie hatte überhaupt nur mehrere Catsuits in Leder – sonst nichts, kein schönes Kleid und gar keine Jeans. Und dann war sie wieder unterwegs – zu ihrem besonderen Vergnügen. Und sie spürte die Freiheit!
Aurora liebte es, wenn die Männer ihre Kehrseite bewunderten. Es war ja auch ein schnuckeliges Äpfelchen, ihr Gesäß. Dann aber war sie längst wieder dahin – auf Nimmerwiedersehen!
Da mochte so mancher Kerl denken, wie schön doch wäre, wenn Aurora anhielte und abstiege, zum Näherkennenlernen – aber vergeblich. Auf der Harley fühlte sie sich stark und unerreichbar, allein wenn sie ihr Gefährt parkte, mit Müh‘ und Not die Ständer ausfuhr und das Gewicht der schweren Maschine spürte, fühlte sie sich schwach und unterlegen. Das würde sie nur in der Garage zuhause und im Job tun.
In der Arbeit ging es mehrheitlich rau zu, kein Wunder bei der Tätigkeit, die sie bei Wind und Wetter, aber auch bei der größten Hitze und selbst bei Hurrikanen verrichten musste. Aurora mochte die Schinderei grundsätzlich, denn dann oblag sie nicht der Verpflichtung, sich großartig aufzurougen. Dabei hatte sie nichts gegen ein bisschen Rouge, aber unter der Voraussetzung, dass sie das wollte und nicht, weil es irgendein Chef das so bezweckte.
Die Cunningham war eine Person, die noch keinen Geschlechtsverkehr gehabt hat (oder wie immer diese unleugbare Tatsache nennen sollte). Besonders ihre männlichen Kollegen wussten es nicht – ihnen gefiel das burschikose Auftreten Auroras so sehr, dass sie sich nicht eine Arbeitskameradin, die noch niemals gevögelt hatte, vorstellen konnten. Aber es war so – sie hatte einfach die Richtige oder den Richtigen noch nicht gefunden.
Das hinderte sie nicht daran, jemanden aus ihrer beruflichen und privaten Partnerschaft bis aufs Blut zu reizen. Bei der Gelegenheit kam sie drauf, dass es mit ihren persönlichen Kontakten gar nicht so weit her war – lediglich ein paar Girls, die auch Motorräder besaßen, und mit denen sie ab und an Ausflüge absolvierte, waren ihre einzigen Bekannten.
Blieben ihre professionellen Bekannten, hauptsächlich Männer, denen sie schöne Augen machte, um die Brüder dann umso brutaler abstürzen zu lassen. Da kannte sie keine Gnade. Das ging vier- oder fünfmal hin und her, bevor sie Jedem mit ihrem Getue auf die Nerven fiel. Die Leidensgenossen waren allmählich offenbar Kummer gewöhnt – sie hatten die Hoffnung längst aufgegeben, dass es jemals zum Vollzug ihrer geheimsten Wünsche kommen würde. Dementsprechend reagierten sie mit der Zeit gelangweilt auf Auroras Avancen, bis sie es selbst nicht mehr freute.
Plötzlich begann sie – neben ihrer Aktivität im Fuhrpark und dem Hobby Motorradfahren – Gedichte zu schreiben.
Ein Beispiel:
The Overhead Rack
Worst of all, and most hated by me
as I sit docilely crammed into my seat,
crammed and strapped like a psychotic in restraints,
are these bland-faced complacent graduates
of business school, trained to give each other
and the rest of the poor world the business,
who attempt to stuff their not one but two folding bags
big enough to hold an army of business suits
into the overhead rack, already crammed
with traveling crap like a constipated ox’s
intestine.
Das machte Aurora zunehmend Spaß – insbesondere der provokante Tonfall, den sie dabei wählte. Sie konnte es nicht lassen. Das lag ihr offensichtlich im Blut. Dabei hatten ihre Gedichte einen eigenen Reiz – für ein bestimmtes Publikum. Vielleicht sollte sie sich später um eine Veröffentlichung bemühen. Wie groß das Auditorium für so etwas war, wusste sie nicht – und es war ihr auch gleichgültig. Der wahre Künstler schielte nicht auf irgendwelche Verkaufszahlen – notfalls schrieb sie auch für‘s berühmte stille Kämmerlein.
Am liebsten schrieb sie nackt (im stillen Kämmerlein, außerhalb von Houston, in ihrem heruntergekommenen Haus – das Wertvollste war ihr Motorrad). Da konnte sie sich komischerweise am besten konzentrieren. Nackt war sie eine echte Attraktion, wobei der Apfel im angezogenen Zustand schon einiges erahnen ließ. Durchtrainiert und muskulös wie sie war, schon durch ihren Beruf, dabei aber ästhetisch – ein Bild für Götter, man sie konnte fast als ätherisches Geschöpf bezeichnen, wenn man zur Übertreibung neigte.
Aurora, dieses „fast ätherische Geschöpf“, hatte sich regelmäßig selbst befriedigt, das schon, aber das war praktisch alles. Dass sie auf diese Art genauso mit Glücksgefühlen überströmt wurde, hatte nur einen Haken – das Pläsier mit einer Partnerin oder einem Partner war ungleich größer!
Mit dieser Erkenntnis ausgestattet, sprach sie eines von den Girls an, mit dem sie sich am ehesten vorstellen konnte, dass da mehr war, als die gemeinsamen Motorrad-Ausflüge. Der Name der Gefährtin war Hailey Andrews. Aurora empfing in ihrer Bleibe (die Hailey noch nie zuvor gesehen hatte) zur Einstimmung hüllenlos. Der Besuch reagierte mit gewissen Pikiertheit auf diesen direkten Angriff, zog sich dann aber ebenfalls aus.
Dann machte die Cunningham den nächsten Fehler – sie las der Andrews aus ihren Gedichten (darunter das in Frage stehende mit dem Overhead Rack), aber Hailey war, nachdem sie sich zum Sex endgültig entschlossen hatte, von der Unterbrechung mehr als ungehalten. Und da erwies sich Aurora über Ergebnis dieser Geschlechtsverkehrs-Aktion als enttäuscht – sie hatte ein intensiveres Erleben erwartet. Da hätte sie gleich bei der Selbstbefriedigung bleiben können – da hatte sie es zu einer ausgefeilten Technik gefunden.
Am liebsten hätte sie die Andrews gleich vor die Tür gesetzt – aber das wäre ungerecht. Sie mochte Hailey und beschloss, sich nichts anmerken und mit dem Girl gelegentlich Sex zu haben – schon wegen ihrer gemeinsamen Spritztouren, die sie stets genossen hatte. Sie dachte, dass es ab und an ganz reizvoll wäre und sie konnte Hailey noch Nachhilfestunden geben, obwohl sie selbst weniger davon hatte.
Oder sollte Aurora es doch mit einem Mann probieren!
Aber wer sollte das sein – ihre männlichen Arbeitskollegen kamen auf keinen Fall in Frage (außer dem Geplänkel war da nichts). Abgesehen davon, gefielen ihr die rein optisch gar nicht. Und privat kannte sie nur die Girltruppe – weit und breit kein Mann in Sicht, den sie sich als Kandidaten für eine Liebesbeziehung vorstellen konnte. Und Liebe sollte schon im Spiel sein – wenigstens ein bisschen.
Als Aurora am Morgen in ihrem bevorzugten Coffee-Shop Kaffee zu sich nahm, hatte sie auf das herzhafte, sättigende und kalorienreiche Frühstück, wie es in den Südstaaten üblich war, wegen ihrer Linie verzichtet – lediglich bei „Biscuits and Gravy“ konnte sie nicht widerstehen.
Als ein gutaussehender Kerl den Raum betrat, traf sie halb der Schlag – mit ihm konnte sie sich spontan ein Date vorstellen. Er bemerkte sie mit sicherem Blick und stellte vor ihrem Tisch auf.
Aurora, auch nicht verlegen, sprach ihn an: „Wen haben wir denn da – unter welchem Stein sind Sie hervorgekrochen!“ – Die übliche Anmache unter der Kollegenschaft. – Er ließ sich durch diese Frechheit nicht beirren.
„Der Stein sind Sie!“, antwortete er. – „Hervorragend pariert!“, gab sie geschlagen. „Wollen wir uns einfach Du sagen?“
„Gern ich bin Hunter Washington!“ – „Und ich Aurora Cunningham!“
Nachdem diese Formalitäten erledigt waren, ging er gleich auf‘s Ganze: „Einen niedlichen Popo hast Du!“ – „Und ich schreibe auch Gedichte!“ – Da war er perplex!
„Ich interessiere mich sehr für Gedichte – ehrlich!“ – Ganz anders als Hailey Andrews, die das nur als lästiges Beiwerk empfunden hatte und im Prinzip auf Eines auswar.
Hunter hörte sich ihre Elaborate geduldig an, vorgeblich oder echt, das stellte sich nicht heraus, da war er verschlossen wie eine Auster. Und dann, als sie selbst schon ganz scharf darauf war, trieb er sie zum Geschlechtsakt. Das war überraschenderweise – denn war das erste Mal das sie Sex miteinander hatten – höchst zufriedenstellend. Noch dazu mit einem Mann – da konnte Einiges schief laufen! – darum erkannte sie, dass sie mit Hunter Washington einen absoluten Glückstreffer gezogen hatte.
Er war tiefenentspannt, das in jeder Lebenslage – dazu aber konzentriert, wenn es darauf ankam. Er arbeitete bei der NASA als Operations Manager, da lernte man das – einen kühlen Kopf zu bewahren. Er nahm Aurora fallweise mit in seine Dienststelle, nachdem sie sich besser kennengelernt hatten. Da kam sie sich etwas deplatziert vor, in ihrer Motorrad-Kluft, aber sie hatte nichts anderes. Hunter beabsichtige, ihr schicke Kleider und allenfalls einen eleganten Hosenanzug zu kaufen. Was aber, wenn sie das Alles gar nicht mochte?
Dann hatten sie ein Problem wegen der unterschiedlichen Auffassungen zwischen ihnen beiden. Es ginge doch „nur“ um Auroras Bereitschaft, bei der NASA ein Kleid (respektive einen Hosenanzug) zu tragen. Hunter war das gleichgültig – so behauptete er jedenfalls – aber was sollten die Leute denken, wenn sie in einem derartigen Outfit aufkreuzte.
Die Cunningham ließ breitschlagen und zog einen „Fummel“ an – wie sie sich dabei fühlte, das stand auf einem anderen Blatt. Und dass sie sich noch unnatürlicher in der ungewohnten Montur empfand. Sie kam sich vor wie eine Barbiepuppe, so unbeholfen stakste sie durch die Gegend. Aber aus Liebe zu Washington nahm sie diese Tortur auf sich. Sie ging davon aus, dass sie die Gelegenheiten für derlei Auftritte ohnedies ziemlich begrenzt halten würde.
Aber weit gefehlt – er nahm sie mit zu Empfängen, wo man (in ihren Augen) blöd herumstand, und sie musste ein Fähnchen tragen, das nicht kurz genug sein konnte. – „Du kannst Dir das leisten!“, sagte Hunter. Er dachte an das Äpfelchen, aber auch an ihre Vorfront, die von der Einengung des Catsuits befreit, so richtig zur Geltung kam. Als die Empfänge immer mehr wurden und in‘s Private abglitten, war für Aurora der bestimmte Punkt überschritten, zumal sie bei diesen Anlässen das ungeliebte Outfit tragen musste.
„Ich genieße es, mit Dir zusammen zu sein, aber was Du Dir zuletzt geleistet hast, spottet jeder Beschreibung. Wir verbringen kaum Zeit miteinander – das hießt wir beide exklusiv! Und wir verbringen kaum mehr Phasen, wo wir in Ruhe meine Gedichte vorlesen – und vom Sex ganz zu schweigen!“
Hunter überlegte kurz. „Da muss ich mein ganzes Leben umstellen!“
Aurora antwortete: „Bestenfalls Dein halbes!“ – „Das schaffe ich nicht!“
„Dann trennen sich hier unsere Wege!“ – „Du liebst mich nicht mehr!“
Sie erkannten die Sinnlosigkeit solcher Debatten. Aurora packte ihre wenigen Sachen – darunter ihre Motorrad-Kluft. Die schönen Kleider und den smarten Hosenanzug ließ sie in seinen Haus zurück und stattete wieder in ihre bescheidenen Bleibe einen Besuch ab. Sie war – trotz aller Trauer über den Verlust von Washington, mit dem sie sich prinzipiell gut verstanden hatte, wären da nicht seine für sie weirden Lebensauffassungen gewesen – wieder sie selbst, konnte und lassen, was immer sie wollte.
Und sie konnte wieder ungehindert Gedichte schreiben. Wie das Beispiel zeigt:
We real cool. We /
Left school. We /
Lurk late. We /
Strike straight. We /
Sing sin. We /
Thin gin. We /
Jazz June. We /
Die soon.
Und so passierte es: Bei einem ihrer nächsten Motorradausflüge löste sich aus ungeklärter Ursache eine Schraube, und sie flog in hohen Bogen auf die Straße – erschwerend wirkte sich die Tatsache aus, dass die schwere Maschine sie unter sich begrub. Aurora Cunningham war sofort tot…