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AUFWACHEN

Sie dachte, sie hätte den Mann fürs Leben schon gefunden – dann kam die Trennung. Wie ist das, wenn man nach zehn Jahren Beziehung wieder mit der Partnersuche anfängt? Joanne Kehlbach war verwirrt – sie würde nie wieder einen Mann finden.

Aber war das wirklich so wichtig, die ganze Existenz von so einem Kerl abhängig zu machen? Sie unterzog sich einem äußerst kritischen Blick, sowohl was ihre Charaktereigenschaften, als auch was ihr Äußeres betraf. Ihr Erscheinungsbild war nach wie vor beachtlich, wenn man bedachte, dass die Jahre in‘s Land gegangen waren. Sie war ungefähr Fünfundvierzig, und wenn das stimmte, dass Männer mit zunehmenden Alter immer interessanter wurden, traf das in ihrem Fall als Frau, weiß der Himmel, zu.

Was aber ihr Charakterbild betraf, hatte sich im Laufe der Zeit eine Wesensart herausgebildet, die für ihre Umgebung nicht sehr angenehm war. Sie war ausgesprochen stur geworden. Das mochte auch der Grund gewesen sein, warum Zacharias Kehlbach sie nicht mehr liebte – ausgenommen die Tatsache, dass er bei einer wesentlich jüngeren Frau, die ihm nach dem Mund redete, Trost gefunden hatte. Da stand Aussage gegen Aussage. Wie auch immer, es war geschehen.

Joanne begann, ihre Freiheit zu genießen. Dass so sie dabei Zuviel des Guten tat, war a priori nicht vorgesehen. Aber es war so – sie war außer Rand und Band, ging ständig wechselnde Beziehungen ein, war chaotisch und vollends außer Kontrolle. Das das keineswegs gut war für ihre Karriere im Staatsdienst, namentlich in gehobener Postion, lag auf der Hand.

Die Kehlbach arbeitete noch dazu im Landwirtschaftsressort, wo man besonders konservativ eingestellt war. Der Minister ließ sie eines Tages rufen und sagte zu ihr: „Ich habe mich persönlich dafür eingesetzt, dass Sie als Frau erstmals die Chance bekommen haben, die Leiter emporzuklimmen. Das heißt, wenn Sie auf der Überholspur fortfahren wollen, dann schlafen Sie fortan ausschließlich mit mir, und zwar exklusiv!“

Sie kündigte auf der Stelle, ohne lang zu überlegen, wie sie künftig ihren Lebensunterhalt verdienen sollte. Sie hatte sich freiwillig oder unfreiwillig von dem einen Typen getrennt, nur damit sie einen anderen männlichen Wesen gestatten würde, sie zu unterwerfen. Das würde so schnell nicht wieder passieren – eher würde den Burschen die lange Nase zeigen, sie würde sie wie die Hemden wechseln. Ohne Empathie oder Feingefühl oder gar Herz. Und wenn sie dabei am Hungertuch nagen musste.

Das konnte auf Dauer nicht gutgehen – abgesehen von den hygienischen Implikationen. Sie verlangte zwar, dass ihre Partner ein Kondom verwendeten, aber in der Hitze des Gefechts, wenn sie und momentaner Galan so richtig zur Sache kamen, mochte schon so manches schiefgehen.

Manches deutete darauf, dass Joanne sich die Hörner abgestoßen hatte (selbstverständlich in übertragener Bedeutung des Begriffs) – wie etwa die abnehmende Frequenz ihrer Abenteuer, ja sie sehnte sich plötzlich nach einem zölibatären Leben, wo sie in Ruhe ihrem neuen Job an der Kasse eines Supermarktes nachgehen konnte. Sie verdiente zwar viel weniger als eine Ministeriumsmitarbeiterin, aber dafür konnte sie in ihrer Rolle als graue Maus brillieren. Es fiel in dieser Situation niemanden ein, ihr nahezutreten.

Dass sie damit von einem Extrem in‘s andere verfiel, war ihr offensichtlich nicht bewusst. Sie verbrachte ihre Freizeit, nein nicht mit Fernsehen, aber mit Literatur: Sie las im Laufe der Zeit von Hermann Broch, Der Tod des Vergil, von Dan Brown, Illuminati, von Johann Wolfgang Goethe, Die Wahlverwandschaften, von Andrea Camilleri, Der Hund aus Terracotta, von Umberto Eco, Der Name der Rose, von Günter Grass, Die Blechtrommel, von Heimito von Doderer, Die Strudlhofstiege, von James Joyce, Ulysses, von Thomas Pynchon, Against the Day, und vieles andere mehr. Man sieht, sie las wild durcheinander – sie hatte einen speziellen Geschmack, aber sie suchte sich die Werke genau aus.

Und da fand Joanne Kehlbach die entscheidende Stelle heraus. Sie stammte aus Pynchon, Against the day. Und lautete: „Somebody out there. Empty space. But inhabited.“ – „This making you nervous, Chick?“ – „Nawh…“

Da erkannte sie, dass sie und ihre sieben oder acht Milliarden Erdenbürger niemals allein sein würden. Es gab ja Etwas da draußen (was immer es war), das mehr war, als eine vage Vermutung. Mit dieser Erkenntnis ausgestattet, war ihr leichter, und sie wandte sich wieder nach außen – bereit für neue Experimente.

Wendelin von Benken trat in ihr Leben (anders konnte man es gar nicht ausdrücken) – mit solcher Wucht, dass ihr Hören und Sehen verging. Aber in einem positiven Sinn!

Joanne wollte als Österreicherin schon immer einen Deutschen kennenlernen (sie hatte das Vergnügen bis jetzt nicht gehabt). Er war laut und unüberhörbar – das war ihr erster Eindruck. Auf den zweiten Blick stellte sich heraus, dass er wesentlich subtiler und empfindsamer war – und da wurde deutlich, dass sie mit ihrem ursprünglichen Urteilsvermögen (von wegen positiv) doch nicht so falsch lag.

Von Benken äußerte sich wie alle „Krauts“ geradeheraus und unverblümt, während die „Ösis“ verklausuliert formulieren, indem sie einen einfachen Sachverhalt möglichst umständlich darstellten. Er sagte zum Beispiel „Ich liebe Dich!“, während sie indessen sagte „Ich könnte mir vorstellen, dass ich Dich durchaus attraktiv finde!“ – Das beschreibt im wesentlichen, das, was ich meine.

Er war Regisseur, nicht so, wie die Großen Wim Wenders, Werner Herzog, Rainer Werner Fassbinder oder Volker Schlöndorff. In Wirklichkeit drehte er sogenannte B-Movies – er verdiente nicht schlecht, besonders wenn er in die Niederungen der Pornografie abglitt. Das machte nur selten, wenn ihm das Wasser bis an den Hals stand. Sonst gab er sich in den Geruch eines ernstzunehmenden Filmemachers, zumal auch die ernsten Regisseure gelegentlich diesen Weg beschritten.

Wendelin ließ Joanne in seinem nächsten Film als Star mitspielen, von dem er hoffte, dass ihm der Sprung in Richtung A-Movies gelang. Da packte die Kehlbach ihrem früheren Glamour wieder aus. Sie war zumindest interessant – das stand jedenfalls fest. Sie hatte einen inneren Charme, der zeitlos war und sie bis in‘s hohe Alter begleitete – unverrückbar und unabänderlich.

Aber sie hatte (wenigstens vorläufig) noch jenen äußeren Charme, der sich in einer gefälligen Erscheinung manifestierte. Joanne war nach den gängigen Maßstäben schön. Sie war schlank und an den richtigen Stellen ausgepolstert. Und was ihren Intellekt betrifft, war er über jeden Verdacht erhaben – nur ließ sie sich das nicht immer gleich anmerken. Wer sie augenblicklich durchschaute, war Wendelin – ihm konnte sie nichts vormachen, und dementsprechend fruchtbar gestaltete sich ihre Zusammenarbeit. Sie managten künftig alles gemeinsam. Und sie gingen miteinander erstmals in‘s Bett – und von nun an regelmäßig.

Das galt insbesondere für ihr erstes gemeinsames Projekt. Von Benken führte Regie und Joanne Kehlbach (sie musste sich nicht ein eigenes Pseudonym ausdenken, fand Wendelin) spielte die Hauptrolle, wo sie eine leicht anrüchige Person namens „Acca Larentia“ gab.

Die Geschichte war in alten Rom angesiedelt und besagte, dass dem Aedituus, dem Tempelhüter des Hercules, eines Nachts langweilig war und er forderte den Gott zu einem Würfelspiel auf. Der Gewinner sollte als Preis eine Mahlzeit und ein Mädchen bekommen. Der Tempelhüter verliert und bereitet ein Mahl im Tempel. Er lädt Acca Larentia, die schönste Kurtisane der Stadt, dazu ein und lässt sie nachts alleine im Tempel zurück. Tatsächlich soll der Gott sich ihrer erfreut und ihr als Lohn den ersten Mann versprochen haben, der ihr am anderen Morgen auf dem Forum begegnen würde. Dieser Mann war der Etrusker Tarutius, schon älter und kinderlos, dafür sehr begütert. Diesen heiratete Larentia und erbte nach seinem Tod dessen Besitz, den sie dem römischen Volk vermachte. Sie sei angeblich an einer Stelle namens Velabrum (einer ursprünglich sumpfigen Gegend in Rom) verschwunden.

Das Vorhaben war von mäßigen Erfolg „gekrönt“ – manche meinten, dass es ein ausgesprochener Flop war. Infolgedessen brannte finanziell der Hut, denn von Joannes mehr als bescheidenen Gehalt als Kassierin konnten sie beide nicht leben – außerdem war Wendelin etwas anderes gewöhnt. Er hatte zudem sein ganzes Vermögen in die Kampagne gesteckt. Da blieb nichts anderes übrig, als dass Joanne und Wendelin bei einem fremden Regisseur, der Hard-Core-Machwerke der untersten Lade produzierte, wo Nacktheit, und zwar komplette Entblätterung ohne Taboo, kein Problem darstellen durfte.

Wendelin (das als Nachtrag) war ein Endfünfziger, dem die Lust auf Sex nicht ganz abgegangen war – im Gegenteil, mit Joanne machte es ihm wieder richtig Spaß, wenn auch die Begleitumstände in dieser Situation nicht gerade ideal waren. Und so werkelten die Beiden, wohlgemerkt ohne Hemmungen, ihren Partikel herunter – ganz weit von ihrer Lage, wie Automaten, die eine Aufgabe zu erfüllen hatten.

Joanne und Wendelin machten die Szenen mit – es blieb ihnen gar nichts übrig, zumal sie sich auf dieses Unterfangen freiwillig eingelassen hatten -, aber wie in Trance. Sie fügten sich in ihr Schicksal als scheinbar willenlose Geschöpfe ihres Meisters, des Filmemachers. Dass dabei in ihnen was zu Bruch ging, war dem Inszenator egal. Sie versuchten, ihre Skrupel ehrlich zu überwinden. Sie spielten nicht nur, sondern sie erlebten das, was sie bis jetzt im stillen Schlafzimmer dargeboten hatten, vor dem Spielleiter, dem Beleuchter, dem Skriptgirl oder, was da sonst an Personal gibt, aufzuführen. Dabei ging es an die Grenzen dessen, was erlaubt ist – manchmal auch darüber hinaus.

Der fertige Konstrukt war ein Riesenerfolg in jenem „illustren“ Kreis, der damit etwas anzufangen wusste. Wer würde in dieser Schar nicht aufmerken, wenn eine Fünfundvierzigerin und ein Endfünfziger schmutzigen Geschlechtsverkehr miteinander hatten, besonders wenn sie noch so ansehnlich waren, wie die Beiden? Trotz aller Gewagtheit hatten sie sich ein gewisses Ausmaß an Würde bewahrt – was nicht Allen gelang, eigentlich den Wenigsten. Würde? Sie erniedrigten sich selbst, bis sie nach langer Zeit genügend Geld gespart hatten. Der Regisseur erwies als großzügig – er legte von sich aus noch eine Prämie darauf.

Würde? Joanne und Wendelin kehrten in ihrer übliches Dasein zurück – nur die Spur dessen, was sie getan hatten, blieb dauerhaft an ihnen haften. Sie mochten sich gar nicht vorstellen, wie irgendwelche Wichser und Wichserinnen als Vorlage für ihr Handeln benützten. Aber egal – darüber waren die Beiden hoffentlich hinweg.

Sie wandten sich – nach ihrem gar nicht so kurzen Ausflug in die Porno-Szene, wo sie die zweifelhafte Ehre hatten, die Hauptrollen verkörpern dürfen – wieder ernsteren Themen: Es stand eine Neuverfilmung des Romans „Ulysses“, frei nach James Joyce, im Raum. Die Kehlbach fungierte als Produzentin, Von Benken zeichnete als Regisseur verantwortlich – endlich wieder.

Der Stoff war nicht einfach, schon vom Umfang her – allein das Buch umfasste circa 1000 Seiten. Das bedeutete, dass sie im Film straffen mussten. Allein, sie kamen schon bald dahinter, dass es zwei (oder – horribile dictu – mehr?) Film-Teile geben musste. Aber wer würde sich ein Opus von derartiger Länge ansehen – in immer schnelllebigeren Zeiten? Wendelin wollte bereits das Handtuch werfen, aber Joanne war aus anderem Holz geschnitzt. Sie ließ nicht locker und wollte, dass die Beiden in Ruhe die einzelnen Kapitel des Werks anschauen würden.

Das waren die 18 Abschnitte: Telemachus – Nestor – Proteus – Kalypso – Lotophagen – Hades – Äolus – Lästrygonen – Scylla und Charybdis – Symplegaden – Sirenen – Der Zyklop – Nausikaa – Die Rinder des Sonnengottes – Circe – Eumaeus – Ithaka – Penelope!

Joanne griff mit energischer Sicherheit zu Penelope (zum letzten Kapitel) – das schien ihr der zuverlässigste Tipp zu sein.

„Aber Eurynome führte den König und seine Gemahlin
zu dem bereiteten Lager und trug die leuchtende Fackel;
Als sie die Kammer erreicht, enteilte sie. Jene bestiegen
Freudig ihr altes Lager, der keuschen Liebe geheiligt.“

Ein Homer-Zitat, an den man die ganze Story aufhängen konnte…

Es begann folgendermaßen:

„Es ist Nacht in Dublin. Leopold Bloom hat sich zu Mollys Füßen ins Bett gelegt. Diese erwacht nur halb aus dem Schlaf, ihre Gedanken strömen frei. Der Tag mit allen seinen Eindrücken, Erlebnissen, Geräuschen spielt sich wieder in ihrem Bewusstsein ab. Wie im Traum oder Halbschlaf spielen Erinnerungen und Assoziationen in den Gedankenstrom hinein. Kindheitserinnerungen, erotische Gedanken, Erinnerungen an ihre Jugend in Gibraltar, Gedanken an die Kinder und ihren Mann Leopold, an frühere Wohnorte strömen in acht langen Sätzen ohne Punkt und Komma durch Mollys und der Leser Hirn. Im Einschlafen denkt Molly daran, wie sie Leopold Bloom schließlich als Partner akzeptierte: ,…und ich hab gedacht na schön er so gut wie jeder andere und hab ihn mit den Augen gebeten er soll doch nochmal fragen ja und dann hat er mich gefragt ob ich will ja sag ja meine Bergblume und ich hab ihm zuerst die Arme um den Hals gelegt und ihn zu mir niedergezogen daß er meine Brüste fühlen konnte wie sie dufteten und das Herz ging ihm wie verrückt und ich hab ja gesagt ja ich will Ja‘. Mollys ,Ja‘ beschließt den Roman. Ulysses/Odysseus ist nach langer Irrfahrt zu Hause angekommen. Der Tag ist abgeschlossen, der Held ruht wieder bei seiner Frau. Das große Werk eines alltäglichen Lebenstages ist getan, ,und siehe, es war sehr gut.‘

Nach 1000 Seiten weiß man: Es ist nicht nur die Figur des Buck Mulligan, sondern es ist der Autor James Joyce selbst, der von der Kirche nichts hält.“

Es war der entscheidende Durchbruch – Joanne hatte als Produzentin, Wendelin als Regisseur ausgesorgt. Die Künstler-Tantiemen flossen reichlich, dank ständiger Wiederholungen des Films. Sie konnten machen, was sie wollten – die Royalty‘s sprudelten weiter.