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DER GANZ NORMALE HERR Z

Es klopfte bei der Witwe. „Mein Name ist Zyprian Zylbermann. Haben Sie vielleicht ein Zimmer für mich?“

Almut Claußen zögerte nicht eine Sekunde: „Sie haben Glück, geschätzter Herr Zylbermann! Der Vormieter ist plötzlich ohne Angabe von Gründen ausgezogen – selbst seine Sachen hat nicht mitgenommen. Sie können sie haben, wenn Sie wollen!“

Praktisch war sie ja, diese Almut. Sie fand immer eine für sie nützliche Lösung. – „Da wären nur die Formalitäten zu erledigen – das geht ganz rasch. Ihren Personalausweis, bitte!“ – Und der Deal war perfekt.

Almut konnte es nicht lassen: „Was sind Sie eigentlich von Beruf!“ – „Ich bin Steuerberater!“ – „Genau wie Ihr Vorgänger!“

Misstrauen kam auf Almuts Seite auf – das gewisse gesunde Gefühl, das insbesondere Frauen so zu eigen ist. Das ließ sie nicht mehr los, und sie begann, die Indizien, soweit sie bekannt waren, zusammenzutragen. Viel war es nicht – zumindest bis jetzt. Sie verstieg sich in wüste Theorien, bis hin zu der Vermutung, dass Raimund Gaday, der frühere Finanzexperte, von Zylbermann beseitigt worden und dieser seine Stelle getreten wäre.

„Almut, bleib auf dem Boden!“, sagte sie zu sich selber. „Was hilft‘s Dir, wenn Du Dir irgendwelche bizarren Vorstellungen ausdenkst, die dann eh floppen!“ – Im Grunde ihres Herzens, zutiefst in ihren Inneren, bewahrte sie diese absurden Vermutungen sehr wohl auf, um rein äußerlich zur Tagesordnung überzugehen.

Sie probierte es in diesem speziellen Fall (nicht dass sie sich grundsätzlich an die Herren heranwarf) mittels lüsternen Angeboten den Preis zu steigern. Sie lief, wenn Zylbermann anwesend war, halbnackt durch die Gegend, streifte wie unabsichtlich seine Hand, wobei sie ihren Busen in appetitlicher Form darbot. Und Zyprian (sie waren zwischenzeitlich per Du) sprang früher oder später auf diese Avancen an und ging mit ihr in‘s Bett. Und mitten in dem ärgsten Liebesrausch fragte sie ihn, ob er einen Mord begangen hätte.

Ohne sein Liebesspiel, das mittlerweile in eine wahre Orgie hinübergeglitten war, sagte er leise: „Ja – und wenn Du mich verrätst, wird es Dir leid tun!“ – Er zeigte ihr sein wahres Gesicht, und das war furchtbar, jedenfalls für menschliche Begriffe.

Er war nämlich ein Außerirdischer. Er hatte als Letzter seiner Rasse überlebt und hatte die Tat begangen, um das irdische Dasein anzunehmen, das er nunmehr auf Dauer gezwungen war, zu leben. Zylbermann war nicht richtig tot, aber auch nicht richtig lebendig – der Alien war ganz einfach hineingeschlüpft in die Rolle, die Zylbermann gespielt hatte.

Zyprian hatte indes seine menschliche Gestalt wieder und plauderte angeregt mit Almut, die noch ganz erschlagen war von ihrem Erlebnis. Sie konnte augenblicklich nicht richtig abschätzen, was das für sie persönlich bedeutete, angekettet auf ewige Zeiten an den seltsamen Herrn und sein düsteres Geheimnis. Sie begann unmittelbar darüber nachzudenken, wie sie sich von ihm loseisen konnte, damit es wesentlich kürzer dauern würde – bis hin zu dem für sie schmerzlichen aller Verluste, nämlich dass sie sich verdrücken und ihr Heim aufgeben musste.

Nur weg – das war ihr einziges Bestreben. Aber da machte ihr „Zylbermann“ mit alienhaftem Spürsinn einen Strich durch die Rechnung. Er ließ sie auf magische Art auflaufen, was besonders unangenehm war, wenn sie an sein „zweites Gesicht“ dachte. Das „zweite Gesicht“ ging ihr nicht aus dem Sinn – es verfolgte sie geradezu, und das würde immer so bleiben.

„Almut!“, sagte sie, gemäß einer langgeübten Praxis der Autosuggestion, einer Form der Selbsthypnose, die helfen kann, negative Gedankenspiralen zu durchbrechen. – „Was sind Deine Optionen? Welche ernstzunehmenden Chancen hast Du?“

Und da fielen ihr eine Reihe von Möglichkeiten ein – allem voran die Tatsache, dass Zyprian (ob Alien oder nicht) ein MANN war, der seine Bedürfnisse hatte, die es zu befriedigen galt oder oder eben nicht. Das stand Almut bis einem gewissen Grad frei – denn dass er sie brutal vergewaltigte, konnte sie nicht vorstellen. Aber was wusste man schon, wie es bei den Außerirdischen war. Ein Restrisiko bestand immer – das war auch bei rein menschlichen Beziehungen genauso der Fall.

Sie tat ihm schön (auf der untersten Ebene des galanten Lebens) bis hin zu der gehobenen Einstellung, als sie sich ihm als Lustobjekt anbot, das er anhimmeln konnte – bevor sie miteinander gepflegten Sex hatten. Und er er fiel prompt auf die Scharade herein, während sie innerlich ganz kalt war. Frauen konnten das. Im Gegensatz zu männlichen Wesen, denen im Ernstfall nur eine plumpe Schändung einfiel.

Almut floh, während Zyprian schlief (auf Außerirdische mussten irgendwann ruhen), unter Mitnahme ihres beweglichen Habs und Guts – ihr kleines Häuschen musste sie zurücklassen. Sie wollte lieber eine große Distanz gewinnen. Dass er Raum und Zeit überwinden konnte, war ihr bis jetzt nicht aufgefallen. Lediglich dieser magische Spürsinn – dazu mussten die Subjekte, um die es ging, tunlichst nahe beieinander stehen. Sie setzte sich von Wien aus nach Wellington in Neuseeland, um den größtmöglichsten Abstand zwischen sich und Zyprian zu legen.

Vom Flughafen Wellington tauchte Almut in der Owhiro Bay unter, wo die Maori eines Reservate betrieben. Zu ihrem größten Erstaunen, wurde sie bereits erwartet – ein in Österreich ansässiger neuseeländischer Ureinwohner (sein Name tut nichts zur Sache) hatte auf telepathischem Weg ihr Kommen angekündigt. Potatau Te Wherowhero, ein Häuptling der Maori, empfing sie und gewährte ihr Unterschlupf bis auf Weiteres – hier würde sie niemand finden. Er reichte ihr ein authentisches Essen (ein mit Lebensmitteln in ein feuchtes Tuch gewickeltes und mit feuer-erhitzten Steinen in einer Grube vergrabenes Mahl), bevor er sie endgültig verschwinden ließ.

Der falsche Herr Zyprian Zylbermann war bei seinem Erwachen über Almuts Verschwinden so wütend, dass es ihm schwerfiel, seine menschliche Gestalt aufrechtzuerhalten – immer wieder holte ihn sein Original-Format ein. Das war insofern ein Problem, dass er seine täglichen Verrichtungen, wie etwa einfaches Einkaufen, oder komplizierte Verpflichtungen, wie etwa seine Steuerberatungsaktivititäten, außer Haus abwickeln musste. Da kam es ihm nicht zupass, wenn fallweise der Archetyp zum Vorschein erschien, der die Leute massiv verschreckte.

Da war ein Mädchen, vielleicht achtzehn Jahre alt, das schreckte sich auch vor dem Archetypen nicht zurück, selbst als er sich in all seiner „Pracht“ zeigte. – „Was bist denn Du für Einer? Ich habe Dich noch gesehen!“

„Weil ich normalerweise als Mensch auftrete – gestatten, Zyprian Zylbermann ist mein Name. Du wirst mich in meiner menschliche Gestalt schon öfter gesehen haben! Mein außerirdischer Name lautet auf Ψ5138!“

„Warum so kompliziert!“, monierte die Ottilia Leupold. „Du kannst doch simpel als Ψ5138 auftreten und Dich überdies in Deinem wahren Format zeigen – die Menschen werden früher oder später an Deinen Anblick gewöhnen!“

„Wirklich?“, sagte Ψ5138, plötzlich kleinlaut geworden. – „Du wirst jetzt – in Deinem ,Naturzustand‘ – mit mir an der Hand vor das Publikum treten – und wir uns innig küssen! Und wir werden intim miteinander werden, soweit das in der Öffentlichkeit zulässig ist – jedenfalls in unseren Breiten!“

Gesagt, getan! Er war zwar zu Beginn ein wenig hölzern, aber es ging zur Not.

Hilfreich war, dass er – mindestens nach seinem eigenem Bekunden – als einiger seiner Rasse die Kurve gekratzt hatte. Es waren daher nicht noch welche von der Sorte zu erwarten – und er stellte zweifellos ein Unikat dar. Das beruhigte die Leute, und manche begannen, sich für Zylbermann (besser gesagt für Ψ5138) zu interessieren.

Ottilia verkehrte ganz natürlich mit Ψ5138 um, inklusive Küsse und intime Begegnungen (bloß soweit sie für die Allgemeinheit erlaubt waren). Sie verliebten sich ineinander – Almut Claußen war vergessen. Da traf es sich gut, dass Potatau Te Wherowhero mit der Zeit starkes Interesse an ihr zu zeigen suchte, ja, er begehrte sie sogar leidenschaftlich – er war bis jetzt unverheiratet geblieben. Mit all seinen Tätowierungen – er lief halbnackt herum, und Almut konnte seine Tattoos genau „bewundern“ – faszinierte er sie. Zugleich hatte sie Angst vor der für sie exotischen Kultur. Da hätte sie gleich mit Zylbermann alias Ψ5138 anfreunden – so dachte sie insgeheim.

Als Te Wherowhero ganz gesittet mit Anzug und Krawatte vor ihr stand, um sie zu ehelichen – da wurde sie nicht viel (nach einheimischen Brauch) um ihre Zustimmung gefragt -, traute sie ihren Augen kaum. Er erklärte ihr, dass nach neuseeländischem Recht eine Trauung nur dann vollzogen galt, wenn sie neben der Maori-Zeremonie (dem Hauptteil des eigentlichen Ritus) auch ein zivilrechtliches Stück enthielt. Dann aber legten sie Beide ihre Kleidung im Reservat ab.

Es blieb nicht viel an Stoff – Almut kam sich plötzlich nackt vor, angesichts des reichhaltigen Angebot an Tattoos, stets einfärbig schwarz, allenfalls malvenfärbig. Da kamen auch schon die Tätowierungsfachleute und verzierten Almut über und über mit nie gekannten Graffiti – ihr Teint war sowie dunkler geworden durch die neuseeländische Sonne. Er war war fast nicht mehr zu unterscheiden von jenen der Maori. Sie fühlte sich immer mehr hingezogen, zu der fremden Kultur, die gar nicht fremd war, durch ihre Hochzeit mit einem prominenten Repräsentanten dieser Zivilisation.

Daheim in Wien war alles beim altem – und auch wieder nicht. Ottilia hatte sich von ihren Eltern den Pflichtteil auszahlen lassen, der ihr mit Erreichen des achtzehnten Lebensjahres zustand, und der nicht unbeträchtlich war. Vater und Mutter erfreuten sich sagenhaften Reichtums, der schier unermesslich war. Mit dessen Hilfe es der Tochter ein leichtes war, das fragliche Häuschen, in dem Almut Claußen bis zu ihrem plötzlichen Verschwinden wohnhaft gewesen war, billig zu kaufen. Ψ5138 wollte das – er hatte sich schon so an das Ambiente gewöhnt.

Er gewöhnte sich ferner daran, nicht als Zylbermann aufzutreten – das war für ihn Geschichte. Förderlich war dabei ein un-österreichisches Phänomen, nämlich dass die Behörden rasch und großzügig vorgegangen waren bezüglich der Einbürgerung eines Alien, für die an sich die erforderlichen Voraussetzungen fehlten. Hier war es notwendig, mehr als ein Auge zuzudrücken – und das konnte der Staat gut, wenn er es darauf anlegte. Und so kam es, dass es in den neuen Dokumenten „Ψ5138“ hieß und nicht mehr „Zyprian Zylbermann“…

Nun galt es, eine angemessene Beschäftigung für den Alien zu finden – Steuerberater war nun einmal nicht das Richtige. Außerdem hatte er mit einem zunehmenden Klientenschwund zu kämpfen. Da hatte Ottilia die rettende Idee: Sie ging zu dem leitenden Beamten vom Einwanderungsamt und dort heckten sie gemeinsam einen Plan aus – der Sonderbeauftragte für interstellare Beziehungen war geboren. Er hatte zwar momentan nichts zu tun, aber einen Schreibtisch, auf den er ein Bild seiner Geliebten hinstellen konnte. Sonst war Warten angesagt – auf den ersten Kontakt nach ihm.

Übrigens: Almut Claußen war völlig in der Maori-Kultur aufgegangen – sie fühlte als Maori durch und durch. Sie hatte sich einen Maori-Namen zugelegt: Aroha, das bedeutet „Liebe“…