Agatha Collins und ihr geschiedener Mann
Agatha Collins musste diesen Fall allein lösen – wenn er überhaupt zu lösen war. Akiko Yamamoto wollte sie da nicht hineinziehen – schließlich handelte das um eine Quasi-Familienangelegenheit.
Sie erinnern sich (oder auch nicht): Charlie Collins, der geschiedene Mann von Agatha, tanzte an, illuminiert wie immer. Er randalierte herum, dass es nicht zum Anschauen war. Bis er seine Ex-Frau erkannte: „Hey Mädel, wie geht’s? Schon lange nicht gesehen!“ Es war ihr furchtbar peinlich, ihn so zu sehen – wie hatte sie sich nur mit ihm einlassen können, ihn sogar heiraten können, das versoffene Schwein!
Charlie war wieder Erwarten pflegeleicht, das hatte seinen guten Grund. Er war gar nicht sicher, ob er das wirklich erlebt hatte, oder ob er sich nur einbildete. So gar nicht sicher. Er hatte (in seinen Träumen oder in der Realität) jemanden umgebracht. Das Opfer lag aber unzweifelhaft da – daran war nicht zu rütteln.
Das war kein Fall, den Agatha gerne bekommen wollte – aber Charlie blickte so treuherzig an, dass ihr nichts anderes übrig, als die Causa zu übernehmen und ihn gegebenenfalls auch herauszuhauen.
Er hatte keinerlei Erinnerung daran, was passiert war. Agatha versuchte es mit einer Radikalkur, mit Hypnose. Er sprach gut darauf an – man könnte es hervorragend nennen. In seiner Trance kam Einiges zutage: Wüste Szenen spielen sich da in seinem Kopf ab – mit Vergewaltungsphantasien jeglicher Art, sei es, dass er der Misshandler war, oder selbst misshandelt wurde. ließ sich beim besten Willen allerdings kein Zusammenhang mit einem Mord herstellen.
Hier ist besonders die Aquaphilie, also das Posieren oder andere sexuelle Aktivitäten im Wasser und unter Wasser, zu erwähnen, der Charlie gerne frönte. Und Agatha kam bei dieser Violation an prominenter Stelle vor. Das war es also, was er sich erwartete, obwohl er das nicht mehr ausleben konnte, beziehungsweise hatte er selbst in der Zeit, in der sie zusammen waren, nicht gewagt, das Thema anzusprechen. Wer weiß, vielleicht hatte sie Gefallen daran gefunden? Jetzt aber war sie mit Akiko Yamamoto eine lesbische Verbindung eingegangen, da sollten die Beiden in leicht veränderter Besetzung das Ganze probieren – danke für die Anregung!
Dabei war Agatha bereits bei einem anderen Fall mit Wasser in Berührung – mit einem gewissen Omar unter gefährlichen (man könnte richtigerweise sagen tödlichen) Umständen. Und wieder bei einem anderen Fall mit Wasser, wo sie als Chefermittlerin mit einer Untersuchung zum Tod einer gewissen Tamiko betraut war – mit ähnlichen riskanten Umständen. Dessen ungeachtet hatte die Privatdetektivin Geschmack am Tauchen gefunden – aber gemeinsam mit Akiko.
Vielleicht hatten sie die Apnoe, das Atemstillstand oder das vollständige Aussetzen der Atmung, wie es von der Yamamoto vorgeführt und von der Collins dilettantisch kopiert worden war, im Sinn. Akiko hatte es zu einer exorbitanten Meisterschaft gebracht – zwanzig Minuten und zwanzig Meter unter Wasser, das war ihre absolute Bestmarke, die sie aber nur zustande brachte, wenn alles stimmte. Bevor ich in‘s Schwärmen über die Apnoe gerate – das war eine andere Geschichte.
Nun galt es, einen Mord aufzuklären – und, wenn möglich, Charlie‘s Unschuld zu beweisen. Das erwies sich, wie gesagt, Charlie vorwiegend betrunken war, und zwar granatenvoll. Er wäre gar nicht imstande gewesen, das Schussattentat (denn um solches handelte zweifellos) zu verüben. Müßig zu erwähnen, dass er partout keine Waffe besaß. Das wusste Agatha verläßlich, aber sonst niemand – ihr geschiedener Mann verachtete Knarren jeglicher Art.
Er konnte die Pistole genauso gut entsorgt haben, wie jeder halbwegs objektiv Beobachter feststellen konnte – aber seine Ex-Frau machte ihm die Mauer. Sie glaubte ihn besser zu kennen – er war kein Killer. Umso dringender war es allerdings, die wahren Zusammenhänge aufzudecken. Aber wo beginnen – sie hatte vordergründig nicht den geringsten Anhaltspunkt. Und hintergründig hatte sie nicht als Vages. Sie begann, akribisch zu recherchieren, wobei sie keinen Stein auf dem anderen ließ. Und prompt fand sie etwas – verschwommen zwar, aber immerhin. Sie neigte nunmehr samt und sonders der Theorie zu, dass er unschuldig war.
Charlie bekam von dem allen nichts mit, weil er sich schon wieder dem Suff hingegeben hatte – entgegen der dringenden Aufforderung von Agatha, davon wenigstens bis an‘s Ende des Verfahrens zu lassen. Er war auf freiem Fuß angezeigt worden – folglich war es für ein Leichtes, sich die bewusste Droge zu verschaffen.
Er hatte Träume, ähnlich dem, was er sich unter Hypnose vorgestellt hatte. Er strich über den nackten weiblichen Körper wie auf einem Cello. Agatha (denn um diese handelte es sich) schmiegte sich an ihn mit verschränkten Armen, wobei sie Charlie’s (denn um diesen handelte es sich) Hals fest umschlungen hielt. Dann ging sie tiefer. Cello ade. Sie wandte sich seinem primären Geschlechtsteil zu – und befriedigte ihn mit dem Mund.
Agatha spürte instinktiv sein Verlangen – jetzt noch, nachdem die Beiden doch eine geraume Zeit voneinander getrennt waren. Sie hatten diese Variante zur Einstimmung auf den echten Koitus verwendet, und das weckte Erinnerungen bei ihr, als er sich noch nicht ständig betrunken hatte. Obwohl sie mittlerweile in einer lesbischen Beziehung lebte, hatte diese einzelne Szene ihren Reiz völlig verloren – und sie konnte den Vorgang jederzeit wieder hervorholen. Und ihn genießen.
Jetzt hatte sie sich im Gedanken schon sehr weit entfernt von ihrer eigentlichen Aufgabe, nämlich Charlie’s Unschuld zu beweisen. Sie konnte aber keinen Beleg für seine Schuldlosigkeit erbringen, sodass es lief im Prinzip auf einen reinen Indizienprozess hinauslief. Der Public Prosecutor argumentierte, dass es nicht so sehr darum ging, die Waffe aufzufinden, als vielmehr, was sie angerichtet hatte – eine durchaus hanebüchenere Diskussion. Die Verteidigung hatte wenig Mühe, die mehr als fadenscheinigen Begründungen zu zerlegen.
Charlie wurde im Zweifel freigesprochen. Er fiel ihr um den Hals – was auf Grund der Beeinträchtigung durch Alkohol für sie nur schwer zu ertragen war. Aber sie ließ es ausnahmsweise zu – zu groß war sein Überschwang. Und sie liebte ihn noch immer – ein bisschen…