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DER MODERNE DON QUIJOTE

Hager war er, wie sein berühmtes Vorbild. Sonst war er wesentlich attraktiver als Don Quijote, er war als absoluter Schönling zu bezeichnen. Francisco Aragon war ein reicher Privatier in seinen besten Jahren – was immer diese Phrase bedeutet. Er hatte es sich zur Aufgabe gemacht, reiche (und wenn man sagt, reich, dann meint man richtig reich) Mädchen zu entjungfern, sie dann in kurzer Zeit sitzenzulassen und sie anschließend in die Obhut ihrer Eltern zurückzugeben.

Vater und Mutter scheuten den Skandal, was zur Folge hatte, dass Aragon nie belangt wurde. Entweder die Eltern finanzierten eine Abtreibung, oder, wenn es sich dabei um besonders gläubige Exemplare handelte, ließen sie das Kind austragen, um es dann umgehend zur Adoption freizugeben. Und Francisco machte munter weiter – bis er seiner „Dulcinea“ begegnete, einer gewissen Isabella Garcia, die ihm die Hölle heiß machte.

Sie war, anders als seine bisherigen Gespielinnen, eine toughe Frau!

Sie hatte vor nichts und vor niemandem den geringsten Respekt – und hatte ihre Pille für alle Fälle. Francisco nannte sie – ein wenig zynisch – seine Dulcinea del Toboso. Sie hatte eher etwas mit Aldonza Lorenzo gemein – sie war zwar nicht ganz so arg, wie Sancho Pansa sie beschreibt, mit „Haaren auf den Zähnen“, war sie weit von dem, was Don Quijote in seiner Edeldame sieht: „Ihre Haare sind Gold, ihre Stirn ein Paradiesgarten, ihre Brauen gewölbte Regenbogen, ihre Wangen Rosen, ihre Lippen Korallen, Perlen ihre Zähne!“ Sie wird für ihn „höchster Inbegriff aller Schönheit, Gipfel und Vollendung aller Klugheit und Bescheidenheit, Rüstkammer der anmutigsten Holdseligkeit, Vorratshaus aller Sittsamkeit, Vorbild alles dessen, was es Ersprießliches, Sittenreines und Erquickliches auf Erden gibt!“

Nun, so war sie nicht – eher so ein Mittelding zwischen der Lorenzo und der del Toboso – was auch immer dieses Zwitterwesen bedeuten sollte. Sie war gekommen (so schien es ihm langsam, aber sicher), um ihm das Leben schwer zu machen. Nichts war es mehr mit der Entjungferung, die er so lange mit großer Leidenschaft betrieben hatte.

Jetzt war es genau umgekehrt – Dulcinea oder Aldonza (wer wusste das akkurat?) gaben den Ton an und der Schönling musste wohl oder übel gehorchen. Sie waren Zwei – in seiner Vorstellung, von der er sich nicht lösen konnte – und er war ganz allein.

Francisco kam endlich dahinter – lange genug hat‘s gedauert, bevor der Groschen bei ihm fiel. Sie war einfach Dulcinea, wenn es ihr behagte, und Aldonza, wenn ihr danach war. Er wusste nie genau, wenn er aufwachte, mit welcher der zwei Persönlichkeiten, der vornehmen oder der ordinären, er es an dem betreffenden Tag zu tun hatte. Und er genoss zunehmend den Reiz der Situation, wenngleich er sie als Herausforderung empfand. Manchmal dachte er an früher zurück, als alles viel einfacher war.

Er nahm die neue Aufforderung zum Tanz an. Und tanzen konnten die Beiden – die Eine eher höfisch, gesittet, kultiviert, die Andere barbarisch, unzivilisiert, leidenschaftlich. Dabei gab er „der Anderen“ eindeutig den Vorzug, wenigstens wenn sie sich im Tanz ekstatisch bewegte. Francisco tanzte lieber total enthemmt, unbeherrscht, aggressiv. Er übersah da gerne, dass es sich bei Dulcinea und Aldonza um dieselbe Person handelte. Er verharrte – für den Fall, dass sie sich als del Toboso gerierte – lediglich still und vom Rand aus.

Dulcinea tanzte aristokratisch steif und ohne Gefühl, sie neigte sich rechts, ihrem fiktiven Partner zu, dann wiederholte sie das gleiche links. Es war mehr wie eine gestellte Szene, als das Urtümliche, Genuine der Bewegung. Und dann fielen die Beiden plötzlich unisono über Francisco her – in schöner Einmütigkeit, nahezu ununterscheidbar. Isabella Garcia powerte ihn bis in‘s Letzte aus – er wurde zwischenzeitlich sogar ohnmächtig. Das war ihm noch nie passiert – ganz im Gegenteil. Er hatte bis vor kurzem das Heft in der Hand behalten.

Das stand im Widerspruch zu allen Erfahrungen, die er bis vor nicht allzu langer Zeit gemacht hatte. Er war jemand, der bis in‘s Letzte knochentrocken schien. Das änderte sich schlagartig – wie schon erwähnt – und nicht zu seinen Gunsten. Und es kam Unheiliges zutage – etwas Megärenhaftes, das sich vermehrten Ausmaß auch in ihrem Aussehen bemerkbar war.

Und dann fiel es Francisco wie Schuppen von den Augen und er erblickte plötzlich die nackte Wahrheit: Isabella Garcia war eines jener Mädchen, denen er die Unschuld geraubt hatte.

Rache ist süß, dachte Isabella bei sich!

Sie plante etwas ganz Besonderes für ihn. Er würde das bald sehen. Sie traf geheime Vorbereitungen für ihn, bevor sie hervortrat an die Öffentlichkeit – und ich sage das bewusst, indem Francisco nicht vielleicht im stillen Kämmerlein seine Runden zog, sondern coram publico mit jeder Menge an Gaffern, wobei sich die Frauen vornehmlich hervortaten. Was gab es zu sehen?

Einen mit lediglich mit einem Slip bekleideten Mann, der auf einem Bett lag, und dessen Hände über seinen Kopf mit Handschellen fixiert waren. Das mochte der Betroffene noch aus durchaus reizvoll empfunden haben – bis, ja bis Isabella ihn mit nach auswärts gedrehten Beinen ebenfalls mit Fußfesseln festband. Dann machte sie sich an sein Geschlecht heran, indem sie ihm die Hose halb herunterzog. Anschließend machte sie sich davon und überließ Francisco seinem Schicksal. Mochten die übrigen anwesenden Personen doch mit ihm machen, was immer sie wollten…