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DIE CIRCUSARTISTIN

„So geht das nicht – da musst Du schon mehr von Deinen Reizen (die übrigens ganz beträchtlich sind, soweit ich sehe) herzeigen!“, sagte der Circusdirektor, als Anna Weber – die unter dem Künstlernamen Kimani Nightshade auftrat – sich vorstellen kam. Sie hatte beim Anstellungsgespräch ein Ganzkörperoutfit an, das alles Wesentliche verbarg.

„So bedeckt kann ich Dich nicht aufnehmen – in unserem Circuszelt musst Du in einem winzigen Bikini performen. Beobachte die anderen Artistinnen und Artisten – die haben auch minimalistische Kleidung an. Oben ohne bei Frauen ist keine Seltenheit – das wage ich mir bei Dir keineswegs vorzuschlagen.“

Der Direktor leistete Überzeugungsarbeit in der Hoffnung, dass er sie doch noch anstellen konnte. Kimani Nightshade war wirklich eine Wucht, wie sie da am Trapez herumturnte – und das ohne jede Absicherung. Sie hatte eine kleine Präsentation vorbereitet – ein Kurzprogramm dessen, was sie in der Langfassung zu bieten, darunter das, was sie als Todessprung bezeichnete. Am Ende hing sie kopfüber an den gestreckten Beinen hoch in der Luft.

Vorher musste sie sich umziehen und in eines der vorbereiteten Teile schlüpfen, bei dem ein Nichts an Stoff die Regel war. Hier kam wieder die Anna Weber zum Vorschein, die Ihrem Ganzkörperoutfit nachweinte – aber als Kimani Nightshade musste da durch. Sie wurde unter Vertrag genommen – Voraussetzung war, dass sie einen mikroskopischen Dress trug, der mehr preisgab, als er verhüllte.

Kimani, eigentlich Anna, kniete sich so richtig in ihre neue Stelle hinein – sie wollte dem Publikum etwas Neues bieten. Dabei dachte sie sich mit der Zeit immer gewagtere Übungen aus, die sie faszinierten – die Entblößung war nahezu vergessen. Und eines Tages gelang es ihr, dieselbe Fertigkeit mit nur einem Bein zu vollziehen, wo sie dann eine Weile verharrte. Zusätzlich, wenn sie ihre normale Position wieder erreichen wollte, verweilte sie in waagrechter Stellung für einen langen Moment – bevor sie sicher an das Trapez gelangte.

Als Kimani Nightshade das zum ersten Mal öffentlich vorführte, war der Applaus überwältigend. Sie ließ sogar zu einer Zugabe hinreißen (was sie sonst nie machte, wegen Übermüdungsgefahr), aber die Begeisterungsstürme trieben sie immer fort zu neuen Avancen. Der Circusdirektor war auch ganz begeistert – sie nahm seine Einladung zu einem Glas Wein an (was sie sonst nie machte, denn der Alkohol vertrug sich nicht mit ihrem Beruf).

Aus einem Glas wurden zwei, und am Schluss hatte sie jeden Überblick verloren – sie war total besoffen. Und dem Direktor, der eine ganze Menge mehr vertrug als sie, war es ein leichtes, sie mehr oder weniger zu vergewaltigen. Am nächsten Tag wusste sie nur mehr in Umrissen von dem Fall, die Vergewaltigung hatte explizit stattgefunden – wenn auch unter dem Motto: „halb zog er sie, halb sank sie hin“.

Kimani sah den Direktor ganz und gar nicht an – er war verheiratet mit einer richtigen Xanthippe. Sie hatte den Circus mitgebracht, und sie führte die Bücher und sonst die wirtschaftlichen Belange des Unternehmens – er hatte sich um solche Nebensächlichkeiten wie das Engagement von Artistinnen und Artisten zuständig. Da drückte sie hin und wider schon ein Auge zu, wenn sich das nicht zu dauerhaften Affäre entwickelte – sie kam ihm insgeheim immer drauf.

Übrigens – Asa Oren war sein Name, Annika Baruch der ihre. Die Baruch war – wie gesagt – streng. Asa konnte sich nicht den geringsten Fehltritt erlauben – außer den von ihr stillschweigend geduldeten. Xanthippenhaft einfach, und so sah sie aus – wie ihre eigene Großmutter.

Asa hatte sich in das gemachte Nest gesetzt. Kinder gab es aus verständlichen Gründen keine (Annika war unfruchtbar) – dafür konnte sie mit einem Schönling prahlen, der er auf jeden Fall war. Er war ein simpler Gaukler, den sie erhoben hatte zu ihrem Mann. Was die Nachkommen betrifft – er hatte sie nicht mit der Baruch, dafür liefen, überall dort, wo der Circus Station machte, das eine oder andere Bauxerl herum. Diese hatten eine fatale Ähnlichkeit mit Asa.

Jetzt wieder zurück zu Kimani Nightshade. Sie operierte mit immer längeren Phasen der Gewalt an ihrem Körper und sie dehnte den Zeitraum immer weiter aus – Asa Oren war‘s recht, denn sie verlangte nicht mehr an Gehalt. Sie machte das freiwillig und ohne Zwang – nur aus Freude am Erfolg.

Sie trat in der Nachtvorstellung, um null Uhr, für ein spätes Publikum, hauptsächlich Männer, die sie angrölten, zuletzt barbusig auf. Sie empfand subjektiv die Schreie als Zeichen der besonderen Wertschätzung für ihre Person – dabei waren es nur Obszönitäten, von denen sie nichts mitbekam. Sie hätte endlich auch ihren Slip abgelegt (begleitet von den Rufen „Kimani, zieh Dich ganz aus!“), so gleichgültig war ihr das schon – wenn nicht Asa Einspruch erhoben hätte. Das ging ihm entschieden zu weit.

Da war jene gewisse Eifersucht, die weit über das hinausging, was zwischen einem Circusdirektor und einer von ihm angestellten Artistin angemessen war. Er pfiff mittlerweile auf die Xanthippe – möge sie ihn hinauswerfen, ihm war schon alles egal, die ständig wiederkehrenden Vorwürfe, seien sie jetzt berechtigt oder hatte sie das bloß ausgedacht. Dabei war sie insgeheim bereit, Asas Fremdgänge zu tolerieren, wenn diese nicht allzu lange dauerten – das würde sie ihm kaum auf die Nase binden.

Er wollte völlig neu anfangen, ohne Annika Baruch, als Manager von Kimani Nightshade, die er in lichte Höhen der Performance entführen wollte. Aber Kimani hatte eigene Pläne, wenn da wirklich alles den Bach ‘runtergehen würde. Sie brauchte keinen Manager, der einen erheblichen Teil des eingenommen Geldes in Anspruch nahm (für‘s Nichtstun, wie sie sagte) – sie vertrat sich selbst. Und in lichte Höhen konnte sie sich auch selbst „entführen“.

Es ging früher oder später den Bach ‘runter – vor allem wegen des katastrophalen Betriebsklimas, in dem Jeder Jeden belauerte, und der Circusdirektor als Oberintrigant die Fäden in der Hand hielt, seiner Frau zu verdanken. Weil er bei ihr nicht zu sagen hatte, schikanierte er die Artistinnen und Artisten. Trotzdem suchte er in dieser Situation abermals den Kontakt zu seiner Dame des Hauses – manche sagten auch, er kroch‘ zu Kreuze. Ihre erste Bedingung war: „Nenn‘ mich nie wieder Xanthippe!“

Asa Oren war alles recht, wenn er nur den Schein einigermaßen erhalten konnte. Annika Baruch stellte auch noch andere Bedingungen, allen voran, dass er sich seine kurzfristigen „Flirts“ abschminken sollte – lediglich die Masturbation bliebe weiterhin erlaubt. Asa sah sich künftig mit einem freudlosen Dasein konfrontiert – wenn man die flüchtigen Befriedigungen außer Acht ließe. Aber er fügte sich brav, denn wovon sollte er leben, wenn ihm sein bisheriges Zugpferd abhanden gekommen war: Kimani Nightshade!

Die Angesprochene strebte eine internationale Karriere an – mit guten Erfolgsaussichten. Denn die Nachfrage war sehr groß, zumal das Fehlen jeglicher Sicherung den Preis hinauftrieb – ein falscher Griff, und sie stürzte in den Tod. Das ergab einen zusätzlichen Kick. Als erstes Engagement hatte sie gleich ihren Auftritt in Las Vegas – ihr Ruf eilte ihr voraus. Hier war sie von Haus aus Kimani Nightshade und nicht Anna Weber – das blieb ihrem Pass vorbehalten.

Sie hatte anlässlich Las Vegas ein Programm zusammengestellt, das Elemente der bisherigen Repertoires enthielt, aber sie hatte auch neue Features eingebaut, die länger und gefährlicher waren, als alles Vorherige. Sie begann harmlos – sie stand aufrecht auf dem Trapez und vollführte einige Tanzschritte. Das Tanzen wurde leidenschaftlicher und exotischer – sie steigerte sich in eine wahre Trance hinein, die sie Kommende überstehen ließ.

(under construction)