ESCORT
Um gleich bei den negativen Facetten meines Berufs zu beginnen – Du musst immer ein strahlend fröhliches Gesicht zeigen, anders als Angetrauten meiner Mandanten, die sich die eine oder andere Missmutigkeit erlauben durften. Die schlechte Laune solltest Du sogleich zu Hause lassen, dafür bezahlt Dich Dein Kunde keinesfalls – die üble Laune gehört in‘s stille Kämmerchen.
Sonst macht mir meine Tätigkeit durchaus Spaß und wenn mir ein Klient besonders gut gefällt, gehe ich nach einem gepflegten Abendessen (oder was immer sein Wunsch im breiten Spektrum der Möglichkeiten sein mag), schon einmal in‘s Bett mit ihm, selbstverständlich unter Wahrung sämtlicher hygienischer Maßnahmen, wozu auch die ausnahmslose Verwendung eines Kondoms zählt. Aber sonst waren der Phantasie keine Grenzen gesetzt – ich hatte eigene Vorstellungen, und auch die Vorstellungen meiner Auftraggeber waren, so vorhanden und in Maßen, willkommen.
Die aberwitzigste Story ergab sich, als der Leiter des Feuilletonteils einer bestimmten Tageszeitung die Idee gebar, eine Mitarbeiterin sollte sich in der Escort-Szene einmal umsehen, und da ich in dieser Szene relativ prominent war, verfielen die Beiden auf mich. Ich sagte zu, unter einer Prämisse: Die Auswählte musste die Bedingung hautnah und am eigenen Leib nachvollziehen, inklusive des Schlafens mit den Kunden, wenn ich es für richtig hielt. Das sollte die Redakteurin an sich abschrecken – allein sie sagte nach kurzer Überlegung zu.
Ich wunderte mich noch, welche Opfer sie bereit war, um Karriere zu machen – dabei konnte Zlata Jovanovic (so hieß die Dame) es gar nicht mehr erwarten, die ganze Chose zu beginnen. Sie war Anfang Vierzig, ihr Mann war frühzeitig verstorben, ihre zwei Kinder waren aus dem Haus. Sie erinnerte mich in gewisser Weise an mein eigenes Schicksal. Sie war nicht unhübsch, manche fanden sie auch bemerkenswert schön – aber das war Geschmacksache.
Mir war es ähnlich ergangen, ich war Mitte Vierzig, die zwei Kinder aus dem Haus, wir konnten mit meinen Mann das Leben genießen – aber es kam anders, als ich mir das vorgestellt hatte. Der Schuft haute mit einem erheblich jüngeren Mädchen (sie war gerade erst Siebzehn) ab – was sie ihm zu bieten konnte, war mir heute schleierhaft. Ich war äußerst attraktiv, mehr als sexy und ich war ausgesprochen zugänglich für Wünsche auch außerhalb der Norm. Vielleicht lockte ihn einfach das junge Fleisch, an das er so richtig eingraben konnte. Möglich war es auch, dass es geradezu ihre Unerfahrenheit, die ihn reizte. Hier konnte er seine Spuren in einen noch weitgehend unbeackerten Boden setzen. Den Gefallen, dass sie noch Jungfrau war, machte sie ihm nicht – in der heutigen Zeit konnte er das nicht ernsthaft erwarten.
Ich verstand jedenfalls die Welt nicht mehr, was mich nicht daran hinderte, sein Angebot meiner Versorgung anzunehmen. Der Kerl hat alles dafür getan, um mich loszuwerden – selbst seine Brieftasche (im übertragenen Sinn) hat er weit geöffnet. Dessenungeachtet: Was hatte ich nicht alles getan, um ihn zufriedenzustellen – und der Dank war blanker Hohn. Dabei hatten wir uns wirklich geliebt, und der Beweis waren unsere beiden Kinder, ein Mädchen und ein Bub.
Dabei fiel mir erst jetzt auf, dass mein Ehepartner bei der Geburt der Beiden durch Abwesenheit geglänzt hatte – eine dringend erforderlich Geschäftsreise war in allen zwei Fällen die fadenscheinige Ausrede. Ich musste mich alles selbst kümmern, was in dem Zustand, in dem ich mich befand, äußerst mühsam war, und zudem hatten wir zu jener Zeit nur ein Auto, und mit diesem war mein Mann unterwegs, sodass ich jede Fahrt mittels Straßenbahn zurücklegen musste.
Auch bei der Kindererziehung strengte er sich nicht sonderlich an, was ich damals als ganz normal einstufte. Später (zu spät?) jedoch kam ich darauf, dass das Methode hatte. Er hatte mit der Zeugung von zwei Nachkommen seine Schuldigkeit getan – alles Weitere interessierte ihn nicht. Er hatte seine Zeugungsfähigkeit unter Beweis gestellt und er konnte seinen Schwanz in ein anderes Opfer versenken. So dachte ich mittlerweile über ihn.
Was Wunder, dass ich von Stund‘ an nie wieder mit dem Herz dabei war – es dauerte allerdings seine Zeit. Bis die zwei Sprösslinge außer Haus waren, das war ich ihnen schuldig. Danach aber ich diesen Beruf ergriffen. Das war meine Geschichte, ich Zlata Jovanovic konzis erzählte! Nicht ohne meine Bedingungen zu wiederholen, die unabdingbar waren! Nicht ohne von ihr zu verlangen, dass sie sich völlig meinen Prämissen unterwerfen sollte! Ich forderte von ihr kurzerhand, dass sie sich in eine Kopie ihrer selbst verwandeln sollte!
Damit rannte ich bei Zlata für mich überraschender Weise offene Türen ein. Es sei ja geradezu die Aufgabe von jedem Feature, so authentisch wie möglich zu sein. Damit war die Sache geritzt!
Sie drängte von sich auf, mit den Escort-Dates ehebaldigst zu beginnen. Ich suchte für‘s erste zwei Herren aus, mit denen schon öfter ausgegangen (allerdings getrett5voneinander). Sie hatten beide nichts dagegen, dass ich eine „Freundin“ mitbrachte, die das Gewerbe einmal ausprobieren wollte. Zlata suchte mit relativ sicherem Griff einen der Beiden aus. Auf meine Frage: „Warum gerade Diesen?“, antwortete sie: „Weil er der Zivilisiertere der Beiden zu sein scheint!“
Und so war‘s auch. Sonst stand nichts auf dem Programm, außer dass Y den Diskurs mit einigen anzüglichen Bemerkungen aufzulockern suchte. Zlata hatte sich X klugerweise ausgewählt. Sonst passierte, wie gesagt, nichts – die zwei Männer gingen ihrer Wege, und wir, die Redakteurin und ich, standen auf der Straße vor dem Lokal. Zlata machte mir bittere Vorwürfe des Inhalts, dass sie sich mehr „Action“ erwartet hätte. Ich sagte zu ihr: „Das war nur zum Aufwärmen gedacht! Bald wirst Du Action erleben, dass Dir (so viel kann ich Dir versprechen) die Augen übergehen!“
Das nächste Mal, und das fand in wenigen Tagen statt, trafen wir zwei Herren, A und B benannt, die mehr wollten, als nur reden. Nach einem gepflegten Abendessen (das musste sein, damit der Anstand gewahrt wurde), mit gepflegten Gesprächen, wo wir Beide zur Höchstform aufliefen, uns gegenseitig Konkurrenz machten, ging es an‘s Eingemachte, weswegen wir eigentlich dort waren.
Ich hatte zu dem Zweck eine kleine Wohnung gemietet – meine wirkliche Bleibe war mir heilig und ich wollte sie nicht entweihen. Dort fuhren wir hin und ich teilte die „Kabinen“ zu, wobei mir A und B persönlich bekannt waren – ich nahm B. Nun waren wir auf uns allein gestellt – Zlata nahm A. Ich hatte das Gefühl, dass ich ihr zum „Abschied“ noch sagen sollte, wie „Gott befohlen, meine Liebe!“, unterließ es dann aber.
Ich war ernstlich besorgt, während ich mich an B abarbeitete. Normalerweise vertrieb ich mir die Zeit, an George Clooney zu denken, und das, was er mit mir gemacht hätte – anders als B, der seine phantasielose Nummer abschob. Dabei war mir schon klar, dass ich ein Traumbild mit der traurigen Realität von B verglich. Aber heute dachte ich daran, wie es Zlata wohl ging – da musste ich einiges an Geduld aufbringen. B hatte sich längst empfohlen – nicht ohne den entsprechenden Obolus von 2000 Euro zu hinterlassen. Ich war schon gespannt wie ein Regenschirm auf die Erfahrungen, die meine Partnerin gemacht hatte!
Zlata kam tief befriedigt aus ihrem Zimmer heraus – neben ihr ein total erschöpfter A, der es gerade bewältigte, seine Zahlung von 2000 Euro zu entrichten. Zu meiner nicht geringen Überraschung legte er noch einmal 1000 Euro als Prämie darauf – für geleistete Extra-Dienstleistungen, wie er bemerkte. Dann verabschiedete er sich launig: „Auf ein nächstes Mal!“
Ich war schon begierig darauf, zu hören, aus was diese Extras wohl bestanden haben könnten.
„Ich habe meine (schaumgebremste) sadistische Ader entdeckt – An‘s-Bett-Fesseln inklusive! Da wand sich A hin und her und versuchte sich loszubinden, aber vergeblich! Ich glaubte sicher, dass ihr Anderen das hören musstet!“
„Wir haben nichts gehört – waren zu sehr mit unserem eigenen Kram beschäftigt!“
„Wie auch immer – ich faßte seinen Penis grob an, bis er aufschrie! Und ihr habt noch immer nichts gehört – das ist merkwürdig, denn der Aufschrei war ohrenbetäubend, wie von einem wilden Tier!“
Wir bestätigten ihnen, dass wir von dem Gebrüll gar nichts mitbekommen hatten. Offensichtlich waren die Wände gut abgesichert, gegen sämtliche Lauschversuche. Dann ging‘s gleich weiter – für A schmerzhaft, so kurz nach dem ersten Mal. Er rüttelte an seinen Fesseln, natürlich wieder umsonst. Er fühlte sich ausgesprochen unwohl – aber durch die erzwungene Einschränkung hatte das Ganze seinen befremdenden Reiz.
Das führte dazu, dass A (sein richtiger Name war Diethard Dyckmann – er war unverheiratet) der Redakteurin, die ursprünglich nur einen Bericht über das Escort-Business schreiben und danach sich völlig anderen Aufgaben zuwenden wollte, ein exklusives Angebot unterbreitete: Sie sollte für ihn, und für ihn da sein, speziell für ihn!
Sie konnte weiterhin ihrem Beruf nachgehen (Wie großzügig, dachte die Jovanovic bei sich!), während er seiner Profession als Unternehmensberater nachging. Bei Nacht aber sollten sie ihrer extravaganten Neigung, sie als Sadistin, Diethard als Masochist, frönen. Zlata sagte sofort zu – die Ereignisse hatten sie zu sehr aufgewühlt. Da gab es nicht viel zu überlegen. Zunächst war der Artikel zu schreiben – die Zeit drängte, der Redaktionsschluss bevor.
Mein Leben als Escort-Dame
Escort ist eine Dienstleistung, bei der eine Begleitperson für verschiedene Anlässe gebucht wird. Dabei kann es sich um private oder geschäftliche Veranstaltungen handeln. Neben der reinen Begleitung bieten viele Escort-Damen auch weitere Services an, die individuell vereinbart werden können. Dazu gehören zum Beispiel erotische Massagen, romantische Abende oder auch intime Begegnungen. Die Escorts sind in der Regel gut ausgebildet und vielseitig interessiert – Diskretion und Professionalität sind dabei selbstverständlich.
Für diesen Job musst du einiges mitbringen. Die Agentur erwartet eine selbstbewusste, niveauvolle und kultivierte Persönlichkeit, die, so die explizite Beschreibung, „auch offen für Abenteuer ist“. Über Sex wird in solchen Agenturen nie direkt gesprochen. Das wäre zu billig. Man muss ein gepflegtes Äußeres haben und über eine gute Allgemeinbildung verfügen. Für den Beruf sind Fremdsprachenkenntnisse ebenfalls erforderlich. Ich selbst spreche ganz passabel Englisch und Französisch. Nach dem Bewerbungsgespräch werden Fotos gemacht, unter anderem auch in Dessous. Private Schnappschüsse wollen sie nicht haben. Du musst einen Fragebogen ausfüllen mit deinen Interessen, deinem Werdegang und den Körpermaßen. Die suchen keine Topmodels, sondern ganz normale Frauen. Ich selbst bin 168 cm groß, trage Kleidergröße 38/40, habe blaue Augen, blond gesträhnte, schulterlange Haare. Das Mindestalter ist 21 Jahre; nach oben gibt es keine Grenzen. In meiner Agentur arbeiten Escort-Ladys, die sind Mitte 50.
Ganz oft wollen die Herren auch reden. Über ihren Job, ihre Kollegen, die an ihrem Stuhl sägen, Geschäftspartner, die den Hals nicht vollkriegen. Aber am meisten reden sie über die Frauen, die sie haben. Über deren Lustlosigkeit im Bett, über ihre schlechte Laune und Unzufriedenheit, die so mancher von ihnen als undankbar empfindet. Dann höre ich einfach nur zu. Gut zuhören können, dem Mann das Gefühl geben, dass man ganz Ohr ist bei allem, was er sagt – das gehört ganz sicher zu den Grundvoraussetzungen für diesen Beruf. Quasselstrippen werden nur einmal gebucht. Und danach nie wieder.
Nachdem dieser Punkt erledigt war, zur vollsten Zufriedenheit des Leiters des Feuilletonteils – Zlata Jovanovic hatte ein Meisterstück abgeliefert. Sie wandte sich zu anderen Exempeln ihres Tuns. Privat allerdings trat sie dem Vorschlag von Diethard Dyckmann nahe – sie zog mit Sack und Pack bei ihm ein. Untertags gingen die Beiden ihren jeweiligen Tätigkeiten nach – nachts aber machten sie ihr Ding.