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IHRE EXZELLENZ, DIE MINISTERIN

Eleni Panagou kam aus einfachsten Verhälnissen. Aufgewachsen in Peristeri, einem selbstständigen Vorort von Athen, hatte sie im Alter von zehn oder zwölf bereits das Gefühl, zu Höherem berufen zu sein. Angestachelt wurde dieser Wunsch durch die sich entwickelnde ungeheure Schönheit, die ihr einen zusätzlichen Drive vermittelte.

Sie war überaufmerksam, damit ihr nur entginge, was sie später im Leben in irgendeinerweise brauchen konnte. Dementsprechend waren ihre Schulnoten brillant, was sie nicht hinderte (als die Zeit der Reife gekommen war), ein ausschweifendes Dasein zu beginnen. Sie nahm die Pille, was ihre Mutter ihr strengstens verboten hatte, aber sie setzte über diese Anweisung hinweg. Ihrem Vater war das egal. Er war wohlbestallter Bahnhofsvorstand, der sich nur für seine Züge interessierte.

So hatte sie – nach zahlreichen, nicht ernstzunehmenden Affären, die ihr gleichwohl schon früh den Ruf einer Femme fatale eintrug – im Alter von 18 Jahren (und damit mit Erreichen der Volljährigkeit) eine rückhaltlose Liaison mit einem Politiker einging. Dass Eleni ergo weniger zu verlieren hatte, vor allem wegen ihres angeschlagenen Images, wie der Minister für Äußeres Loris Triantafyllou, zumal er verheiratet war. Er ließ sich allerdings vorläufig nicht beirren und machte konsequent weiter. Mittlerweile begann die Panagou ein Studium der Politikwissenschaft, bei dem sie spektakulär reüssierte, nicht zuletzt weil die Professoren von ihrem Charisma überzeugt schienen.

Sie begleitete Loris fallweise zu einer seiner Auslandsaufenthalte. Bei seinem offiziellen Terminen war sie nicht dabei, das wäre dann zu auffällig gewesen, weil man seine „Original-Frau“ kannte. Aber nachdem sich der Minister formell verabschiedet hatte, verbrachten Eleni und er in den angesagtesten Nachtclubs ihre Zeit, eng umschlungen tanzend oder im Séparée zu intimen Zwecken.

Da holten sie sich vereinzelt einen Callboy oder Callgirl hinzu, um dem Ding eine zusätzlichen Würze zu geben. Die Leihpartner gingen professionell mit der Sache um – der Callboy hatte Steherqualitäten und das Callgirl stand ihm nicht nach bezüglich Ausdauer. Die Beiden konnten noch etwas lernen von den Leihpartnern – und zwar etwas Maßgebliches. Die Geschmeidigkeit, mit der das Ganze ablief, konnte nur durch langjährige und intensive Erfahrung erworben werden. Und sie ließen sich ständig etwas Neues einfallen.

Manchmal hatten Eleni und Loris aber ganz normalen Sex miteinander, da brauchten sie keine zusätzliche Ermunterung. Und dann kehrten sie stets wieder nach Griechenland zurück, Triantafyllou pro forma zu seiner Frau, die Panagou zu ihrem erfolgreichen Studium. Und dann hatte sie kurz vor den Rigorosen ein einschneidendes Erlebnis – sie lernte den Ministerpräsidenten kennen. Der machte Eleni den spontanen Vorschlag, für ihn zu arbeiten. Das Studium würde später noch nachholen. Konsequenz war, dass sie Triantafyllou stante pede fallenließ.

Odysseas Petridis war mit Leib und Seele Ministerpräsident, aber auch ein bekannter Schwerenöter, der für eine attraktive Dame schon einmal seine Pflicht als Vorsteher des Ganzen vernachlässigte. Und seine Wähler und vor allem Wählerinnen verziehen alles. Selber nicht jung, aber gut im Schuss, blickte er mit Mitleid auf seine Frau, ein matronenhaftes Etwas, das füllig geworden war, und zwar überfüllig, während er sich seine Figur erhalten hatte. Dichtes weißes Haar ergänzte diesen aufregenden Eineruck.

Und dieser Mann ließ sich auf ein Verhältnis mit ihr ein – oder besser gesagt, sie ließ auf ein Verhältnis mit ihm ein. So konnte die Panagou ihn mit ihrer fast magische Schönheit becircen. Dass Eleni nichts Gutes im Schilde führte, war fast absehbar. Als Erstes beanspruchte sie ihn dreimal pro Nacht mit ihren sexuellen Wünschen (und waren weiß Gott extravagant), nur um dann tagsüber brav und bescheiden ihre Arbeit als Assistentin des Ministerpräsidenten abzuwickeln.

Es dauerte nicht lange, bis sie auch eine offizielle Bestellung als Ministerin für Kultur anstrebte. Prompt kippte Odysseas die bisherige Amtsträgerin aus dem Sattel und installierte sein Protegée Eleni Panagou als Nachfolgerin – was nicht ohne Widerstand bei den Parteifreunden des Opfers geschah. Petridis wischte die möglichen Einwände kraft seiner Autorität vom Tisch – und Eleni hatte den Posten.

Nun hatte es also geschafft – sie war Ministerin für Kultur. Damit sollte es (zumindest vorläufig) sein Bewenden haben. Sie rührte in Laden kräftig um – das gefiel nicht jedem, aber der Hinweis auf Odysseas Petridis – ob berechtigt oder unberechtigt – ließ die Kritiker verstummen. Die Lästermäuler waren auch deshalb verstummt, weil sie nichts mehr sagen hatten. Die Querulanten hatten ihr Mäntelchen ohnehin nach dem Wind gehängt oder sie gingen in die innere Emigration – oder sie kündigten gleich.

In der Nacht verlangte Eleni aber weiterhin ihren Tribut von Odysseas, wobei sie gnädig schien – einmal genügte ihr. Mehr hätte auch sie nicht verkraftet – ihre Kapazitätslimit war mittlerweile nahezu überschritten durch die Tagesbelastung. Sie hatte sich Einiges vorgenommen – unter anderem die totale Umkrempelung des Ministeriums. Das erforderte die Anwesenheit weit über die üblichen Betriebsstunden hinaus. Sie beriet mit ihren engsten Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen (es handelte sich um jene Personen, die ihr Mäntelchen gleich in den Wund, und bla bla). Oft kam sie überhaupt nicht nach Hause. Sie hatte sich eine bequeme Schlafstelle im Amt eingerichtet inklusive Dusche und allem Drumunddran.

Ihr momentaner (und die Betonung liegt auf momentan) Bettgenosse amtete auf. So konnte er endlich ausschlafen – darauf hatte der Ministerpräsident schon sehnsüchtig gewartet. Er überlegte ernsthaft, ob er die Beziehung auflösen sollte, nachdem ihren offensichtlichen Zweck erfüllt hatte. Er war ihr gar nicht böse – er hatte seinen Zweck, der Eroberung dieses schönen Stücks Fleisch (so dachte er in Wahrheit), erreicht. Nun aber war es genug, so wollte ihm scheinen, und er glitt wieder in ruhige Fahrwasser früherer, weniger anstrengender Liaisonen, die er zu diesem Nutzen wiederbeleben wollte. Es war ihm nicht möglich, zu seiner Frau zurückzukehren – perhorreszierte sie geradezu, nach den Erfahrungen mit Eleni, die doch ein anderes Kaliber war. Er nahm sich jedenfalls vor, so lange es ihm möglich war, seine schützende Hand über sein Protegée zu halten.

Egal – Odysseas suchte sich eine andere Bleibe. Möge seine Gattin in der repräsentativen Residenz, wo auch er tagsüber seine Amtsgeschäfte erledigte, weiter hofhalten – er gönnte ihr vermeintlichen Triumph. Abends empfahl er sich mit unbekanntem Ziel. Seinen genauen Aufenthaltsort kannte nur sein getreuer Privatsekretär, der rund um die Uhr zur Verfügung stand, wenn die Anwesenheit des Ministerpräsidenten dringend (und nur dann, der Mann wusste das genau zu unterscheiden) erforderlich war.

Eleni Panagou kehrte in der Tat das Unterste zu oberst, dabei hatte sie einen genauen Plan. Er bestand darin, all das Verstaubte, das sich im Lauf der Jahre (um nicht zu sagen, Jahrzehnte) angehäuft hatte, radikal zu beseitigen. Ihr ging es nicht um einen Stellenabbau, weit gefehlt, sondern darum, die verfügbaren Ressourcen besser einzuteilen – was zu einer großen Erleichterung bei den Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen beitrug. Und dann waren auch sie wieder, mal weniger, mal mehr bei der Sache – die Grundstimmung war jedenfalls positiv.

Die neue Kulturministerin machte es sich nicht eben leicht. Und das verlangte sie auch von ihrem Personal, von den Abteilungsleiter und Abteilungsleiterinnen abwärts bis hinunter (mit Verlaub gesagt) zu den Putzkräften. Sie hatten alle diese Begeisterung, diese Euphorie, dieses Feuer in sich zu tragen – so Eleni in einer emotionsgeladenen und explosiven Rede, die sie vor der versammelten Frauschaft beziehungsweise Mannschaft hielt.

Sie hatten zum Beispiel monatlich zumindest ein Filmprojekt mit ihrer Expertise zu betreuen – dabei hatten sie keinerlei Tabu zu befürchten. Eleni gab ihnen völlig freie Hand – anders als bisher, wo unter den früheren Ministerinnen und Ministern strikte Zensur im Vordergrund gestanden hatte. Wegen der Wichtigkeit ihres Vorhabens (immerhin ging es um eine Grundsatzentscheidung der Regierung) hatte die Panagou die Entscheidung ganz nach oben getragen und Odysseas Petridis hatte schlichtweg „Ja“ gesagt.

Besonders griff Eleni in die bildende Kunst ein. Während in der Malerei bis jetzt das Ikonenhafte (oftmals mit religiösen Darstellung Unterlegte) dominierte, gab es nunmehr in Sinne der neuen Freizügigkeit eine Vielzahl von früher als schlüpfrig empfundenen Sujets. Genau dasselbe spielte in der Bildhauerei ab, wo beispielsweise bei männlichen Akten die seinerzeit üblichen Feigenblätter durch blanke Nacktheit ersetzt wurde.

Und erst die Literatur – hier hatte Eleni ein Wörtchen mitzureden, da sie selbst schrieb. Das geschah unter einem Pseudonym, was gut war, denn sonst hätten irgendwelche Arschkriecher (mit Rücksicht auf ihren neuen Rang) das zu ihrem persönlichen Vorteil nutzen können – so aber blieb sie wirklich anonym. Was sie nicht daran hinderte, eingedenk ihrer eigenen Zügellosigkeit, wie sie in ihren Romanen und Kurzgeschichten zum Ausdruck kam, breiten Raum zu geben. Und so wurden über kurz oder lang die zahmen Machwerke geradezu geächtet – sie hatten magere Verkaufszahlen. Steigende Verkäufe hatten letztlich nur mehr jene Œuvres zu verzeichnen, in denen zweideutige, anzügliche, frivole, pikante, unanständige und sogar obszöne Stellen vorkamen.

Das machte etwas mit der Gesellschaft!

Aber nicht alle waren damit einverstanden. Das Konzept Eleni Panagous ging so lange gut, so lange Odysseas Petridis als Ministerpräsident die Fäden in der Hand hielt. Aber ihr Mentor war plötzlich tot! Ursache zunächst unbekannt!

Die Ermittlungen liefen schleppend an – da hatte es die Polizei, trotz der Brisanz des Falls wohl nicht eilig, den Fall aufzuklären. Der Innenminister war streng konservativ – das bunte Treiben ging ihm schon lange auf den Geist. Er hatte nur abgewartet, bis die Luft wieder rein, das heißt Petridis abgetreten war. Dass dabei ein Bisschen nachgeholfen wurde (man sprach von Ermordung), war ein unbestätigtes Gerücht, das sich trotzdem hielt, je spekulativer es war.

Das Gerücht wurde vom Innenminister (sein Name war übrigens Giannis Panagiotou) lanciert, indem er behauptete, der Ministerpräsident sei im Bett der Kulturministerin unter gewagten Umständen gestorben. Nun hatte dieses Gerede in der Vergangenheit durchaus seine Berechtigung, aber nicht, seit Odysseas der einzigartigen Geliebten entsagt hatte. Panagiotou wärmte hingegen die alte Geschichte immer wieder auf, bis es alle glaubten.

Eleni Panagou wurde ihres Amtes enthoben und sie wurde vorsorglich in Untersuchungshaft genommen – dort wurde sie einfach „vergessen“. Früher oder später vergingen sich die Wärter an ihr, doch wenn es nicht zu arg war, was die Aufpasser von ihr verlangten, war es ihr egal. Schlimmer waren die (wenigen) Aufpasserinnen – sie ließen jeglichen Respekt vermissen, besonders wenn sie weniger hübsch waren wie das Objekt ihrer Beaufsichtigung. Da dies umständehalber der Fall war, quälten sie sie, und fügten ihr körperliche Schmerzen zu. Das war ihr nicht egal – zumal Frauen in der Regel keine Skrupel hatten, andere Frauen zu traktieren.

Aber Hilfe war unterwegs – die Befürworter der Freizügigkeit rotteten sich zusammen, von unbändiger Wut erfüllt. Panagiotou wurde hinweggefegt, um ein Haar wäre er gelyncht worden, wenn nicht einige besonnene Mitglieder der Meute (die gab‘s ja ebenfalls) zur Vorsicht geraten hätten. Ihm sollte ein ordentlicher Prozess gemacht werden, fanden die mehr gelassenen Genossen. Er wurde jedenfalls verhaftet – von der neugebildeten Notinstanz für schwere Delikte.

Dann zog der Haufen vor das Gefängnis, in dem die Panagou ihre Strafe absitzen musste – da ging es so richtig zur Sache: Eleni verzichtete bewusst darauf, die Männer anzuzeigen – sie hatte es insgeheim sogar genossen, insbesondere dann, wenn einer der Burschen attraktiv war. Das war sie gewöhnt – aber auf die beiden Frauen, die ihr Pein, Leid oder sogar Qualen zugefügt hatten, wartete keine Gnade. Sie ihnen gönnte ein ähnliches Schicksal. „Ofthalmós antí ofthalmoú, dóntia antí dontión, chéria antí cherión, pódia antí podión!“, war neuerdings ihr Wahlspruch.

Und so bewegte sich die Schar durch die Straßen hin zum verwaisten Amtssitz des Ministerpräsidenten (Panagiotou hatte noch keine Gelegenheit zur Übernahme erhalten), woselbst Eleni Panagou zur neuen Ministerpräsidentin proklamiert wurde.