MEINE TANTE
Sie war schon ewig geschieden – ihr Mann hatte sich bald nach ihrer Hochzeit von ihr getrennt. Aus unerfindlichen Gründen, wie ich fand, denn sie war ein ganz patentes Wesen – nicht so wie meine Eltern, deren bigottes Verhalten mir zeitweilig auf die Nerven fiel. Damit wir uns richtig verstehen – Vater und Mutter machten alles Menschenmögliche für mich, aber zielgerichtet. Sie ermöglichten es mir zu studieren (ein Umstand, der ihnen selbst kriegsbedingt verwehrt geblieben war).
Aber das Musische ging ihnen völlig ab – oder hatten sie es längst beiseite gestoßen, ebenso kriegsbedingt. Das bleibe dahingestellt, damit ich meinen Eltern nicht absolut unrecht tue. Bei meiner Tante fand ich komplettes Verständnis für „verrückten“ Ideen (O-Ton meiner Alten). Ich hatte keinerlei Schwierigkeiten dank meines fotografischen Gedächtnisses – ein Satz des Gelesenen blieb bei mir auf Dauer gespeichert. Und was anderes war es nicht, nichts als Auswendiglernen, was es zu merken gab. Da war ich dreizehn oder vierzehn Jahre, bis ich das begriff.
Und so begann ich, eigene lyrische Ergüsse zu formulieren, ich malte auch mit Wasserfarben fantasievolle Bilder und obendrein brachte mir meine Tante die Grundzüge des Klavierspiels bei. Da war ich am wenigsten begabt, obwohl gerne Musik hörte, von Klassik bis Jazz. Ich tröstete mich damit, dass man kann ja nicht alles gleichzeitig können muss. Jedenfalls konnte ich meine Hobbys in der Wohnung meiner Tante voll ausleben – und dies ohne Einschränkungen.
Ihren Namen habe ich Ihnen bis jetzt vorenthalten – sie hieß Hannelore Herold. Sie hatte den Nachnamen ihres geschiedenen Mannes behalten. Als letzte Erinnerung an ihn – das schien ihr besser als ihr Geburtsname zu passen. Er lautete nämlich auf Hannelore Wieczorek. Ich durfte sie Hannelore oder Hanni nennen, unter Weglassung des Namensteils „Tante“ – sie fand, dass sie das alt machte.
Sie war auch extrem gut gebaut – ein Kompliment, das ich unter keinen Umständen laut äußerte. Es rührte schon etwas in meiner Hose, wenn ich Hanni so betrachtete – ich verbot mir solche Gedanken vorerst. Die Vorstellungen kamen immer rascher, bis ich es mit Fünfzehn kaum mehr aushielt und ich mich zögernd, aber doch eröffnete. Die Reaktion war unerwartet positiv.
„Ich habe schon geraume Zeit darauf gewartet, dass Du auf diesen Punkt zurückkommst. Sei unbesorgt – das ist die natürlichste Sache von der Welt. Nicht eine zwischen Tante und Neffen, sondern eine zwischen einer Frau und einem Mann – gleichgültig welchen Alters sie sein mögen!“
„Und Du bist mir nicht böse!“, sagte ich. Ich war perplex, wie einfach Hanni das nahm. Jetzt durfte ich hoffen, dass sie bald die Probe auf‘s Exempel starten wollte.
Sie war fünfunddreißig – die Geschwister meiner Mutter waren wesentlich älter (und sie selbst ebenso), und Hanni war eine Art Nachzüglerin, einen Betriebsunfall könnte man es auch nennen. Mein Vater hatte keinen Bruder und keine Schwester. Ich war zu jener Zeit – ich habe schon erwähnt – fünfzehn, und voller Tatendrang, aber mit einer gehörigen Portion Respekt vor der Aufgabe, die vor mir stand.
In einer ruhigen Minute vollzog sich das Schauspiel. Meine Tante machte es mir so leicht als möglich. Sie entkleidete sich einfach und ohne Umschweife. „Keine Angst – ich nehme die Pille!“, erklärte sie. Sicherheitshalber. Sie half mir beim Ablegen meiner Garderobe – ich wäre selbst zu nervös gewesen. Und sie redete mir gut zu: „Schau, Du brauchst nicht kribbelig zu sein. Das ist seit Adam und Eva der gleiche Vorgang – zutiefst menschlich und ganz natürlich! Und Du hast schon jetzt eine Latte, um die Dich jeder Vierzigjährige beneiden würde. Ich persönlich freue mich auf Dich!“
Und dann ging’s richtig zur Sache. Unter Hannelores fachkundiger Führung lernte ich, die Funktionsweise von Sex zu ergründen. Männer regieren mit einer Erektion, bei Frauen schwillt die Vagina an. Den G-Punkt bei der Frau erreicht man durch die Vagina: Er befindet sich vom Scheideneingang entfernt hinter der vorderen Vaginalwand. Ich übte immer wieder den Griff, bis ich ihn im Schlaf beherrschte und Hanni laut aufstöhnte. Beim Mann ist der G-Punkt ganz leicht zu finden – aber das brauchte ich ihr nicht zu sagen. Jedenfalls wird die Prostata durch eine sanfte Stimulation erregt, wird dies von vielen Männern als sehr lustvoll empfunden. Dann kann es sein, dass die Partner bis zu dreißig Minuten lang sexuell interagieren.
Hannelore Herold war bei einer Bank beschäftigt – als Prokuristin mit der Aussicht, als Direktorin für gesamten Kreditgeschäft des Geldinstituts verantwortlich zu sein. Die Quotenregelung wollte es so – das war einerseits wenig schmeichelhaft für sie und andererseits, wer würde über kurz oder lang danach fragen, wie sie zu dem Job gekommen war, wenn sie ihre Sache nur einigermaßen gut hinbekäme. Für mich ergab sich die Möglichkeit, nach dem Studium eine Karriere bei Hannis Bank einzuschlagen – soweit dachte sie voraus. Bald ging ich in dem Institut aus und ein – die Leute gewöhnten sich an meinen Anblick, und da ich ein gepflegtes Aussehen an den Tag legte, waren sie mir wohlgesinnt. Meine Eltern waren angetan von meinen beruflichen Plänen, und sie ließen mich fürderhin in Ruhe.
In meinen Privatleben, das sich neuerdings nahezu ausschließlich in der Wohnung meiner Tante abspielte, gingen wir unserem Vergnügen nach – wir waren beide jung, ich sowieso, und Hanni hielt fleißig mit. Dass dies zu Lasten der Ruhepausen ging, störte uns nicht. Wir hatten regelmäßig Sex miteinander und stellte sich eine gewisse, positiv besetzte Routine ein. Wir beschlossen, uns nur Zeit füreinander zu nehmen, wenn diese in ausreichendem Maß zur Verfügung stand. Was uns nicht hinderte, gelegentlich ein rasches Quickie einzuschieben, wenn wir es nicht mehr aushielten.
Mir waren die Bilder, die ich malte (ich war mittlerweile auf Ölfarben umgestiegen, was einen ziemlichen Aufwand bedeutete), zuviel – ich konzentrierte mich auf‘s Schreiben, während Hanni Jazz spielte. Nicht untalentiert, und sie wurde immer besser – eine vorteilhafteren Zeitvertreib für meine Botschaften konnte man sich kaum vorstellen. Und so hatte ich mit siebzehn Jahren (und damit vor der Matura) meinen ersten Roman fertiggestellt – dieser erwies sich als ziemlicher Flop. Hannelore tröstete mich insofern, als sie mir den größten Blow Job, den man sich nur vorstellen konnte, applizierte.
„Für einen ersten Versuch war er gar so schlecht!“, sagte sie. „Bleib vorläufig bei Deinen Gedichten – da hast Du Ordentliches zustande gebracht. Und für‘s Romaneschreiben hast Du noch genug Zeit, bis Du einiges an Lebenserfahrung zu Deiner Verfügung steht!“
Mir war diese Einschränkung bezüglich meines lyrischen Œuvres lange nicht bewusst. Erst sehr viel später, als ich ernstzunehmer Schriftsteller wurde und auch schon drei Romane veröffentlicht hatte, dachte mit einem gewissen Zynismus an ihre Bemerkung zurück. Sie hatte schon recht mit ihrer Skepsis gegen mein Frühwerk, zu dem auch Theaterstück im Sinne von Bertolt Brecht zählte – ein wüstes Durcheinander an Szenen. Hanni liebte mich trotz meiner Fehler von Herzen – manchmal kommt es mir vor, als ob sie mich mehr liebte als ich sie.
Ich hatte manchmal Schwierigkeiten mit meinem aufbrausenden Wesen – dann gab‘s kein Halten mehr. Ich hatte diesen Zug an mir im Verhältnis mit meiner Tante vollständig unterdrückt – schließlich wollte ich etwas von ihr und nicht umgekehrt. Da ging es um eine intime Beziehung – und das war etwas ganz Anderes. Aber, um ein Beispiel zu nennen, meine Klassenkameraden und -kameradinnen bekamen meine Überheblichkeit durch und durch zu spüren. Ich war ein hervorragender Schüler, der auch vor den Lehrkräften nicht so einfach zurückwich. Mir war frühzeitig klar, wer von ihnen mir das Wasser reichen konnte – und wer eben nicht! Den verfolgte ich relativ gnadenlos und ohne Rücksicht auf Verluste!
Das kam mir zugute, als ich – anders als geplant – gleich in der Bank zu arbeiten begann, als persönlicher Assistent von Hannelore Herold, die in der Zwischenzeit zur Direktorin für das komplette Darlehensgeschäft des Hauses aufgestiegen war. Da mussten zum Teil unangenehme Entscheidungen getroffen werden und ich hatte die zweifelhafte Aufgabe, diese zuzustellen – eine kränkende und verletzende Angelegenheit sowohl für die Kunden, als auch für manchen Mitarbeiter, denen von höherer Stelle der Kredit schlicht „abgedreht“ wurde.
Und ich verlangte Einiges. In meinem jugendlichen Leichtsinn forderte ich Dinge von ihr, nicht achtend des beträchtlichen Altersunterschieds zwischen uns. Und sie machte brav mit, mit einem gewissen Enthusiasmus, der ihr in meinen Augen gut anstand. Das Einzige war, dass Hanni in der Früh‘ immer mehr Zeit vor dem Schminktisch verbrachte, um sich wieder in Form zu bringen.
Der Chauffeur wartete jeden Morgen geduldig, um ihr anschließend den Fond zu öffnen – mich beachtete er gar nicht. Er hatte gehört, dass es bei mir um einen Fall von Nepotismus handelte – ein gar nicht so seltenes Phänomen, das sich über alle Branchen bis zum heutigen Tag hinzog. Ich stieg unverdrossen auf der anderen Seite – es war ja nicht verboten, dass bei meiner Tante logierte. Eine herrschaftliche Wohnung nebenbei gesagt, die ihr ihr geschiedener Mann großzügig überlassen hatte.
Das Quartier bot Platz für die zahlreichen Aktivitäten, jede dieser Tätigkeiten in einem eigenen Raum, allen voran ein großes Schlafzimmer mit einem kreisrunden Bett, das wir nicht nur benützten, um uns auszuruhen. Wir verwendeten die Lagerstatt ausgiebig und in reichem Maße, wenn nicht dienstliche Anforderungen unseren privaten Plänen entgegenstanden – mit einem Wort, wir kamen morgens als Erste und gingen abends als Letzte. Und nachts hatten wir Sex miteinander…
Ich beobachtete Hanni heimlich und sie gefiel mir jüngst gar nicht mehr – ich fragte mich, wie lange sie dieses Leben wohl ertragen würde. Dagegen nahmen sich meine Probleme direkt micky-maus-artig an – ich kam weder mit dem Studium voran, noch mit meiner Schriftstellerei. Dagegen war die Angelegenheit mit meiner Tante mehr als ernst – und tatsächlich hauchte sie mitten im Liebesakt ihr Leben aus.
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Ich war Hanni das schuldig. So lange die Leichenstarre nicht eingesetzt hatte, machte ich mich auf, die Spuren unseres gemeinsamen Tuns zu beseitigen. Zum Schluss lag sie sittsam bekleidet in ihrem Pyjama, worauf ich die Rettung verständigte, diese informierte umgehend den Totenbeschauarzt, der den Leichenbegleitschein ausstellte.
Ich kündigte bei nächster Gelegenheit meinen Job (bevor sie mich feuerten), zog wieder in mein altes Zimmer im Elternhaus, versöhnte mich pro forma mit Vater und Mutter, sattelte mein Studium zu Geschichte und Geografie um, mit dem Ziel, Lehrer zu werden. Meine Eltern streckten mir die Mittel dafür vor. Einen kleinen Teil finanzierte ich auf Grund von eigenen Ersparnissen selbst.
Die Erlebnisse mit meiner Tante kamen mir mit stärkeren Abstand wie ein Traum vor. Ein schöner Traum…