SMOOTH OPERATOR
Smooth Operator – das könnte man sehr frei mit „Schlitzohr“ übersetzen. Milan Melzel war ein solches – er scherte sich nicht um irgendwelche Beziehungen. Damit hielt er sich nicht auf.
Bei Milan konnte man eine frühkindliche Belastungsstörung vermuten (oder was die Psychologie sonst noch an „gescheiten“ Erklärungen anzubieten hatte) – Tatsache war, man wusste nicht, was die Ursache für sein mehr als merkwürdiges Verhalten war. Und er war weitgehend erfolgreich mit seinen Allüren.
Er hatte einen entscheidenden Vorteil für sich – er war gut im Bett. Ausdauernd wie er war, hatte er keinerlei Probleme damit, manche Lady zum Singen zu bringen. Das muss ich mir merken – „Lady zum Singen“. Das kann ich vielfältig verwenden. Aber zurück zu den Steherqualitäten Milans – die waren allerdings beachtlich. Er konnte seine Erektion bis zu 30 Minuten aufrechterhalten. Es hatte sich bezahlt gemacht, dass er seit Erlangung der Geschlechtsreife seine Beckenbodenmuskulatur einem intensiven Training unterzogen hatte – dabei kann man die Potenzstärke trainieren, indem man sich vorstellt, die Penisspitze nach innen zu saugen und dort zu halten.
Genug der Theorie – er brachte jedenfalls manche Lady zum Singen. Dabei war er innerlich eiskalt, und fast unpersönlich in seinen Reaktionen. Dabei war er rein äußerlich ein charmanter Plauderer. Er hatte an jedem Finger zehn Damen, die an seinem Lippen hingen, egal was er ihnen für einen Quatsch erzählte.
Diverse Frauen erkannten mit untrüglichen weiblichen Instinkt seine spezifischen Vorzüge. Dann aber, nach einiger Zeit, kehrten sie wieder in den sicheren Hafen einer Ehe oder sonstigen Beziehung zurück, wo man sich – außer über Sex – noch über andere Themen reden konnte. Da war er der Gelackmeierte – er hatte außer seinem seichten Tun als „Causer“ nicht wirklich etwas zu sagen.
Und das wurmte ihn – er konnte aber nicht anders. Er musste provozieren. Das lag ihm offenbar im Blut. Langsam kam er drauf, wie hohl seine Phrasen war und dass er in engeren Abständen sich neue Frauen suchen musste, um diese Phrasen loszuwerden – momentan herrschte zweifellos kein Mangel an Nachschub, aber er dachte in stillen Stunden öfters daran, wie lange er sein „Steherdings“ noch aufrechterhalten konnte. Dann hingegen warf er seine Bedenken bezüglich Zukunftsängste über Bord und gab sich dem, was er am besten konnte, hin.
Da hatte er ein für ihn einschneidendes Erlebnis – er hatte ein Blackout, wenn Sie wissen, was ich damit meine. Sein bestes Stück hing schlaff herunter. Seine aktuelle Partnerin, die er soeben erst kennengelernt hatte, tat ein Übriges – sie lachte ihn aus.
„Was soll dieses schlaffe Etwas!“, sagte sie süffisant. „Ich habe geglaubt, ich bekomme ein außerordentliches Exemplar zu sehen – und nun das hier!“ – Und sie war verschwunden, so rasch wie sie aufgetaucht war.
Melzel suchte Trost bei einer früheren Bekannten, die schon in die Jahre gekommen war. Dementsprechend war sie ein bisschen abgeklärter. Milan und die abgeklärte Dame unterhielten sich zunächst zwanglos und ohne Stress – und siehe da, regte sich bei ihm irgendetwas, keine Höchstleistung zwar, doch immerhin.
Er begab sich ganz in die Hand von Charlotte Köhler (so hieß die Frau). Das war für ihn eine ungewohnte Rolle, dieses Unterwürfige – aber genoss es plötzlich, diese Rolle zu spielen. Aber dann kam er drauf, dass es nicht wirklich eine Rolle war. Charlotte manipulierte ihn mit ruhiger Hand – und das durchaus wörtlich zu verstehen. Sie redete begütigend auf ihn ein, das tat ihm wohl in seiner Misere. Sie war nie laut, aber bestimmt. Sie wusste, wo es lang ging, dank langjähriger Erfahrung mit Männern. So ein Individuum war ihr selten vorgekommen – eigentlich nie. Sie traute sich allerdings zu, auch diesen Kerl zu domestizieren.
Das würde gar nicht schwierig werden, so dachte Charlotte. Da hatte sie die Rechnung ohne Wirt gemacht. Denn kaum hatte Milan einigermaßen Tritt gefasst (was im Wesentlichen auf die Bemühungen der Köhler zurückzuführen war, aber diesen Umstand hatte er geflissentlich unter den Tisch fallen lassen), hatte er schon wieder Oberwasser. Charlotte machte ihm sofort klar, dass er bei ihr an die Falsche geraten sei, indem sie ihn auf den bewussten „Umstand“ eindringlich hinwies. Dass er wie ein Häuflein Elend zu ihr gekommen war, machte die Sache zweifelsfrei erkennbar.
Da war er wieder das Häuflein Elend, als das er bei ihr erschienen war. Seine Strategie war zusammengebrochen, ehe dass sie sich richtig entwickeln konnte. Das deprimierte ihn sehr. Und Charlotte half erneut auf die Sprünge und so ging es etliche Male weiter. Seine alte und neue Freundin konnte bisweilen schon ein Luder sein. Fallweise eine große Kanaille. Dann wieder ganz sanft – Charlotte hatte halt auch ihre Launen.
Per Saldo war sie friedlich, fast niedlich in ihrem Bemühen, es allen recht zu machen. Das war eine fast unlösbare Aufgabe – Charlotte versuchte aber, sie zu bewältigen. Dabei hatte sie es aktuell nur einen Fall (nämlich den von Milan) zu tun. Aber der hatte es zweifellos in sich.
Sie päppelte ihn mühsam hoch – bis er wieder in seiner alten Größe (Sie wissen, wie das gemeint ist) zugange war. Allerdings nicht völlig – von seinem absoluten Rekord von 30 Minuten war er meilenweit entfernt. Aber die Köhler war zufrieden. Sie versuchte, ihn für andere Themen, jenseits des Sex, zu begeistern eingedenk der Tatsache, dass sie einmal schon Erfolg damit hatte. Apropos Geschlechtsleben: Dass er an jedem Finger zehn Frauen gehabt hatte, war allemal falsch – damals wie heute…