ZEHNTAUSEND JAHRE SPÄTER…
Unsere Zwitter-Art war längst ausgestorben. Neue Menschen prägten das Bild – ganz normale Leute, als Mann und Frau. Die Menschen waren allerdings in die Steinzeit zurückversetzt. Die Erdbewohner und Erdbewohnerinnen hausten in Höhlen, freilich hatten sie das Feuer schon, und eine von ihnen war künstlerisch tätig, indem sie Wandmalereien beim Schein der Flammen ausführte. Untertags hatten sie andere Sorgen – die Frauen kümmerten sich um den primitiven Hausrat und versorgten die Kinder, während die Männer auf der Jagd waren.
Bigna, die Malerin, war von Haus aus Haus anders: Sie hatte sich dem Platzhirsch, der das Ius Primae Noctis beanspruchte, erfolgreich entzogen, was ein bis dahin einmaliger Vorgang war. Sie war groß und kräftig, was ihre Verweigerung plausibel erklärte – und sie hatte ausgesprochen hübsche Züge, womit sie sich abhob von den ungeschlachten Figuren ringsum. Aber sie beteiligte sich rege an den Aktivitäten der Gruppe – da gab es nichts auszusetzen.
Bis sie sich einbildete, am Weidwerk teilzunehmen. Da ging ein Raunen durch die Horde – wann hatte jemals eine Frau an der Jagd mitgewirkt. Die Weiblein hatten in der Nähe der Höhle zu verbleiben, damit ihnen keinerlei Gefahr drohte. Einen Mann konnte man leichter ersetzen, aber eine Frau war ein kostbares Gut – sie konnte neues Leben in sich entstehen zu lassen. Da fantasierte plötzlich eine Weibliche, dass sie genau so gut war, wie ein männliches Wesen, nicht achtend der Bedrohungen, die sich in freier Wildbahn ergaben. Augenscheinlich nur aus Bestemm!
Bigna ging einfach mit auf die Pirsch – wer wollte sie mit ihrer Statur daran hindern. Sie ging allein ihrer Wege. Dann erlegte mit ihrem Speer ein Mordstrumm Vieh, von dem ihr nicht klar war, um was es sich handelte. Sie musste die anderen Jäger um Hilfe bitten – das Stück war schlechthin zu schwer für sie allein. Sie ließ einen lauten Pfiff hören. Die übrigen Waidgenossen folgten mehr als zögerlich ihrer Aufforderung, dann aber als die Beute sahen, beglückwünschten sie Bigna. Sie halfen ihr beim Abtransport – die neue Kameradin war mehr oder weniger anerkannt.
Das Vieh war eine Mischung aus Elefant und Löwe, allerdings von ungeheurem Ausmaß. Wie es Bigna gelungen war, den springenden Punkt zu finden, an dem die Bestie gleich umgefallen war, blieb rätselhaft – es musste sich um eine Stelle am Rückmark gehandelt haben.
Die Höhlenbewohner taten sich gütlich an dem wohlschmeckenden Fleisch der Bestie – sie ließen Bigna Hoch leben, nicht alle freilich, denn manche waren ihr um den Erfolg neidig, das und weil sie sich grundsätzlich nicht daran gewöhnen konnten, dass eine Frau ihnen in‘s Handwerk pfuschte. Für die Hunde, die sie ebenfalls hatten, reichte es auch aus – den Rest kippten über eine Müllhalde. Dann schliefen zufrieden und satt ein.
Bigna wandte wieder ihrem Hobby zu – sie verewigte das Ungeheuer in ihren Wandmalereien. Das war gar nicht so problemlos – mit ihren Steinkeilen, die sie wohl zugespitzt hatte, die aber immer noch von ihren inneren Vorstellungen abwichen. Objektiv betrachten, war das Ergebnis durchaus bemerkenswert – aber sie wusste nichts davon, denn ihr Blick war nach innen gerichtet, und das war nur ein Abklatsch dessen, was sie vor ihrem geistigen Auge sah. Sie schloss sich den Schlafenden an – natürlich war sie etwas unbefriedigt, aber sie tröstete sich damit, dass im hellen Morgenschein, wenn das Feuer niedergebrannt war, ihr Kunstwerk strahlen würde.
Und so war es auch – was bei Nacht nur schemenhaft erkennbar war, hatte tagsüber seinen eigenen Reiz. Dann, nach dem Erwachen, kümmerten sich die Bewohner wieder um den Alltag. Die Männer (Bigna eingeschlossen) blieben zuhause, ließen es sich wohlergehen – ausgenommen Bigna, die musste sich (in Ermanglung von jagdlichen Verpflichtungen) mit dem täglichen Leben der Frauen begnügen. Sie kochten – heute gab es Wurzeln, Möhren und Karotten, nachdem sie gestern einen Festschmaus hatten.
Es war grausiges Wetter momentan. Sie blieben in der geschützten Höhle, da hauste man auf engsten Raum zusammen. Viel fehlte nicht, dass es zu aggressiven, zum Teil sexuellen Handlungen, was in jenen Tagen weitgehend identisch war. Dabei ging es durchwegs rau und ungestüm zu. Der Platzhirsch machte sich erneut an Bigna heran und sie verweigerte sich abermals – wie lange sie das durchhalten konnte, stand in den Sternen. Die übrigen männlichen Bewohner wurden bereits auf diesen „Missstand“ aufmerksam. Sie begannen, sich zusammenzurotten. Als erste Maßnahme zerstörten sie Bignas Elaborate, und zwar sämtliche, auch die älteren, wurden ein Raub dieses Vandalismus – das machte in ihren Augen nichts. Sie hatte die Objekte auf ewige Zeiten im Kopf und würde die Œuvres allemal reproduzieren können. Was sie allerdings machte, wenn die ganze Horde über sie herfallen würde, war unklar.
Aber das war Zukunftsmusik – die Männer beruhigten zum Schein. Ihre Zeit würde schon noch kommen – so dachten sie. Sie gaben sich dem Alkohol hin – einem frühen Bier, das aus in Wasser gekeimtem, getrocknetem und gemahlenem Malz gebraut wurde. Als sie sinnlos besoffen waren, witterte Bigna ihre Chance, die übrigen Frauen aufzustacheln. Diese waren gar nicht begeistert – auf die Idee wären sie nie gekommen. Sie begnügten sich mit der ihnen zugewiesenen Rolle. Oder doch nicht?
Die weiblichen Wesen sahen die Männer mit anderen Augen an. Wieso hatten sie sich das Patriarchat so lange bieten lassen!
Die Vorstellung gewann eine gewisse Eigendynamik – bis die Frauen einfach nicht mehr zurückkonnten. Sie dachten an eine Essenverweigerung, weil es für die Herren der Schöpfung praktisch unter ihrer Würde lag, sich selbst zu versorgen. War aber gravierender war, stellte die angedrohte Sexverweigerung dar. Das traf die Männer bis in‘s Mark. Und sie ließen sich auf Verhandlungen ein.
Die Frauen blieben hart – und wenn eine von ihnen von Mitleid Ergriffenheit wurde, wurde sie schleunigst auf Linie gebracht, und die war unerbittlich. Das Ziel war die Errichtung des Matriarchats und im Zentrum der Bewegung stand Bigna!
Sie hatte mit dem Mann noch ein Hühnchen zu rupfen. Da gab es etwas, was zwischen ihnen war: Das von ihm beanspruchte Ius Primae Noctis, während sie selbst bestimmen wollte, mit wem sie sich einließ. Das war das eigentliche Problem – dass ein Geschlecht über das andere bestimmen konnte, was Sache war. Und wenn es so sein musste, dann sollten doch die Frauen den Ton angeben!
Jetzt trat ein merkwürdiges Phänomen auf – die Männer waren so vom Sex besessen, dass ihnen alles andere egal war. Die Drohung mit der Verweigerung des Koitus‘ hatte Wirkung gezeigt. Und nun ließ sie den Platzhirschen über sich drüber – allerdings ihren Bedingungen und nach ihren Regeln!
Bigna machte ihre eigenen Prämissen in ihre Beziehungen ein – zur Überraschung von Odd, so hieß der Kerl. Es war ihm egal, unter welchen „Prämissen“ er sein Ziel erreichte und zum Schuss kam. Dazu musste er ihr richtig schmeicheln, turteln, kokettieren, charmieren und sie umwerben – es war das erste Mal in der bisher bekannten Geschichte der Menschheit, das dies notwendig war. Es stellte die bis dato geübte Praxis auf den Kopf.
Für die Bewohner der Höhle war normal, dass sie in einen wilden Haufen durcheinander schliefen mit den üblichen Erscheinungen der Promiskuität – und plötzlich verlangten die „Damen“ (angestachelt durch Bigna) mit Respekt behandelt zu werden, wozu auch die Einehe gehörte. Und sie forderten ein gewisses Maß an Hofieren ein, um nicht zu sagen glühender Anbetung.
Die Männer waren zunächst perplex – das hatte ihnen noch nie jemand zugemutet, in ihrer macho-haften Selbstgefälligkeit. Besonders die Forderung nach Einehe erregte Unmut, zumal sie anderes gewöhnt waren – und genauso stank das Schöntun ihnen zum Himmel. Aber da war noch etwas, die gigantische Sehnsucht nach Fleischeslust, und es nur mit einer einzigen Partnerin – entgegen der bisher geübten Praxis. Ihre Geilheit war so groß (so war das in jenen anachronistischen Tagen), dass sie lieber den exklusiven Sex in Kauf nahmen, anstatt gar keinen Intimverkehr zu haben.
Damit liefen sie den Frauen voll in‘s Messer. Sie bemerkten durchaus nicht, dass sie von der Weiblichkeit in die Pfanne gehauen wurden. Es zeigte zum wiederholten Mal, dass die Frauen gescheiter waren als die Männer – wenn man sie nur machen ließ und wenn man sie nicht von vornherein von jeder Entscheidung ausschließen würde. Es galt, das Matriarchat definitiv und unwiderruflich einzuführen – den Schlüssel dazu hatten die „Eva‘s“ zweifellos in der Hand.
Apropos Hand: Die Männer fraßen den Frauen künftig aus der Hand. Sie gingen brav auf die Jagd – fortan ohne Bigna, denn sie musste als neue Stammesführerin das Ganze hier managen -, und kehrten mit reicher Beute beladen wieder zurück. Und wenn einer das Zeitliche segnete, zum Beispiel wenn ihn das ominöse Vieh gefressen hatte, hielten kurz inne im Gedenken an ihn, um sich dann mit umso größeren Appetit über den Fang herzumachen – in dem Bewusstsein, dass die Mischung aus Elefant und Löwe doch noch in die Falle gegangen war. Müßig zu sagen, dass die Frauen die besten Stücke abbekommen haben…
Bigna wurde durch Akklamation zur Göttin erklärt – von den Frauen allein. Die Männer hatten nichts mehr mitzureden, fanden sich aber infolge des Versprechens, jederzeit Sex von ihren Partnerinnen (und das bis zur vollkommenen Erschöpfung) zu bekommen, mit ihrer Situation ab. Damit waren sie – seltsamerweise – zufrieden und nahmen die Strapazen der Jagd klaglos auf sich. Die Mühseligkeiten dabei wurden durch den zusätzlichen Kick eines Adrenalinstoßes beim Erlegen der Beute mehr als aufgehoben wurde.
Die neuernannte Göttin Bigna war tatsächlich so anders, ein weibliches Bild von ungeheuren Schönheit, gar nicht zu vergleichen mit den rustikalen Wesen (egal ob Frau oder Mann), die sie umgaben. Sie war quasi von der anderen Welt, nicht erst seit gestern. Sondern praktisch ewiglich? Ist das die Möglichkeit.
So war es – an der Göttlichkeit Bignas wurde so lange herumgeschraubt, bis es passte. Ihre engsten Anhängerinnen (die Männer hatten ohnedies nichts mehr zu melden) stilisierten sie zur Ikone hoch, an der es nichts zu rütteln gab. Divinität (nämlich das, was überirdisch an ihr war) war eine Sache und Menschliche (nämlich das, womit ihren Anhängerinnen – die Männer waren nur zur Zeugung neuen Lebens erforderlich – leibhaftig gegenübertrat) war eine ganz andere. Die Geburtsstunde einer Religion war Wirklichkeit!