ÜBER DIE GRENZE – Leseprobe 6
16
Wiebke Hohmann war mit einem Mal wieder mit dem „Verräter“ konfrontiert. Er war stark betrunken und wollte sie auf der Stelle, mitten am Wochenmarkt Brandenburger Platz, vergewaltigen. Sie scheute das Aufsehen und nahm ihn wiederwillig mit in ihre nahegelegene Wohnung mit. Er schlief dort seinen Rausch aus. Nachdem er erwacht war und sich geduscht und rasiert hatte, war er wieder herzeigbar.
Wiebke hatte einen Rückfall in die Vergangenheit – und nach einem ausgiebigen Frühstück, hatten Burkhard Hohmann (so hieß der „Verräter“) und sie wieder Sex miteinander. Und da stellte sich heraus, dass die eingefahrenen Bahnen noch immer funktionierten. Sie und er gingen in tiefer Befriedigung den lang entbehrten Verlockungen des Liebesakts auf den Grund.
Das hieß nicht, dass Wiebke die erlittene Schmach so einfach wegsteckte, das nicht. Sie zierte sich und es sah sah so, als ob es dem einen Ausrutscher geblieben wäre. Sie sträubte mit aller Macht gegen ein weiteres Déjà-vu, mit dessen Hilfe eine gewisse Normalität in ihre Beziehung eingekehrt wäre. Je mehr sie sich allerdings wehrte, desto mehr begehrte sie ihn.
Aber der Zauber der geschlechtliche Vereinigung war stärker, zumal er noch immer ein stattlicher Bursche geblieben war…
Am Ende ergab sie sich ohne weitere Vorbedingung in Burkhards Hände, zumal er bei seinen rasch wechselnden Liaisons kein Glück gehabt hatte und daher nolens/volens zu Wiebke zurückgekehrt war. Das war von Haus aus in seiner Absicht gelegen – nur dass eine versuchte Vergewaltigung noch dazu im betrunkenen Zustand nicht der ideale Einstieg gewesen war.
Einerlei – seine Frau nahm ihn zurück, zwar nicht mit Kusshand, aber doch. Da hatte sie etwas zum Bemuttern, was sie gerne machte. Eine Beziehung kitten, auch wenn es unmöglich erschien, das war ihr Wunsch – und nunmehr ihre Eigene. Dabei war ihr Sache mit Irmgard Krause dermaßen gleichgültig…
17
Adam und Irmgard telefonierten kaum mehr, geschweige denn, dass sie sich sahen. Zu groß war die Angst aufzufliegen. Dabei war die Gefahr, ohne dass es sie wussten, objektiv viel kleiner geworden, nachdem Wiebke das Interesse an Irmgard (und auch an Adam) verloren hatte.
Dann stacht der Hafer und sie beschlossen nach Regensburg fahren. Dort hatten sie im „Hotel Orphée“ vorbestellt, und zwar in ihren bevorzugten Zimmer. Und so machten sich einerseits Irmgard auf den Weg von Wolfsburg, und Adam andererseits auf den Weg von Graz. Kurz vor Bayreuth drehte Irmgard um und fuhr zurück. Und auch Adam, der bis Sattledt vorgedrungen war, fuhr zurück.
Wieder zu Hause in ihren angestammten Plätzen brannten sie schon darauf, ihrer Beklemmung Luft zu verschaffen. Sie absolvierten ein längeres Telefonat – nicht achtend der Tatsache, dass sie das auch billiger hätten haben können, wenn sie nur nicht auf halben Weg umgedreht wären. Sie versicherten sich gegenseitig ihrer Treue und Wertschätzung – auch das Wort „Zuneigung“ kam vor.
Adam strapazierte sogar die Phrase von der „ewigen Liebe“, und glaubte ihm das „ohne Essig und Öl“, wie man so schön sagt. Er sagte ihr so bezaubernde, charmante und auch erotische Dinge, dass sie errötete, und das war ihr schon seit langem nicht mehr passiert. Er verstummte auf einmal, und das endlos – bis die Akkus von ihnen Beiden leer waren. Sie vereinbarten mit dem letzten Saft, dass sie sich melden würden.
Hätte er nicht persönlich sagen können – offensichtlich nicht. Irmgard beschloss keinen Gedanken mehr darauf zu verschwenden. Dazu musste man allerdings wissen (und wir wissen es aus glaubhafter Quelle), dass sie als Erste sich wieder auf den Heimweg begeben hatte. Das ließ tief blicken.
Dann gingen sie Beide wieder ihrer Arbeit nach – da hatte schon so Einiges angehäuft!
18
Sissy ließ sich auch durch die beginnende Schwangerschaft von ihrem Vorhaben abbringen, ihn notfalls in die Pfanne zu hauen – wenn, ja, wenn die Vorwürfe stimmten, wovon ihre Auftraggeber fix ausgingen. Sie horchte Tschreppl nach Strich und Faden aus, wenn er gerade hingerissen war, vornehmlich beim Geschlechtsakt, wenn seine Sicherungen durchbrannten.
Sie hatte sich bereits in der Vergangenheit – selbst, wenn sie die Periode hatte – nicht von ihrem Vergnügen abhalten lassen und munter weiter gevögelt, wenn der jeweilige Partner einverstanden war. Jetzt erst recht, da sie in anderen Umständen war – sie genoss es sichtlich, dass Claus (im Gegensatz zu früheren sexuellen Erlebnissen, wobei meist er obenauf gelegen war) aus Rücksicht auf sie die Stellung wechselte.
Während bei den meisten anderen Frauen im Verlauf der Schwangerschaft Sex kein Thema war, hatte Sissy geradezu einen Heißhunger auf eine intime Beziehung mit Tschreppl – und das nahm noch immer zu. Und Claus ließ sich darauf ein.
Nach etwa der neunten Schwangerschaftswoche wird das sich entwickelnde Lebewesen als Fötus bezeichnet. Sissy hatte von der Gynäkologin das Geschlecht bestimmen lassen – es handelte sich ein Mädchen. Von nun nannten Sissy und Claus die Kleine „Alondra“, zu Deutsch „Lerche“. Die Beiden sollten ihre Stimme jedoch nicht zu hören bekommen – aber davon später.
Wenn Claus mit Sissy künftig schlief, sagte er beispielsweise: „Jetzt werden wir die süßen Öhrchen produzieren!“ oder „Jetzt werden wir die süße linke Hand produzieren!“ oder „Jetzt werden den süßen rechten Fuß produzieren!“
Das fand die Angesprochene total niedlich, und da vergaß sie für‘s erste, dass sie ihn eigentlich vernichten wollte. Sie war plötzlich ganz auf ihre Mutterschaft ausgerichtet.