ÜBER DIE GRENZE – Leseprobe 7
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Irmgard und Kai probierten es noch einmal miteinander, wie es ihre Art war, mit norddeutscher Gründlichkeit. Was man sich als Österreicher kaum vorstellen mag, diese fast tierische Verbissenheit, mit der Dinge geäußert wurden. Es durfte auf keinen Fall etwas schiefgehen, das war klar. Nur war die Anforderung, mit dem sich der männliche Teil des Geschlechtsaktes gegenüber sah, ungleich schwieriger als beim weiblichen. Die Physis des Mannes war eben eine andere als jene der Frau – was in manchen Fällen einen Vorteil darstellte, aber dieser Frage nicht.
Es klappte schließlich doch, dank intensiver Bemühungen von Irmgard. Und dann griff der natürliche Ablauf seinen Platz – will sagen, die versanken ineinander. Da war plötzlich jedes Gefühl der Gehemmtheit abgeschaltet und sie gaben sich – anders als im Alttags, wo sie eher unterkühlt miteinander verkehrten – schamlosen Vergnügungen hin.
Da war bei Irmgard kein Gedanke an Adam mehr dabei und Kai genoss die wiedererweckte Leidenschaft seiner Frau in vollen Zügen. Die menschliche „Seele“ ist ein komplexes Konzept, das als die innere, immaterielle und unsterbliche Essenz des Menschen verstanden wird. Sie wird oft vom physischen Körper unterschieden und als das Prinzip des Lebens, Fühlens, Denkens und Handelns betrachtet, das Vernunft und Wille beinhaltet. Das war Irmgards Fahrplan für eine gelungene Beziehung – ob mit Kais Beteiligung oder ohne sie.
Jetzt war ihr alles egal – sie quälte Kai, wenn‘s nicht anders ging, bis zur Bewusstlosigkeit, damit er einen Orgasmus bekam. Und ihm schien‘s mit der Zeit zu gefallen – er hatte seine masochistische Ader entdeckt. Er gab sich voll und ganz in Irmgards Hände, ihr blind vertrauend. Da blieb nicht viel Zeit für Schlaf!
Dabei hatten die Beiden ihre jeweiligen Berufe – Kai vollzog immer dieselbe nervtötende Überwachungstätigkeit bei den Wasserwerken, bei der die Anzeigen nie aus den Augen verlieren durfte. Wenn er abends nach Hause kam, war er im Normalfall geschafft und dann ging‘s erst richtig los mit seiner Frau. Irmgard hatte ihren nicht weniger aufreibenden Job als Prokuristin bei Wolfsburg – dort hatte sie sich im zunehmenden Maß zu einer Angestellten „zur besonderen Verfügung“ entwickelt, der stets die wenigsten aussichtsreichen Fälle umgehängt wurden. Dann ging’s erst richtig los mit ihrem Mann – dabei wurde von ihr die aktivere Rolle erwartet.
Aber Herz war keines dabei.
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Wanda und Adam probierten es aus demselben Grund wieder miteinander – aber das ging gründlich schief. Maurer wollte sein Lotterleben wieder aufnehmen – parallel zu seiner wieder auflebenden Beziehungskiste mit seiner Angetrauten. Er konnte nicht treu sein – jedenfalls nicht im herkömmlichen Sinn. Er hatte zu viel „Einfühlungsvermögen“, als dass er mit einer Partnerin ausgekommen wäre.
Die Frage war, wie lange Wanda da zuschauen würde. Würde sie endlich den offenen Bruch wagen oder würde sie ihrerseits fremdgehen. Dabei aber eine wesentlich raffiniertere Strategie an den Tag legen – bis heute wusste Adam nichts von ihrem Seitensprung. Wanda blickte auf ihre durchaus überschaubaren Erfahrungen mit ihren Eskapaden zurück. Sie hatte nur eine einzige Affäre mit Tschreppl und das hatte per Saldo einen eher unerfreulichen Verlauf – aber das musste Adam nicht wissen, er wusste ja überhaupt nichts.
Der Ausweg war, dass sie sich ebenfalls Gespielen suchte, die auf Augenhöhe (anders als Tschreppl) mit ihr verkehrten und die möglichst unverbindlich ihrer Wege gingen, wobei die kurzzeitigen Lover – ebenso wie sie – auf ein rasches Abenteuer aus waren. Sie hatte jedenfalls ihre Kondoms in ausreichender Zahl dabei – und die Kumpane mussten weidlich anziehend sein. So etwas wie mit Claus, ihren bisher einzigen Liebhaber (außer ihrem Mann) sollte ihr nicht erneut widerfahren.
Wanda kostete es zunehmend aus, wenn ihr Angetrauter in seinen zahlreichen Tändeleien unterwegs war, auch ihrerseits intensiv zu flirten, und beim Flirt blieb es normalerweise – sie ging absolut auf‘s Ganze. Dabei hatte sie sich mittlerweile einen fixen „Grundstock“ an Typen zugelegt, die voneinander nichts wissen durften – das war überhaupt der Sinn der Sache.
Einer war ganz zart und ein anderer ganz rau und sämtliche Zwischenstufen dazwischen. Man stellt sich jetzt vor, dass Wanda irrsinnig viele Partner hatte – in Wirklichkeit waren es nur fünf: So viele hatten es geschafft, in die engere Wahl zu kommen. Immer ihr Gemahl fremdging, einen dringenden dienstlichen Vorfall vorschützend (in der Regel stimmte das auch, neben seinen privaten Ambitionen), war einer von den Fünf zur Stelle. Das war, je nach ihrer momentanen Tagesverfassung, der Zarte oder der Raue oder die Nuancierungen zwischendrin.
Und Wanda hatte nebenbei genauso ihre beruflichen Verpflichtungen, was nicht verschwiegen werden soll – und knifflige Aufgaben noch dazu, die in nichts hinter jenen Adams zurückstanden.
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Claus und Sissy trieben es privat immer bunter, ohne Rücksicht auf die „Umstände“. Das war ihr vollkommen gleichgültig – es würde nicht schiefgehen. Und wenn schon – sie war noch jung und dementsprechend unbekümmert. Und „dienstlich“, da verfolgte sie wieder konsequent ihren Auftrag (nämlich ihn fertigzumachen), was in ihren Augen keinen Widerspruch darstellte.
Hauptsache, dass ihr Spaß bereitete! Der Spieß wurde umgedreht – nicht Tschreppl war es, der den Ton angab, sondern Sissy! Er war ihr vollkommen verfallen – und vollkommen blind!
Es stellte für ihn keineswegs die Frage, warum sie sich mit einer derartigen Akribie seinen Geschäften widmete. Er hatte keinen Verdacht, weder dass es irgendwelche Bewegründe gab, die über bloße Neugier hinausgingen, noch – horribile dictu – dass Sissy im Sold von ihm negativ gesonnenen Kräften stand.
Die negativ gesonnenen Kräfte drängten sie mittlerweile langsam zur Eile. Sie, die Auftraggeber, wollten Ergebnisse sehen. Dem standen die „privaten“ Interessen teilweise im Wege – Sissy wollte auf sexuellen Gebiet das Äußerste aus Claus herausholen. Sie hatte noch immer nicht das Maximum erreicht, ehe die Erfordernisse der Schwangerschaft ihren Tribut zollen würden. Außerdem wurde sie nach Tagessätzen bezahlt und das bedeutete, je länger sie die Angelegenheit hinausschob, umso mehr Umsatz machte sie – abgesehen von einem fixen Schlussprämie. Bei dieser ging es einfach darum, mittels einer simplen Break-Even-Point-Überlegung den geeigneten Absprung zu suchen.
Dieses Kalkül stellte Sissy mitten von tollen Liebesspielen an – sie war einfach Anhängerin des „Multitasking“.