AUFSTIEG
Kelly O’Connor war ein Lustobjekt – anders konnte man das nicht bezeichnen. Die totale Erniedrigung war gefragt – bis zur Aufgabe des eigenen Selbst. Er fühlte sich wie Sklave im alten Rom…
… und Schwupp, ging es mehr als zweitausend Jahre in die Vergangenheit. Dort stellte er fest, was Sklaverei in der Antike wirklich bedeutete – der völlig rechtlose Zustand, einer Sache gleich, und, wenn man es genau nehmen wollte, unter einer Sache, denn es besagte, dass selbst der Tod eines Sklaven für den Besitzer folgenlos blieb.
Er war in einem Bordell „beschäftigt“, wo es nur darum darauf hinauslief, die weibliche Kundschaft (es waren auch vereinzelt Männer dabei) zu befriedigen. Und Wehe, wenn er nicht die erwartete Leistung erbrachte, und zwar immer und überall, war er gleich seine Rübe los – was gerade nicht aufbauend wirkte. Außerdem konnte man sich ausrechnen, wie lange das alterspezifisch gut gehen konnte.
Connorius, wie sein Name in dem heraufbeschworenen Albtraum lautete, war ein besonderer Sklave. Er brachte sich in karg bemessenen Freizeit selbst das Schreiben bei, auf nicht mehr benützen Tontäfelchen, die er aus dem Müll holte. Dass er dabei eine Meisterschaft entwickelte, war seiner außergewöhnlichen Intelligenz zu verdanken.
Der Freigelassene Encolpius, der bei Quintus Fabius Maximus Cunctator, einem reichen Patrizier, Consul und Feldherrn, die Geschäfte führte, während dieser im Zweiten Punischen Krieg verwickelt war. Der Freigelassene machte auf Connorius aufmerksam, mit den Worten: „Es ist eigentlich eine Verschwendung. Da lässt Du den Sklaven Connorius nichts als vögeln in Deinem linkshändig betriebenem Bordell im Uptown von Rom. Dabei ist er ein tüchtiger Schreiber – so jemand könnte ich als meinen Adlatus gebrauchen.“
Fabius erledigte üblicherweise das, was ihm Encolpius vorschlug, eins zu eins. Das war in Wirklichkeit zweitrangig – er hatte das große Ganze im Sinn. Und so kam es, dass Connorius bei Encolpius angestellt wurde. Er war ihm ewig dankbar dafür, dass er ihn vor dem sicheren Tod gerettet hatte. Er lernte fleißig, sich in den Grundzügen der Administration der Güter zurechtzufinden.
Und das war gut so, denn Encolpius wurde durch eine heimtückische Krankheit hinweggerafft. Connorius trat seine Nachfolge an, ohne Ausschreibung, da Fabius in die Konflikte rund um Hannibal engagiert war – kurzfristig in Ungnade gefallen (wegen zu „zögerlichen“ Verhaltens – daher der Spitzname), wurde er (nach der für Römer unglückseligen Schlacht bei Cannae) im Triumph zurückgeholt.
Als Fabius zufällig nach Hause kam und alles in Ordnung sah, wie es bei Encolpius stets der Fall gewesen war, wurde im Eilverfahren (da nicht viel Zeit war) bei Connorius die sogenannte Manumissio, also die Freilassung vom Sklavendasein in das römische Bürgerrecht, durchgezogen. Der frischgebackene Freigelassene hatte gleich eine unverschämte Bitte, dass nämlich Leonie, die Kammerfrau der Dame des Hauses, die Freiheit geschenkt werden sollte.
„Macht‘ das untereinander aus – mir fehlte die Zeit für solche Kinkerlitzchen!“ – Und war dahin.
Die Ehefrau Aemilia, aus dem Geschlecht der Aemilier (einer der fünf führenden patrizischen Familien Roms), hatte schon die längste Weile mit Wohlwollen beobachtet, wie Leonie dem Connorius schöne Augen machte und hatte still und leise dafür gesorgt, dass sie gediegene Ausbildung erhielt.
Etwas war anders bei Leonie und Connorius – sie hatten ein partnerschaftliches Verhältnis, das nicht im Einklang mit den Gepflogenheiten der Antike stand. Leonie half Connorius bei der Verwaltung des Besitzes von Fabius – es gab keinerlei Beschwerden mehr, nicht die geringste, seit sie das Vieraugenprinzip eingeführt hatten.
(under construction)