DIE AUSLAGE
Zwanette De Groot arbeitete von 22 Uhr bis 4 Uhr, sieben Tage in der Woche im De Wallen-Viertel in Amsterdam als lebende Schaufensterpuppe – unterbrochen nur, wenn sie gerade einen Kunden hatte, der mehr wollte, als nur Schauen. Dann ging sie mit ihm in‘s Hinterzimmer für eine rasche Nummer. Sie war schon etwas älter, aber noch immer gut gebaut. Der Job zehrte mit der Zeit an ihren Nerven – es gab keine Perspektive. Früher als sie noch jünger war, hatte auf‘s schnelle Geld gehofft, allein die Hoffnung war eine Farce gewesen.
Diese Option hatte sie geschwind ablegen müssen – doch sie war gefangen in einem Wust von unbezahlten Rechnungen und eine Verpflichtung: Sie hatte eine zehnjährige Tochter, Melania mit Vornamen, die sie frühzeitig Pflegeeltern übertragen hatte – aber sie besuchte die Kleine, so oft es ging, und kam vor allem für die Betreuung auf. Das Kind sollte es einmal besser haben, obwohl es aus einem Betriebsunfall mit einem Freier stammte.
Sie hatte von Natur aus blondes Haar, aber setzte eine schwarze Perücke auf, um zu zeigen: „Ich kann auch anders sein – das hier ist mein Beruf, aber der hat nicht das Geringste mit meinem Privatleben zu tun!“
Das stellte sich als Irrtum heraus, als die Tochter eines Tages (verständig geworden) fragte: „Was ist eigentlich Dein Beruf, Mama?“
Sollte sie ihr gleich reinen Wein einschenken? Das war noch zu früh – sie sagte: „Ich reise sehr viel und darum hat sich das Ehepaar Vermeulen, Thom und Carin, bereit erklärt, Deine Pflege zu übernehmen!“ – „Aber ich sage ,Vater‘ und ,Mutter‘ zu ihnen?“ – „Das ist völlig richtig – sowie Du mich ,Mama‘ nennst!“
Die Fragerei ging weiter: „Was arbeitest Du, Mama?“ – Die De Groot wich aus: „Dies und das!“ – Die Tochter ließ aber nicht locker: „Geht‘s auch genauer?“
„Ich bin in der Persönlichkeitsentwicklung tätig!“ – So konnte man die Tätigkeit auch beschreiben…
Melania schien für‘s Erste zufrieden – jedenfalls fragte sie nicht weiter und die Beiden sprachen über ganz andere Dinge. Insbesondere die höhere Gelehrtheit war Zwanettes Sache, zumal die Vermeulens – als einfache Leute – über die „Basisschool“ nicht hinausgekommen waren. Immerhin hatte die De Groot im Rahmen ihrer Tertiärbildung die Fachhochschule begonnen, wenn auch nicht abgeschlossen hatte.
So ging es mit den Schulproblemen weiter, die nicht unlösbar schienen. Bis – im Alter von Fünfzehn – die Fragen der Tochter immer drängender wurden. Was arbeitete ihre Mutter genau?
Da riss Zwanette der Geduldsfaden – und sie beschloss, Melania möglichst unverblümt die Wahrheit zu sagen. Die Reaktion der jungen Frau war gelassen. – „Das habe ich mir geraume Zeit gedacht – und wenn ich ehrlich bin, habe ich mich persönlich davon überzeugt! Du hast Dich zwar gut getarnt und unter einem schwarzen Zweithaar verborgen, aber mich kannst Du nicht täuschen! Außerdem habe Deinen Bikini erkannt, den Du bei einem unserer seltenen Badeausflüge getragen hast!“
Die De Groot war perplex. Einerseits bewunderte sie insgeheim die Beobachtungsgabe ihrer Tochter, andererseits nahm sie sich vor, den Vermeulens ordentlich die Köpfe zu waschen – was ihnen einfiel, den halbwüchsigen Teenager unbegleitet in‘s De Wallen-Viertel losziehen zu lassen, während sie gemütlich beim Fernsehen saßen, nichts ahnend.
Dann kam mitten in die Überlegungen die Ansage Melanias: „Darf ich Dich auf Deine Arbeitsstätte begleiten. Ich habe mir auch einen kessen Bikini zugelegt!“ – Und sie führte das edle Stück vor – es war mehr als sexy. Und der Bikini hatte verstellbare Optionen am Oberteil, mit deren Hilfe man züchtig oder weniger züchtig erscheinen konnte. Und der Bikini hatte an seinem Unterteil einen Ouvert-Slip, der wahlweise geschlossen oder offen getragen wurde.
„Du ziehst mir das nicht an!“ – „Du willst mir etwas über Moralvorstellungen sagen – bei Deinem Beruf?“- Sie diskutierten eine Weile über die Ethik der beruflichen Tätigkeit der Mutter versus dem Outfit der Tochter. Anschließend veranstaltete Zwanette ein Experiment.
„Und falls Du mich begleitest – und ich sage bewusst ,falls‘, nicht das das eine ausgemachte Sache ist -, was machst Du dann?“ – „Dann setze ich mich neben Dich in die Auslage, ausgerüstet mit einer schwarzen Perücke -“ (sie war blond, ebenso wie die Mama) „- und warte auf die Freier -“
Moment, woher wusste in ihrem Alter so genau Bescheid? Die De Groot musste sich dringend mit den Vermeulens unterhalten bezüglich der Aufsichtspflicht gegenüber der Kleinen. Im Ernstfall dachte sie daran, das ganze Arrangement rückgängig zu machen.
Melania hatte mittlerweile weitergesprochen. – „- die da kommen! Ich bin absolut gespannt, welche Typen es gibt!“
Zwanette setzte ihr Experiment fort: „Und wenn Du einem Kerl findest, der Dir gefällt, würdest Du dann bis zum Äußersten gehen?“ – „Wenn mir Einer gefällt – ja!“ – „Das ist ja das Problem: Die Leute, die hier herkommen, werden in den seltensten Fällen einen Schönheitspreis gewinnen! Zudem waren die Wenigsten von gutem Charakter, Manche waren hochgradig bösartig!“
Melania gab, zu den Sex geübt haben – mit sechs Schulkollegen, die ihr extrem unsympathisch waren. – „Das habe schon längst hinter mir!“, sagte sie, „Ich habe mit diesen Sechs gevögelt – zur Einstimmung auf das, was auf mich zukommt!“
Die De Groot war alarmiert. Während sie selbst halb aus Not Prostituierte geworden war, machte die Tochter das ganz freiwillig oder sie war schon auf dem Weg dorthin. Obwohl sie jede Chance auf einen „zivilen Beruf“ hatte, mit „zivilen Aussichten“, hatte sie sich à la longue für die Profession einer Hure entschieden.
„Jetzt geht‘s noch nicht, aber mit Beginn der Volljährigkeit, wenn ich mein ,Voorbereidend Wetenschappelijk Onderwijs’ abgeschlossen habe, kann ich Dich entlasten mit dem Ziel, dass Du Dich eines Tages zur Ruhe setzen kannst!“ – Melania hatte sich das schon so ausgedacht, ohne die Mutter zu fragen. – „Und wenn Du einmal nicht so gut darauf bist, kann ich jederzeit ,schwarz‘ vertreten!“
Das hatte sie bis in‘s Letzte geplant. Die De Groot kapitulierte – das ewige Hin und Her ging ihr langsam, aber sicher auf die Nerven. Wenn die Tochter unbedingt Prostituierte werden wollte, dann sollte es eben so sein.
„Aber ich werde eine Art Edelhure werden, eine mit akademischen Abschluss, so ist es vorgesehen – aber in fernerer Zukunft. Ich habe noch etwas Zeit, bevor der Schmelz der Jugend verloren geht.“ – Und süß war sie, das musste ihr der Neid lassen!
Melania war sogar zuckersüß – das eröffnete ihr (noch im Schaufenster) ganz neue Zielgruppen, die sie bei ihren (noch) sporadischen Auftritten ansprach. Nicht so sehr Jene, die auf einen raschen Fick auswaren, sondern Jene, die sich die Zeit für einen ausführlichen Geschlechtsverkehr und dafür auch mehr Geld hinblätterten. Das Hinterzimmer musste entsprechend adaptiert werden.
Zwanette sah im Prinzip die Aktivitäten ihrer Tochter mit zunehmenden Wohlwollen, wiewohl sie insgeheim hoffte, dass Melania einen „zivilen Beruf“ ergriffe und der Beruf nicht nur als Verbrämung für ihr Dasein als Liebesdienerin gelten würde.
Zwanette sah im Prinzip die Aktivitäten ihrer Tochter mit zunehmenden Wohlwollen, wiewohl sie insgeheim hoffte, dass Melania einen „zivilen Beruf“ ergriffe und der Beruf nicht nur als Verbrämung für ihr Dasein als Liebesdienerin gelten würde. Nachdem sie das Eindexamen (die zentralen Abschlussprüfungen am Ende der Schulzeit) erfolgreich bestanden hatte, deutete nichts darauf hin, dass sie – neben ihrer Tätigkeit als „Horizontale“ – eine akademische Ausbildung aufnahm.
Allerdings hielt sie ihr Philosophiestudium an der Universität von Amsterdam (wo sie zunächst einem Bachelor machen wollte) streng geheim, um den Fragen ihrer Mutter und anderer „wohlmeinender“ Zeitgenossen zu entgehen. Am „Spinoza-Lehrstuhl“ war das Duzen gang und gäbe, besonders seit eine neue junge Professorin das Ordinariat innehatte.
Sterre Ickenroth war schon ein verrücktes Huhn, gleichwohl hatte sie die besten Referenzen mitgebracht, die sie zu diesen verantwortungsvollen Posten geradezu prädestinierten. Gleich am Beginn, noch bevor die Vorlesung überhaupt begonnen hatte, erkundigte sich Sterre intensiv, um Details aus dem Privatleben ihrer Hörerinnen und Hörer zu erfahren.
Und Die wagten sich teilweise aus ihrer Deckung heraus mit ziemlich abenteuerlichen Beschäftigungen, mit denen sie sich ihr Studium verdienten – kaum jemand, der so reich war (etwa durch die Eltern), dass sie sich keine Sorgen über die Finanzierung zu machen brauchten. Aber das waren die Ausnahmen.
Da war ein Student, der sein Geld durch waghalsige Stunts erhielt, was per se nicht ungefährlich schien und fallweise zum Tod führte. Da war eine Studentin, die war als Nacktmodell zu buchen, was stundenlanges Ruhigsitzen erforderlich machte – wenn sie nur den geringsten Mucks machte (und sei es durch ein Augenzwinkern), schrieen die Zeichner und Zeichnerinnen gleich auf. Es gab aber niemanden in der Studentenschaft, der oder die im Supermarkt arbeiteten – der Verdienst war einfach nicht ausreichend.
Als die Reihe an Melania war, war die Anspannung groß, was sie jetzt aus dem Hut zaubern würde. – „Ich bin Hure!“, sagte sie ganz unverblümt und ohne sichtbare Aufregung. „Ich arbeite im De Wallen-Viertel, gemeinsam mit meiner Mama, die auch Hure ist.
„Wie, bis zur letzten Konsequenz!“, meinten die restlichen Studentinnen skeptisch. – „Alles Übrige würde keinen Sinn machen – ja, bis zur letzten Konsequenz! Wenn Ihr mir nicht glaubt, könnt‘ Ihr mich besuchen. Ich teile mir mit meiner Mutter ein Schaufenster!“
Die männlichen Kollegen sabberten: „Und wir uns an Deiner Gunst erfreuen?“ – „Ja, wenn Ihr mir die Taxe bezahlt – und es gibt keinen Studenten-Rabatt! Und noch eins – haltet Euch von meiner Mama fern. Das würde zu weit gehen!“
Es war Sterre Ickenroth, die dem lustigen Treiben ein Ende setzte. – „Hier wird Dergleichen nicht gemacht. Wenn sich Melania prostituierten möchte, dann ist es ihre Sache! Aber wir sind hier auf Universitätsgelände!“ – Damit war der Fall scheinbar erledigt und die Versammlung löste sich auf.
Sterre aber nahm die De Groot beiseite und sagte leichthin: „Ich würde Dich gerne an Deine Arbeitsstätte begleiten (nebenbei Deine Mom kennenlernen, die eine ganz patente Dame zu scheint), und mich zu Euch in Auslage setzen – absolut im Sinne Spinozas, der ein radikales Weltbild vertritt!“
Melania protestierte: „Das geht aber keinesfalls! Wie, wenn Dich jemand von der Universität erkennen würde?“ – Sterre ließ nicht locker: „Ich habe die Absicht, einen Gesichtsschleier zu tragen! Dann würde mich kaum jemand entdecken!“
Und so stellte Sterre Ickenroth ihrer Mutter vor: „Eine Freundin!“ – Melania hatte sich ausbedungen, dass die wahre Identität ihrer Professorin streng geheim bliebe.
„Herzlich willkommen, Freundin von Melania! Ein zusätzliches Problem habe ich aber – wenn Du auf dem Präsentierteller sitzt, was machst Du dann, wenn ein Kunde ernsthaft an Dir interessiert ist?“ – „Dann nimmt das Schicksal seinen Lauf! Aber meinen Schleier werde ich anbehalten!“
Sie saßen zu Dritt in der Auslage. Der dienstbare Geist von Zwanette, ein uralter Onkel namens Sven Kuipers, der im Hintergrund agierte und darauf schaute, dass alles so passierte, wie es seine Nichte wollte. Er bekam dafür – nichts. Er hatte ohnehin seinen Ruhestandsbezug und machte das aus Liebe und, nebenbei gesagt, aus Sensationslust, damit seine alten Knochen (oder etwas Andereres) eine Abwechslung bekämen. Dass er seine diesbezüglichen Gefühle auch auf seine Großnichte (die wesentlich knuspriger war) und letztlich auch auf die „Freundin“ übertrug.
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