BEZIEHUNGEN
Rafaela Raymann war Lesbierin, das wußte Jedefrau und Jedermann in ihrer Umgebung – obwohl sie nie jemand direkt darauf ansprach. Die Vierzigjährige arbeitete in einer P.R.-Gesellschaft im vornehmen Ersten Wiener Gemeindebezirk, wo die spezifischen Beziehungen der einzelnen Beschäftigten herzlich gleichgültig waren. Sie kümmerten sich füglich um ihren eigenen Kram.
Das änderte sich rasch, als eine Praktikantin aufgenommen wurde, die unbeschreiblich schön war und das mit ihren achtzehn Jahren auch ausspielte – ihr Name war Cyra Kabasta. Allein der Name war schon Programm – Cy-ra-Ka-ba-sta, das ging hinunter wie Honigseim, wie es in den Sprüchen Salomos heißt. Da wussten sie noch nicht, wie die Fortsetzung der Redewendung lautete.
Abgesehen davon, dass die Belegschaft ohne Ausnahme auf sie abfuhr, tat Rafaela ein Übriges – sie bekannte sich offen zu ihrer Homosexualität, mit der Frage: „Hast Du jemals es mit einer anderen Frau versucht?“
Die Direktheit des Themengebiets überforderte das junge Ding sichtlich, und sie gab sofort die sonst dargebotene Überheblichkeit auf. Sie gestand der Raymann kleinlaut, dass sie außer der Gleichgeschlechtlichkeit, die sie in der Kindheit bei ihren Doktorspielen erfuhr, nichts Einschlägiges mehr erlebte hatte. Und dass sie auf eine Weiterführung dieser Erfahrung gerne verzichten wollte.
Aber Rafaela hatte ihre Fallstricke schon gelegt, sie musste wie die Spinne im Netz geduldig sein und darauf warten, dass Cyra von selbst kam.
Es dauerte höchstens ein paar Tage – Rafaela war auf diesen Aspekt ihrer Beziehung nie zurückgekommen und hatte mit distanzierter Freundlichkeit auf die Kleine reagiert -, bis das „Opfer“ anmarschierte: „Ich halte das nicht länger aus!“ – Rafaela konterte hinhaltend: „Wenn Du Dir nicht völlig sicher bist, dann laß‘ es lieber bleiben!“
Die Raymann ziegelte die Kabasta immer weiter auf, bis die Kleine ganz gamsig war, und fragte bewusst ordinär: „Hast Du schon jemals mit einem Mann gevögelt?“ – „Ja, und er konnte mich nicht befriedigen!“ – „Ja, eben!“
Und so weihte Rafaela in die Geheimnisse von „Lesbos“ ein. Sie sagte, dass ein Kerl nie so sorgsam mit Cyra umgehen könnte wie eine zweite Frau. Die Bedürfnisse waren klar – es ging nur mehr um die technische Umsetzung dieser Bedürfnisse. Und außerdem würde sich auf sozusagen esoterischer Ebene nicht so sehr hineindenken wie die Geliebte – sie würde quasi schon im Voraus ahnen, was als Nächstes passierte.
Da stand mehreres zur Auswahl – das Tribbing, das Schenkelreiten, das Facesitting, das Löffelchen und als besonderer Gag „69“ (der gegenseitige Oralverkehr). Cyra lernte schnell, da es ihrer natürlichen Befindsamkeit entgegenkam.
Rafaela lud Cyra dauerhaft in ihr geräumiges Haus mit großem Garten am Rande der Perchtoldsdorfer Heide ein – die junge Frau hatte bis jetzt in einer kleinen Wohnung im Fünften Bezirk logiert. Welcher für ein Unterschied zu dem, was sie ihr bis jetzt geläufig schien!
Aber so toll das Haus war, der Garten faszinierte sie stets von Neuen. Wann immer es ihre Zeit neben der Arbeit erlaubte (und wenn Rafaela nicht ihren Tribut von ihr forderte), verbrachte sie jede freie Minute in dieser Idylle. Das Geheimnis dahinter war ein junger Gärtner namens Qendrim, der aus Albanien stammte und daher mit vierzig Arten, die nur in seiner Heimat vorkommen, den Garten aufgemöbelt hatte.
Qendrim wohnte in einen Extra-Häuschen am Ende des Grundstücks, fernab vom Geschehen, das sich im Haupthaus abspielte. Rafaela wäre es niemals eingefallen, dort vorbeizuschauen – anders Cyra, die ihn häufig besuchte und sich mit ihm mit großem Interesse über die zum Teil ihr völlig unbekannten Pflanzenarten unterhielt. Sie hatte zwar ein Buch betreffend die heimische Flora (ganz zu schweigen von den fremdländischen Sorten), aber eben nur theoretisch.
Es kam, wie es kommen musste – Qendrim verliebte sich spontan mit südlicher Leidenschaft (nicht achtend der widrigen Umstände) in Cyra. Ob das ein Strohfeuer war, wusste er selbst nicht so genau – zumindest räumte er diese Möglichkeit ein. Er schlich sich nachts in die Nähe des Anwesens, wo er schon von Weiten die tiefen Lustschreie der Raymann vernahm, ergänzt durch die Glockentöne der Kabasta.
Er konnte sich nicht mehr länger halten und er gab sich zu erkennen. Da kam er an die falsche Adresse bei Rafaela – sie kanzelte ihn ab: „Was nimmst Du Dir heraus, Sklave, der Du bist! Kennst Du Deinen Platz nicht mehr! Deswegen, weil sich Cyra herablässt, mit Dir einige Worte zu wechseln! Aber jetzt – ab in Dein Gehege! Und lass‘ uns künftig in Ruhe!“
Qendrim zog wie ein begossener Pudel ab.
Cyra eilte ihm nach: „Sie hat es bestimmt nicht so gemeint – und wenn doch, ich distanziere mich von derlei Beleidigungen entschieden!“ – „Habt Ihr Euch über mich beschwert?“, sagte Rafaela nach der Rückkehr der Kleinen. „Da kriegst Du Dein Fett gleich mit ab.“
Und die Beiden Sex miteinander, den wildesten Sex im Rahmen ihrer kurzen Beziehung bis jetzt. Im Moment war ihr das vollständig egal. Wenn Rafaela da so vor ihr stand, bekleidet mit einem Mieder, das ihre festen Brüste freiließ, ein Nichts von einem Hös‘chen, halterlose Strümpfe und hochhackige Schuhe – wurde ihr ganz anders.
Sie wollte die ohnehin minimalen Klamotten vom Leib reißen und nach einer kurzen Betrachtungspause tat sie eben dieses. Und Cyra hatte weiß der Himmel andere Gemütslagen zu verkraften, anstatt sich mit Qendrim zu beschäftigen. Er war ihr in diesem Moment vollständig egal – ob das für immer und ewig so bleiben würde, wer weiß?
Und dann ging es für die Beiden ab in die Arbeit. Die übrigen Kolleginnen und Kollegen hatten längst mitgekriegt, dass da was zwischen ihnen läuft, und so hatten sie auch nichts dagegen, wenn die Raymann ihr Schäfchen (namens Cyra) in‘s Trockene brachte.
„Man soll jungen Glück nicht im Wege stehen!“, sagten die Kolleginnen und Kollegen, und tatsächlich, der Output an Kampagnen stieg beachtlich, wenn er von dem Team Raymann/Kabasta verfertigt wurde. Cyra hatte auch dienstlich ihre Heimstatt gefunden.
Nur der arme Qendrim kam in dem Arrangement nicht vor. Er betreute weiter seine Pflanzen – ein bisschen enttäuscht war er schon, dass er bei der Kleinen letzten Endes nicht landen konnte. Und er ging nie wieder nach vorne, um die Zwei zu belauschen…