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TU, SOLTANTO TU

Aurora Colonna war zählte zur Nachkommenschaft des bekannten römischen Adelsgeschlechtes. Was Wunder, dass es wenig Anklang fand, dass die edle Dame beschlossen hatte, sich in den römischen Proleten Silvano Russo zu verlieben. Das einzig Positive an ihm (in der Einschätzung des aristokratischen Klüngels) war seine fulminante Tenorstimme, mit der er sie um den Finger gewickelt hatte.

„Tu, soltanto tu!“, ertönte es in Form einer Endlosschleife durch seinen bescheidenen Raum, in dem sich die ganze Szene abspielte. – „Du, nur Du, mit den Liedern, die Du für mich singst, mit Deinen melancholischen Dichtungen, mit all diesen liebevollen Gedanken, fast jede Stunde.“

Dazwischen schliefen die Beiden miteinander, was bei Aurora stets ein himmliches Gefühl auslöste. Das Gefühl war ganz anders, als das, was in Adelskreisen üblich war, weniger auf den eigenen Vorteil bedacht, weniger egoistisch und berechnend. Daher kam die Liaison mit einem Nobody nach Meinung ihrer Familie gar nicht in Frage – schon gar nicht einem ungeschliffenen Barbaren, der überdies sicherlich älter war als Aurora. Mit ihm war kein Staat zu machen.

Dessenungeachtet hatten sich die Beiden längst heimlich das Ja-Wort gegeben. Als das ruchbar wurde, enterbten sie ihre Eltern. Für die Colonna galten die üblichen Gesetze nicht – sie standen über den Regeln vom Pflichtteil und all dem anderen Unfug, der sie an ihrer absoluten Machtausübung hinderten.

Es wurde die Zweitgeborene bestimmt, den Laden zusammenzuhalten – es standen zum ersten Mal in der tausendjährigen Geschichte keine männlichen Nachkommen zur Verfügung, dafür sechzehn Mädchen. Sehr zum Missvergnügen von Principe Don Pietro Colonna, der seine Frau, Donna Costanza Colonna, zu immer neuen Höchstleistungen animiert hatte, um einen Mann als seinen Abkömmling präsentieren zu können. Beim sechzehnten Versuch hauchte die Gute dann ihre Seele aus.

Mittlerweile hatten Silvano und Aurora großes Vergnügen, miteinander Sex haben. Da gab es nur eine Einschränkung: Die Colonna konnte sich partout nicht daran gewöhnen, nicht mehr im Palazzo Colonna an der Piazza SS. Apostoli, und statt dessen in Trastevere im Viale Trenta Aprile (in der Zwei-Zimmer-Wohnung von Silvano) zu hausen. Das galt es etwas dagegen zu unternehmen, dachte Aurora forsch.

Da sie über eine sehr schöne Altstimme verfügte, gründeten sie – zusammen mit Russos Tenor – das „Duo Silvano und Aurora“. Gleich mit ersten Single („Tu, soltanto tu“) feierten sie einen durchschlagenden Erfolg. Das Publikum wartete sehnlichst auf das Album gleichnamigen Titels, das angekündigt war.

Dazu mussten die Beiden erst die geplanten elf Nummern schreiben – sie hatten gleichwohl genaue Vorstellungen davon: „Felicità“, „Sempre sempre“, „Notte e giorno“, „Emozionale“, „Sharazan“, „Che angelo se“, „Vincerai“, „Mujer por amor“, „Donna per amore“, „Al ritmo di beguine“ und natürlich „Tu, soltanto tu“.

Da hatten sie für‘s erste ausgesorgt. Sie zogen in eine größere Bleibe in einer vornehmeren Gegend namens Testaccio (in der Via Beniamino Franklin), mit der auch Aurora einigermaßen zufrieden sein konnte, zumal die Wohnung auch einen Salon aufwies, in dem sie ihre „Audienzen“ abhalten konnte – nicht so üppig wie im Palazzo, aber immerhin. Auch Silvano fand sich schließlich mit öffentlichen Interesse ab, das ihm nicht in die Wiege gelegt war, anders als bei seiner Partnerin – aber es wurde schrittweise besser. Er begriff genau, dass es ohne ausreichende P.R.-Arbeit nicht klappen würde.

Die Beiden nahmen die Nachbarwohnung dazu, die zufällig freigeworden war. Das enthob sie der Notwendigkeit, eines schönen Tages wieder ausziehen zu müssen, wenn der Platz nicht ausreichte. Der notwendigen Umbau wurde aus den Erträgen des zweiten Albums („Raccogli l’attimo“) finanziert – es blieb sogar noch jede Menge übrig. Das war die rationale Betrachtungsweise, wie sie am helllichten Tag stattfand…

Es gab aber auch noch eine andere und schwer deutbare Betrachtungsweise, nämlich dass nachts die Welt auf dem Kopf stand, indem Aurora sich ganz Silvano unterwarf, sich ihm hingab in ihrer Unerfahrenheit. Der Junge aus Trastevere hatte im Alter von Zwölf bereits gevögelt und war dem adeligen Fräulein um Meilen voraus. Es gefiel ihr, sich von ihm in die verborgenen Geheimnisse einweihen zu lassen. Dabei war sie ohne Arg – aus unerfindlichen Gründen, denn es hätte ja sein können, dass er böse Absichten erkennen ließ. Das war gottlob nicht der Fall. Silvano lüftete dessenungeachtet Nacht für Nacht ein neues Mysterium seines Erfahrungsschatzes – es kam ihr wie endlose Wonnen vor.

Tagsüber hatte Aurora die Hosen an. Silvano ließ ihr gerne den Vortritt – unerfahren wie er in Dingen der Etikette war. Sie lehrte ihn die Klippen zu umschiffen, sie lehrte ihn, jeden möglichen Trick mit Grandezza zu bestehen – in der festen Überzeugung, dass er nächtens schon wieder Oberwasser gewinnen würde. Er lernte unheimlich schnell, das war bei seiner Auffassungsgabe, die durch blitzschnelles Erkennen der Tatbestände (wie im Trastevere üblich), selbstverständlich

Bei den Arbeiten zum dritten Album („Fragile“) war Aurora schon schwanger. Silvano freute sich wie „Toccare il cielo con un dito!“ (das heißt: Den Himmel mit einem Finger berühren!). Er vergötterte seine Geliebte über alles, mehr als jemals zuvor. Er nahm ihr jede schwere Tätigkeit, war extrem besorgt um sie.

„Schwangersein ist keine Krankheit!“, sagte sie, wenn ihr das Ausmaß seiner Beunruhigung schon auf den Nerv fiel.

Von ihr war seit ihren Jugendjahren nur von der Bachstelze der Rede, obwohl sie inzwischen wohlproportioniert war. Nun ging sie auseinander – sie verschlang „Russen“, sonder Zahl, das sind junge, im Ganzen ausgenommene und marinierte Heringe ohne Kopf, während ihre Landsleute, wenn sie denn Gusto auf Heringsartiges verspüren, Sardinen und Sardellen bevorzugen.

Und so verging diese Schwangerschaft mit „Russenessen“ und sonst nahezu keinerlei Beschwerden und am Ende war das Kind da – ein Mädchen, und die Beiden gaben ihr einvernehmlich den Namen Aurora (nach der Mutter) und Russo (nach dem Vater). Der Vater liebte die Kleine mit der bodenständigen Art seiner Herkunft, die Mutter mit der Zurückhaltung und adeligen Distanziertheit – obwohl sie es mittlerweile ganz anders erfahren hatte. Man denke nur an die gemeinsamen Nächte voller Leidenschaft – aber die gehörten Aurora und Silvano komplett alleine.

Das war einerseits legitim – andererseits fühlte sich Aurora Juniorix, wenn sie auch noch nicht ihren Gefühlen verbal Ausdruck verleihen mochte, instinktiv stärker zu ihrem Vater hingezogen als zu ihrer Mutter – ein erstes ernstes Zerwürfnis zeichnete sich zwischen den Eheleuten ab, ohne dass es irgendwer aussprechen musste.

Das tat den gemeinsamen Nächten noch keinen Abbruch, wenn sie auch öfter durch Kindergeschrei unterbrochen wurden. Und immer stand Silvano auf, um die Kleine zu beruhigen oder ihr allenfalls ein Schlaflied zu singen: „Ninna Nanna de Trastevere“. Und dann ging‘s mit dem Sex weiter, so als ob nichts passiert wäre.

Kein Problem hatten die Beiden mit ihrer Karriere. Sie planten eine große internationale Tournee, die sie bis in die USA und nach Japan führte – Europa war selbstverständlich in die Gastspielreise inkludiert, die Tour startete in Rom, im „Stadio Olimpico“. Aurora Juniorix, so klein sie war, wurde am Ende des jeweiligen Events in einer Tragtasche auf die Bühne geholt, was Begeisterungsstürme auslöste. Sie schlummerte bisweilen selig vor sich hin, bisweilen schaute sie mit großen Augen auf die Geschehnisse rundherum – bisweilen weinte sie auch, was Silvano umgehend zur Rückkehr in die Garderobe veranlasste, während seine Partnerin, nunmehr allein, die Ovationen des Publikums genoss.

Nach ihrer Heimkehr rasteten sie sich erst einmal auf ihren Lorbeeren aus, das Leben verlief wieder in seinem gewohnten Gang, mit der Performance von Aurora bei Tag und von Silvano in der Nacht. Er hatte nach wie vor nichts gegen ihre glamourösen Auftritte, die sie tagsüber hinlegte, so lange die Finsternis ihm gehörte.

(under construction)