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DIE UNBEKANNTE

August Galczinsky sah zunächst nur das halbe Bein der Unbekannten, das auf dem Balkon vis-à-vis auf einer Liege hingegossen war. Das halbe Bein war vielversprechend, wenn man denn auf den restlichen Körper schließen konnte. August war entzündet!

Er stellte sich Gott-weiß-was über ihre Figur vor. Er lag sonntags auf der Dachterrasse des Hauses Leopold Ferstl-Gasse Nummer 5, und die fremde Frau vermochte auch von ihm nur das halbe Bein sehen. Plötzlich erhob sie sich – und er konnte erkennen, dass er sich nicht getäuscht hatte. Sie hatte die von ihm erwartete wundervolle Gestalt, und sie winkte ihm zu – offenbar in der Hoffnung, dass er sie niemals finden würde, in dem Wust von Gebäuden.

Und so war es auch – von Tür zu Tür zu gehen, das war ihm zu peinlich. Und so legte er sich in seiner kargen Freizeit (er arbeitete als Unternehmensberater) auf die Lauer, ob er sie sah. Aber allein, seine Bemühungen waren vergeblich – ob es ausschließlich am Mangel an Zeit lag, war ihm nicht bewusst. Und dann, als er bereits aufgeben wollte, stand sie unvermittelt vor ihm…

„Sie verfolgen mich schon geraume Zeit – was wollen Sie von mir?“ – „Ich habe Ihre Schönheit bewundert!“ – „Und sonst ist nichts passiert…?“

Und dahin war sie! Er kam sich reichlich bescheuert vor – er hatte weder nach ihrem Namen gefragt, noch ihre Adresse ausgekundschaftet, noch nach ihrer Telefonnummer verlangt, was überhaupt das Naheliegendste war. Er hatte bei ihrem Anblick alles vergessen.

Sonst war Galczinsky kein solcher Untam – er hatte sich beruflich einen Ruf erworben, der im Gegenteil von einem einzigartigen Gespür für Nuancen sprach. Warum in diesem Fall nicht, und in allen vergleichbaren Fällen nicht, wenn es um Frauen ging.

Da wurde die Angelegenheit schon komplizierter. Wenn Frauen im Spiel waren, wurde es extrem schwierig, da da er schüchtern war. Wieder eine Chance verpasst – jetzt gingen ihm langsam, aber sicher die Gelegenheiten aus. Dabei war er ein hübscher Kerl, mit dem eine Frau gerne redete – oft stundenlang, und er hörte ihr geduldig zu. Die Frauen breiteten ihre Wünsche, ihr Verlangen und ihre Sehnsüchte vor ihm aus. Nur wenn es dann um die praktische Durchführung trappten sie wieder in den gewohnten Trott zurück.

Elsa Pauline Kludt, die schöne Unbekannte, hatte ein schlechtes Gewissen, dass sie August Galczinsky (sein Name stand weithin sichtbar an seiner Wohnungstür) Unrecht getan hatte. Sie suchte ihn auf und gab ihm ihre Visitenkarte. Sie lud ihn zu sich ein.

(under construction)