GRAMMY-VERLEIHUNG
Sie wollte anlässlich ihrer erfolgreichen Grammy-Verleihung so richtig auf die Pauke hauen mit ihrem Dress. Es war rückenfrei und bodenlang und hatte zwei Schlitze, die bis zur Taille reichten. Dazu ein Hös’chen, das hervorblitzte, und nicht der Rede wert schien, so mini war es. Ein echter Hingucker, wie man ihn selten zuvor gesehen hatte!
Marilyn Hayes – ihren Vornamen hatten ihr die Eltern in Verehrung für ein berühmtes Vorbild gegeben – nicht ahnend, dass sie selbst eine berühmte Sängerin werden würde. Marilyn also fragte sich bei der Gelegenheit insgeheim, wie lange sie noch ein Kleid wie dieses anziehen konnte.
Dementsprechend fiel sie trotz Feierlaune plötzlich in ein tiefes Loch – sie achtete peinlich darauf, dass niemand etwas merkte. Sie war Anfang Vierzig und folglich nicht alt, schon gar nicht für Außenstehende, wo sie für jugendliche Gestalt bekannt war. Aber tief in ihr nagte der Zahn der Zeit – unaufhörlich und unaufhaltsam.
Das war etwas: Die öffentliche Wahrnehmung, die strahlend war und die auch wieder durch den heutigen Event dokumentiert wurde, und ihrer persönlichen Misere, die sie – verstohlen zwar – aber kontinuierlich in die Bredouille, eine schwierige, unangenehme Situation, aus der man sich nur schwer befreien kann, hineinlocken suchte.
Marilyn hatte – berufsbedingt – schon immer großen Wert auf ihr ausgezeichnetes Aussehen gelegt. Die Dauer, die sie für dieses Aussehen aufwenden musste, war deutlich angestiegen. Da war es gut, dass sie vorwiegend am Abend arbeitete, so konnte sie im Lauf des Vormittags, wenn sie aufgestanden war und gefrühstückt hatte (übrigens die Hauptmahlzeit für sie). Sie wendete auch einen Teil des Nachmittags für ihre Pflege auf, bis völlig zufrieden war.
Die Hayes hatte in der anbrechenden Nacht mit ihren Song mit dem Titel „Mama, don’t close your eyes“ brilliert und dann den Grammy-Award entgegengenommen – es war dritte Auszeichnung dieser Art in Folge. Während sie die zwei Events noch relativ züchtig absolviert hatte, kam dieser Knüller von Dress zum ersten Mal zum Einsatz. Gleichzeitig machten sich überhaupt zum ersten Mal ihrem Leben die klandestinen Selbstzweifel bemerkbar.
Diese hätten ihr um ein Haar die Freude über den Preis vergällt, aber sie war Profi genug, um das Ganze routiniert zu meistern. Marilyn sinnierte vorerst nicht an das Morgen und war glücklich mit dem Song, den sie so bravurös interpretiert hatte, und vor allem mit dem sensationellen Outfit, das sie gar nicht mehr ausziehen wollte.
Man merkt schon ein wenig die Überspanntheit, die jeder guten Künstlerin innewohnt – „Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt!“, das ist, wenn eine Person innerhalb kürzester Zeit zwischen extremer Euphorie und schwerer Niedergeschlagenheit wechselt. Jedenfalls, als Marilyn in ihre Villa irgendwo in Südkalifornien zurückkehrte, war es gegen Mitternacht und noch immer so heiß, dass sie ihr Kleid und das Hös’chen ablegte, um nackt im Pool zu schwimmen.
Sie dachte, während sie schwamm, an gar nichts – und ging es hin und her, bis sie erschöpft am Poolrand lag und sofort einnickte. Als sie erwachte, war heller Tag. Marilyn fröstele es plötzlich und sie marschierte in‘s Haus, um zu baden. Das möbelte sie etwas auf und sie bekam Lust auf ein ausgiebiges Frühstück: Sie nahm schwarzen Kaffee und ein Omelett mit Zwiebeln und Pilzen. Anschließend gab es Toast mit Butter und Marmelade und zum Drüberstreuen eine Zigarette – die Einzige innerhalb von vierundzwanzig Stunden.
Danach richtete sie sich her, obwohl sie gar nichts Besonderes vorhatte. Das übliche komplizierte Ritual, mit dem Schminkvorgang, der komplex war und einen gewissen Teil des Körpers umfasste. Dann folgte die Frisur, wobei sie mehrere Optionen hatte – gestern Nacht trug sie einen Ballerina-Knoten gewählt, eine Frisur, hochgesteckt und mit Haarnadeln befestigt, während sie heute mit einem Octopus Cut, das ist eine stark stufig geschnittene Frisur für Personen mit schulterlangen Haaren, schmückte.
Marilyn suchte in ihrem Kleiderschrank etwas zum Anziehen, nichts allzu Spektakuläres, weniger von der Art ihres „Premierenkleides“, sondern eher eine Idee Schlichteres. Zum Schluss blieben nur Jeans, eine üppige weiße Bluse und Sneakers übrig – gleichwohl sah an ihr alles gut aus.
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