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DIE ANWÄLTIN

Sie trug ihren Talar, einen weitärmeliges, knöchellanges Obergewand, das als Amtstracht von Juristen diente, voller Stolz, seit der Vater, der auch von der Profession war, sie damit ausstattete. Was darunter anhatte, blieb allerdings in den Tiefen des Kleidungsstücks verborgen – folgerichtig vermied sie die für Anwälte vorgesehene Garderobe, sondern es ging schnurstracks heim.

Was aber hatte Claribella Canavale, eine Wienerin mit italienischen Wurzeln, zu verbergen?

Unter der Robe hatte nämlich einen winzigen Slip an, und das war‘s dann schon wieder. Das half ihr, sich bei den Plädoyers voll zu konzentrieren, sagte sie jedenfalls. Abgesehen von einem riesigen Tattoo, das quer über ihren Rücken verlief und das nicht für die Öffentlichkeit bestimmt war: Es stellte einen nackten muskulösen Mann dar, den sie sich während ihrer Studienzeit bei einem Besäufnis stechen ließ.

Claribella konnte auch anders – wenn sie im Businessanzug für Damen antanzte, mit Weste und konservativer Unterwäsche. Sie hatte eine Vorbesprechung mit ihrem Mandanten, der wegen einer angeblicher Vergewaltigung in Untersuchungshaft einsaß. Wulfram Kirchdorfer war ein mieser Typ, das sah sie auf ersten Blick. Gleichwohl hatte er bestmögliche Verteidigung verdient – und dazu war sie ja da.

„Jetzt schildern Sie mir die fraglichen Vorgänge aus Ihrer Sicht!“ – „Was soll ich machen?“, der Delinquent schob seinen Kaugummi von der linken in die rechte Wange.

Die Verteidigung dieses Burschen würde zu einer echten Herausforderung werden, dachte Claribella bei sich. – „Wie nennen Dich Deine Kumpels?“, versuchte sie ein vertraulichen Ton anzuschlagen. – „Killer!“, gab Kirchdorfer zurück.

Sie war Einiges gewöhnt. – „Also schön – Killer, wie hat sich die ganze Sache abgespielt?“- „Ich hab‘ sie flachgelegt – aber sie wollte es so!“

Darauf würde die Canavale ihre Verteidigung aufbauen – auf dem unausgesprochenen Einverständnis. Sie trug den Talar, wo sie sich Extravaganzen leistete, wie das Plädoyer im speziellen Outfit (das von außen nicht sichtbar war, aber von innen Kraft verlieh) zu absolvieren.

Sie behandelte das Opfer der Vergewaltigung, Vera Weinberger, von vornherein mit Geringschätzung. – „Was haben Sie sich dabei gedacht, mit einem Typen wie diesem -“ – sie deutete auf den Angeklagten – „- mitzugehen. Sind ein leichtes Mädchen, vielleicht gar eine Prostituierte -“

Hier schaltete sich der Richter ein: „Frau Anwältin, mäßigen Sie sich!“

Claribella „mäßigte“ sich: „Aber ich würde mit diesem Kerl nicht mitgehen…“ – Vera sagte kleinlaut: „Aber er hat so nett ausgesehen!“

Damit wurde die Anklage abgewiesen. Jeder im Publikum wusste wieso – so viel Naivität stank zum Himmel. Die Canavale hatte ihr Naturtalent wieder unter Beweis gestellt, jeden Prozess für sich zu entscheiden. Aber ihr Geheimnis blieb unentdeckt.

Privat war sie ganz anders. Was unter dem Talar verborgen war, kam plötzlich zum Vorschein. Sie lief zuhause halbnackt herum oder, wenn es ihr beliebte, auch ganz nackt. Das Tattoo war in jedem Fall gut zu sehen.

Wenn ab und an ihr Freund, Yujiro Takahashi, vorbeischaute, musste er sich auch ausziehen, was ihm, als Japaner, nicht schwerfiel, denn sein Volk hatte ein entspanntes Verhältnis zur Blöße. Er hatte komischerweise in Wien Karriere gemacht unter dem ein Künstlernamen „Kaikan“, wo er Performance Art betrieb.

Er sang und tanzte nahezu hüllenlos, wobei er einen Fundoshi trug, einen Lendenschurz. Er wollte, dass Claribella sich ihm anschloss. Sie hatte das abgelehnt unter Hinweis auf Würde ihres Berufs.

„Was redest Du von Würde! Du trägst doch selbst nur inen Minislip unter Deinem Talar!“ – „Unter dem Talar, das ist der entscheidende Unterschied!“, sagte sie. – „In Deiner Freizeit kannst Du machen, was Du willst! Ich versteh‘ die Aufregung nicht!“

Die Canavale verstand die Aufregung selbst nicht so ganz, und so wagte sie es. Sie trat zusammen mit „Kaikan“ auf – ein Künstlername war rasch gefunden: „Izumi Ono“ durfte sie sich nennen, zumindest wenn sie musisch tätig war. Sie hatte eine Gesichtsmaske auf, damit die Leute gar nicht auf Idee kommen könnten, dass sie keine echte Japanerin war.

Ihren Vater, der nicht aufhörte, ihren Werdegang zu verfolgen, traf fast der Schlag. Er kaufte sich eine Eintrittskarte und musste, was er sich in seinen kühnsten Träumen vorzustellen möchte. Seine Tochter im Fundoshi, barbusig noch dazu, daran konnte auch Claribellas Maske nichts ändern – ihr Vater erkannte sie sofort, ihn konnte sie nicht täuschen.

Aber er war der Einzige im Publikum, der die Wahrheit kannte, und er nahm sein Wissen bald darauf mit in‘s Grab – aus Gram darüber, was aus Claribella geworden war.

„Izumi Ono“ trieb es nach dem Tod ihres Vaters – bei der Trauerfeier war sie wieder sittsam gekleidet war, selbst auf die konservative Unterwäsche hatte sie nicht vergessen – noch ärger, jetzt, wo jedes Korrektiv weggefallen war. Sie (die tatsächlich Claribella Canavale hieß) ließ sogar gelentlich das Höschen weg, niemals jedoch ihre Gesichtsmaske.

„The Masked Dancer“ war geboren – hinter diesem Titel fühlte sie sich wohler als bei „Izumi Ono“, da er nicht notwendigerweise insinuierte, dass sie unter falscher Flagge unterwegs war. Auch „Kaikan“ war mittlerweile obsolet.

Da kam Yujiro Takahashi mit einer neuen Idee daher – eine internationale Karriere!

Er schwärmte Claribella von Auftritten in Rom, im „Cica Cica Boom“, in Paris, im „Badaboum“, und London, im „Platinum Lace“, und zuletzt sogar in Las Vegas, im „Deja Vu Showgirls“, vor. Die Canavale ließ sich von den Namen blenden, gab spontan ihren Beruf auf und verzichtete darüberhinaus auf ihre Mitgliedschaft in der Anwaltskammer.

Ihr einziger Pluspunkt war die weitläufige Villa des Vaters mit ausgiebigen Grundbesitz, die sie geerbt und nunmehr an einen Scheich aus Saudi-Arabien vermietet hatte. Damit war ein Einkommen gesichert – Yujiro hatte nur kleine Mietwohnung besessen und einiges an Ersparten. Dann machten sich die Beiden in Richtung Rom auf – einer mehr als ungewissen Zukunft entgegen.

„Auf Euch haben wir schon dringend gewartet!“, sagten die Manager des „Cica Cica Boom“ zynisch. – „Jetzt sehen Sie einen Auszug aus unserem Programm einfach einmal an, bevor Sie urteilen!“ – „Na schön – aber rasch, wir haben nicht ewig Zeit!“

Claribella und Yujiro verständigen mit Blicken darauf, dass sie das Ende ihres Auftritts vorführen sollten. Nackte Tatsachen – den Managern fielen fast die Augen heraus. Sie wurden stante pede (wie man Rom sagt) engagiert. Nachdem Alle, die interessiert war, und das waren nicht Wenige – der Vorteil bestand darin, dass Männer und Frauen gleichermaßen die Aufführungen genießen konnten, während das bei normalen Striptease-Events doch nur Herren (und vereinzelt Damen, die lesbische Gefühle entwickelten) zum Zug kamen.

Das Programm war wochenlang ausverkauft. Die Manager rieben sich die Hände und gaben einen immer größeren Anteil des verfügbaren Kuchens an Claribella und Yujiro ab. Am Ende riefen die Manager ihre Kollegen vom „Badaboum“ an und sagten: „Wir haben da einen richtigen Blockbuster für Euch!“ – Und so traten „The Masked Dancer“ bald in Paris auf – ihr Ruf war den Beiden vorausgeeilt und dementsprechend wurden sie auch empfangen, in den einschlägigen Kreisen wohlgemerkt.

(under construction)