MALER UND MODELL
Veronique de Vernier war der vornehme Künstlername des Nacktmodells, ihr bürgerlicher Name war weniger spektakulär, deshalb verschwieg sie ihn gerne: Heike Ullmann. Für den Maler galt Ähnliches: Cajetan Curland war das Pseudonym des Malers, während sein richtiger Name weniger fulminant war: Otto Achleitner.
Veronique war überdurchschnittlich groß, während Cajetan ein Zwerg war – das hörte zwar nicht gerne, aber es entsprach den Tatsachen. Das hinderte ihn nicht beim Malen, wohl aber beim Sex, für den er sein Modell immer wieder begeistern wollte. Sie hatte stets abgewunken. – „Mein Freund ist ein Riese von fast zwei Metern Größe, und er befriedigt mich völlig! Sein Titel lautet: Alexander Freiherr von Zepharovich!“
„Und ich liebe ihn!“, fügte sie ergänzend hinzu.
Das bohrte sich bei Cajetan regelmäßig in‘s Herz, und sie machte das nicht einmal, sondern immer wieder. – „Dafür bist Du der bessere Künstler! Er ist nämlich total unbegabt! Du hast neuerdings das Exklusivrecht für meine hüllenlosen Bilder! Ich habe ihn gefragt – er hat nichts dagegen!“
Cajetan beschloss, sich auf subtile Weise zu rächen – er begann, sie wie ein Stück beliebiges Fleisch behandeln, er rüttelte barsch an ihr herum, nichts war ihm recht, er stellte ihren Fuß dahin und dorthin und er sorgte dafür, dass man ihr primäres Geschlechtsteil (um‘s einmal sozusagen) deutlich zu erkennen konnte. Das machte ihn ebenso an, wie wenn sie Beide tatsächlich gebumst hätten.
Der Freiherr platzte mitten in einer Sitzung herein. Cajetan mochte das gar nicht, aber Zepharovich hatte nur ein abfälliges Lächeln für ihn bereit. – „Also ist Deine Arbeitsstätte – ein bisschen heruntergekommen sieht‘s hier aus, aber wenn es Dir Spaß macht!“ – „Es macht mir Spaß, Du überheblicher Affe!“, sagte Veronika. – „Wir wollen doch nicht ordinär werden!“, erwiderte er.
Alexander machte es sich gemütlich. – „Beachtet mich gar nicht! Meister, walten Sie Ihres Amtes!“, sagte er zynisch, und dachte dabei: Du Zwerg!
Cajetan Curland lief zur Hochform auf, wenn es um seine Arbeit ging – da kannte er keinen Pardon. Selbst Zepharovich musste das neidlos anerkennen. Hier war ein wahres Genie unterwegs! Vergessen war seine zwergenhafte Gestalt, seine Korpulenz, sein schütteres Haar und sogar seine Hosenträger, mit deren Hilfe er die viel zu weiten Jeans hochhielt.
Cajetan beleuchtete die nackte Veronique von allen Seiten, um die schönsten Perspektiven herauszufinden. – „Ich möchte nicht einmischen!“, sagte Alexander. -„Das haben Sie bereits getan!“, erklärte Cajetan. „Womit kann ich Ihnen dienen?“ – Sein Sarkasmus war nicht zu überhören.
„Wenn ich etwas zu sagen hätte, und das äußere mit einer gewissen Berechtigung, da das Ganze hier finanziere, müssten Sie mir Fräulein de Vernier lasziver malen!“ – „Jetzt verstehen wir uns richtig – wollen wir Du zueinander sagen?“ – „Alexander!“ – „Cajetan!“
Veronique blickte mit Erstaunen auf das Schauspiel, das sich zeigte. Die Beiden hatten sie einfach stehengelassen bei dieser Verbrüderungsszene. Sie war irritiert – jetzt fehlte nur noch, dass sie in die Szene einbezogen wurde.
Und prompt – Alexander sagte zu Cajetan: „Willst Du meine Freundin ausprobieren?“ – Und darauf Cajetan: „Mit dem größten Vergnügen!“ – Veronique protestierte: „Ich bin doch kein Objekt!“ – Die Beiden waren sich einig: „Du bist unser allerliebstes Objekt!“
Einige Tage später, an jenem achtzehnten Oktober, war es dann so weit – Veronique erhörte Cajetan im Atelier, und da stellte sich heraus, dass er trotz seiner scheinbaren Plumpheit (er hatte seine Brille abgenommen, da sah er gleich viel netter aus) ein wesentlich zärtlicherer Liebhaber als der Freiherr. Dessenungeachtet wollte sie die rüdere Art Alexanders nicht missen und so kamen die Drei überein, dass sie eine „Ménage à trois“ probieren sollten.
Diskretion Ehrensache – die Drei wussten zwar notgedrungen voneinander, aber Veronique achtete streng darauf, dass Cajetan und Alexander in Liebesdingen nicht in die Quere kamen – sonst schon.
Der Freiherr hatte in dem Zusammenhang eine Idee – warum sollte er Veronique nicht endlich ehelichen, damit ihre Beziehung legitimiert war. Und auch für Cajetan stand in den Weiten des Anwesens ein Platz zur Verfügung – er sollte als „Haus- und Hofmaler“ seine Kunst ausüben. Auch für ein ungestörtes Tête-à-Tête war Raum (mit derselbigen Veronika).
Und so geschah‘s auch – nur dass das Mädel aufbegehrte, als es seinen Namen ablegen. – „Das ist in unseren Kreisen so üblich – alles Andere wäre ein Affront: Freifrau Veronique von Zepharovich! Es gibt üblere Schicksale!“
„Veronique de Vernier – sonst kann ich Dich nicht heiraten -“ – Er unterbrach sie schroff: „Heike Ullmann!“ – Sie nahm diese Information widerstandslos zur Kenntnis, fragte nicht erst, woher er das hatte. – „Genau, wie Cajetan Curland in Wahrheit Otto Achleitner heißt! Ich bin von lauter Tarnern und Täuschern umgeben!“, sagte er süffisant. „Während ich ein echter Freiherr bin!“
Die „Ménage à trois“ funktionierte lange gut, zumal Jeder der Drei für sich in Anspruch nahm, das große Los gezogen haben. Das traf in Wirklichkeit auf Veronique zu, denn sie konnte wählen – zwischen zärtlich und rüde. Denn Cajetan, der ursprünglich verhalten positiv, und später unleidlich gestimmt war, war – nachdem er sie herumgekriegt hatte, wenn auch in Form eines Dreiers – eine Seele von einem Mann, während Alexander in adeliger Unverblümtheit sozusagen mit der Tür in‘s „Schloss“ fiel.
(under construction)