IN HAC SPELUNCA…
Die Kinder, ein Bub und Mädchen, kamen ganz aufgeregt zu ihren Eltern. – „Wir haben in der Höhle etwas entdeckt!“ – „Ich habe Euch schon hundert Mal gesagt, dass Ihr die Höhle meiden sollt. Das ist zu gefährlich!“
Der Vater, Hannes Ableidinger, quittierte die Missachtung seines Verbots durch Marcus, seinen Sohn, mit einer Ohrfeige. Sonst erhob er niemals die Hand gegen seine Sprösslinge – aber er echt Angst vor der Höhle!
„Aber ich habe die Inschrift entdeckt – mir gebührt die Ohrfeige, nicht Marcus!“, sagte Franziska, die Tochter. Sie kam sich mit Elf schon richtig erwachsen vor, im Vergleich zu ihrem zehnjährigen Bruder.
„Welche Inschrift denn?“, erwiderte Hannes, plötzlich neugierig geworden in seinem Nebenberuf als Hobby-Archäologe, was bei seinem Hauptberuf als Finanzbeamter verständlich schien. Er begleitete seine Kinder, die Gefahr – die er übertrieben dargestellt hatte – mißachtend, in die Höhle bei Petronell-Carnuntum.
Und dann sahen sie es:
IN HAC SPELUNCA MYSTERIUM
CENT MAR COR TAURI CELATUR
Hannes ging mit aller gebotenen Vorsicht vor. Zunächst verständigte er eine professionelle Archäologin, die die weiteren Schritte koordinierte. Für’s Erste musste man die Nische behutsam öffnen, um dann auf eine Metallkiste zu stoßen. Der Inhalt waren Pergamente, die mit dem Calamus, dem römischen Schreibrohr, beschrieben waren. Dabei galt es mittels Konservierung zu gewährleisten, dass nicht alles zu Staub zerfiel.
Jenny Faschingbauer, die Archäologin, war gespannt auf eigentliche Thema. Sie sprach fließend Latein – daher legte sie umgehend los. Die Geschichte haute sie um, zumal die Story tief in die Vergangenheit – etwa zweitausend Jahre.
Da ging es um einen gewissen Centurio Marcus Cornelius Taurus, der in Carnuntum stationiert war. Auf einem Erkundungsgang, den er gemeinsam mit seinem Hund, einem Spitz, unternahm, bemerkte er ein ungewöhnliches Objekt, eine riesige Kugel, die drei Beinen ruhte. Da öffnete sich eine Luke – quasi wie eine Einladung zu kommen. Zu sehen war keine Menschenseele im Inneren des Dings.
Landarbeiter berichteten später, dass der Centurio – statt Hilfe beim Legaten (also seinem Vorgesetzten) zu holen – allein die Kugel betrat. Sein Spitz war vorausgelaufen. Die Luke schloss sich – und es (was immer es war) hob ab. Und war das Letzte, was man vom Centurio gehört hat.
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Er war aber nicht tot, wie man vielleicht annehmen könnte. Lassen wir ihm die Chance, selbst zu erzählen, was fürderhin geschehen ist. Die Kugel flog mit annähernd Lichtgeschwindigkeit dahin, wobei die Passagiere (der Centurio und sein Spitz) nichts davon mitbekamen. Die ausgereifte Technik des gigantischen Raumschiffs – und um ein solches handelte zweifellos – verhinderte dies.
Die Zivilisten unter den Bewohner und Bewohnerinnen des Habitats trugen Tunica, Toga, Pallium, die Militärangehörigen die übliche Uniform. Taurus fühlte sich wie daheim, und doch wieder nicht – umringt von Menschen, er nicht kannte. Wann würde je wieder in seiner vertrauten Umgebung aufwachen? War das alles ein böser Traum?
Einen Bewohner, er stellte sich als Lucius vor, traute er sich schließlich anzusprechen – aber er hatte nicht viel Hoffnung, dass es mit der Kommunikation so einfach werden würde. Aber zur Überraschung des Centurios sagte er flüssigem (wenn auch antiquiertem) Latein: „Domine, novus hic es? – Herr, Du bist neu hier?“
„E longinquo venio! – Ich komme von weit her!“ – „Canem tecum habes? – Du hast einen Hund mit Dir? Das ist ungewöhnlich. Normalerweise sind Hunde in Raumschiffen streng verboten.“
Dass Lucius in einem Raumschiff war, wusste er offensichtlich – und er wusste offensichtlich noch mehr: Bei seinen verstohlenen Rundgängen hatte er die geheime Kommandozentrale ausgekundschaftet, wo schemenhafte Schatten, die eindeutig nichtmenschlich waren, zugange schienen.
Der Centurio fasste sich ein Herz und klopfte (mit seinem Spitz) an die Tür der Einsatzleitung, womit er ein mittleres Erdbeben auslöste – die Schatten drängten sich auf die Seite des weitläufigen Raumes zusammen, was kein Wunder war, denn die Schatten stellten sich als esoterische Wesen dar. Der Spitz fuhr wild kläffend auf diese Wesen los, sodass sie sich immer stärker zusammenpferchten und am Ende starben.
Taurus analysierte mit militärischer Präzision seine Lage und kam darauf, dass die Wesen die Menschen (die als minderwertige Spezies betrachteten) nur dazu benutzt hatten, um das Raumschiff zu steuern. Denn das konnten sie nicht – sie konnten zwar kraft ihres Geistes die Apparatur zum Leben erwecken und Wirklichkeit werden zu lassen, aber mussten sich dieser primitiven Spezies bedienen, um die Menschen auf telepathischen Weg dazu zu bringen.
Der Centurio stoppte das Raumschiff und überbrachte Lucius und den übrigen Leuten die frohe Botschaft, dass sie frei sein würden und auf die Erde zurückkehren durften – nach fast zweitausendjährigen Sklaverei, die sie auf Grund der Zeitdilatation aufgrund relativer Bewegung solange durchgehalten haben.
Blieb noch die Frage aufzuklären, wieso die Schatten kurzfristig auf den Heimatplaneten von Taurus zurückgekehrt waren. Er vermutete als mögliche Ursache, dass der telepathische Hauptnavigator, der auf telepathische Weise funktionierte, ums Leben gekommen war. Und die Fremden hatten neuerlich die Erde aufgesucht, um den Centurio als neuen Steuermann zu holen.
Und das hatte ihnen – nicht zuletzt dank des Hundes – schlussendlich den Garaus gemacht…
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(under construction)