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DIE STRIPPERIN

Christina Ricci (Künstlername „Reziprok“) hatte einen Fimmel: Sie performte erst völlig nackt und zog sich dann langsam und aufreizend an – einen schwarzen Slip, einen ebensolchen BH, dazu halterlose Strümpfe, eine goldschimmernde Bluse und dunklen Rock und zuletzt ein dunkles Sakko.

Und so stand sie eine ganze Weile regungslos da und das Publikum hielt den Atem an und fragte sich, was da noch passieren würde – es geschah nichts. „Reziprok“ verschwand in den Tiefen der Bühne des Strip-Clubs. Und das passierte dreimal: um 9 Uhr abends (von der Ricci scherzhaft als „Kindervorstellung“ bezeichnet), um 12 Uhr nachts (wo sie noch relativ frisch war) und um 3 Uhr morgens (wo sie schon geschlaucht war).

Vor jeden dieser drei Termine musste sie sich einem Ganzkörper-Check unterziehen, wobei die spezielle Bronzefarbe zu erneuern war, ohne die die Figur flach und unbestimmt wirken würde. Dem Gesicht wurde dabei verstärkte Priorität eingeräumt, da die Schminke ausgebessert werden musste, der Lidstrich zu ergänzen und was da sonst zu vervollständigen war. Außerdem wurde die Frisur einer gründlichen Prüfung unterzogen werden. Dadurch, dass die Ricci „reziprok“ vorging, war der Eindruck möglicherweise beeinträchtigt.

Nach ihren Auftritten war sie derart aufgekratzt, dass sie lang nicht einschlafen konnte, obwohl sie todmüde war. Dementsprechend stand sie am erst späten Nachmittag auf und, nachdem sie jede Menge Kaffee in sich hineingeschüttet und sich eine Kleinigkeit essen gefertigt hatte, ging sie ihre Besorgungen zu machen. Nichts Aufregendes – die wenigen Lebensmittel, die sie brauchte, Kosmetika, manchmal Unterwäsche, die sie privat nutzte (das Bühnenoutfit wurde ihr vom Club zur Verfügung gestellt) und noch seltener ein fesches Kleid oder ein schicker Hosenanzug.

Und dann es ohnehin Zeit, ihre „Hacke“ (sie empfand es so) aufzusuchen, da sie eine Fülle von Vorarbeiten zu treffen hatte. Christina überlegte plötzlich, während sie ihre Präliminarien abspulte, bei sich, wie sie eigentlich zum Striptease gekommen war. Sie hatte einen guten Job bei einer Versicherung in Wien und eine ansehnliche Wohnung in Döbling inne – da musste schon ein hervorragendes Angebot (vor allem in finanzieller Hinsicht) herhalten, dass sie sich in derart obskure Niederungen begab.

Aber das Finanzielle war keineswegs der echte und urtümliche Grund dafür, dass sie in diese Niederungen aufbrach – sie fühlte sich dienstlich und persönlich unter ihren wahren Wert ihrer Schönheit verkauft. Das musste dringend behoben werden!

Und machte die Ricci diese umgekehrte Entkleidungsnummer, damit nur Jede und Jeder zeigte, wie es um sie bestellt war. Dabei konnte sie die Unterschiede in der Betrachtungsweise zwischen Frauen und Männern beobachten: während die weiblichen Zuschauer zunächst ihr tiefschwarzes Haar bewunderten, konzentrierten sich die männlichen gleich auf den rasierten, die Keuschheit betreffenden Punkto Punkti.

Christina wollte es Jeder und Jedem Recht machen, aber nur auf der Bühne – ihr Herz gehörte einem abgrundtief häßlichen Gesellen namens Theobald Schuhfried!

Er musste etwas Besonderes, etwas streng Geheimes aufweisen, dass sich eine Frau wie sie – talentiert und sexy – in diesen Typen vergaffte. Ganz werden wir dieses Phänomen nie aufklären können – wo die Liebe hinfällt (dagegen ist kein Kraut gewachsen, oder so ähnlich…). Dabei hatte sie Theobald bei ihrem ersten Kontakt als durchaus lächerlich empfunden.

Schuhfried musste sich komplett umstellen – so wurde aus der braven Versicherungsangestellten, als die er sie kennengelernt hatte, eine etwas anrüchigen Stripperin, als die ihm später gegenübertrat. Er musste seinen Zeitplan total adaptieren – er wollte Christina nicht verlieren, und so wurde aus dem tollpatschigen Beamten in der Sozialstelle der Gemeinde Wien, der etwas anrüchige Job als ‘Rausschmeißer beim Stripclub.

Theobald war kurzerhand in Christinas Wohnung gezogen – den neugierigen Nachbarn hatten die Beiden irgendeinen Bären aufgetischt von einer Nachtarbeit, die untertags nicht zu erledigen war. Sie glaubten zurecht, dass die „feunen“ Leute sich niemals in dieses Etablissement verirren würden.

Und dann ging‘s wieder weiter mit der Show. Mister T (wie Christina ihn neuerdings nannte – das passte auch besser zu seiner neuen Funktion) hatte stets ein Auge auf seine Partnerin. Da er sehr groß war, überblickte er die ganze Szenerie von seinem Arbeitsplatz an der Tür bis zur Bühne. Er war wie ausgewechselt – nun kam seine wahre Natur auch äußerlich zum Vorschein. Mit der Änderung der Bezeichnung (von Theobald auf „Mister T“) ließ er obendrein alle Hemmungen fallen.

Er hatte sie immerhin geheiratet – es war keine große Hochzeit, eher eine sehr bescheidene, mit dem Standesbeamten und ihnen Beiden, die absolute Minimalbesetzung bei dieser Zeremonie. Gleichwohl gingen sie dann essen, in‘s Café Landmann – sie hatte eine pinkfarbene Robe an, aus ihren reichhaltigen Fundus, er seinen besten Anzug, er hatte allerdings nur den einen. Aber die Ricci war gerührt – zum ersten Mal hatte ihr im Leben einen ernsthaften Antrag gemacht. Sie drückte sogar ein paar Tränen heraus.

Und sie goutierte anfangs auch, dass er seine häßliche Fratze zeigte. Dafür warf sie die letzten Reste ihrer Befangenheit über Bord – sie war ja jetzt unter der Haube, was sollte da schon schiefgehen. Zunächst hatten sie mindestens dreimal am Tag Beischlaf miteinander, später auch seltener.

Das reichte und Christina wurde schwanger. Nun hatten die Beiden nicht mehr viel Zeit, denn wer wollte eine schwangere Stripperin sahen, mit Ausnahme irgendwelcher Perverslinge. Dass Mister T auch ohne die Ricci weiterarbeitete, kam für ihn nicht in Frage, und kehrte er in seinen alten Job bei der Sozialstelle der Gemeinde Wien als Theobald Schuhfried zurück, und Christina blieb zuhause.

Sie hatten sich aus ihren früheren Tätigkeiten (besonders die Ricci als „Verkleidungskünstlerin“, aber auch Mister T hatte als ‘Rausschmeißer nicht schlecht verdient) gewisse Rücklagen angespart, sodass sie sich keine Sorgen zu machen brauchten. Christina, die bei „Mister T“ als Anrede für ihren Geliebten verblieb, genoss das „Dolce far niente“ in vollen Zügen. Die Schwangerschaft absolvierte sie mehrheitlich problemlos.

(under construction)