DAS ERSTAUNEN
Leonie Pilgram war mitten in ihrer Morgentoilette, als sie ein markerschütternder Schrei aufscheuchte. Von Mensch oder Tier oder was ganz Anderes (horribile dictu!). Sie konnte die Quelle zunächst nicht ausmachen, dann war sie sich einigermaßen sicher, dass es aus dem Weltraum kommen musste. Es klang so überirdisch!
Und da tauchten sie auch schon auf, drei schemenhafte Gestalten, die durch diese Schreie kommunizierten. Plötzlich verständigten sie sich in einem (wenn auch gebrochenen) Deutsch, dank des von ihnen entwickelten Sprachmoduls. Jetzt waren sie auch schärfer zu sehen – sie waren etwas größer als Leonie. Diese hatte in der Eile und Aufregung vergessen, dass sie ihnen halbnackt gegenübertrat.
„Was ficht Dich an? Wir komplett hüllenlos!“- Das war ihr bis jetzt nicht aufgefallen, da die „Besucher“ tiefschwarz waren – sonst sie erwiesen sich als menschenähnlich inklusive sekundäre und primäre Geschlechtsorgane.
„Was ficht Dich an? Wir komplett hüllenlos!“- Das war ihr bis jetzt nicht aufgefallen, da die „Besucher“ tiefschwarz waren – sonst sie erwiesen sich als menschenähnlich inklusive sekundäre und primäre Geschlechtsorgane.
Es stellte sich heraus, dass Leonie unverkennbar mit zwei Frauen konfrontiert war und einem Mann. – „Wir parkten unser Mini-Raumschiff gleich um‘s Eck – wo ruhiger ist! Wir suchen politisch Asyl!“ – „Das wird schwierig werden, weil die Stimmung aufgeheizt ist!“, erwiderte die Pilgram.
„Was bedeutet?“ – „Das bedeutet, dass es namentlich für Menschen mit dunkler Hautfarbe zunehmend problematisch wird! Je schwärzer, desto ablehnender!“ Leonie formulierte bewusst vorsichtig, um die Reisenden nicht zu verletzen. „Als Erstes müsst Ihr etwas Ordentliches anziehen – und hier beginnt bereits Euer Problem: meine Sachen werden Euch nicht passen. Aber das nützt alles nichts – es gibt nichts Anderes!“
„Werden zunächst Vorstellung: Mein Name – Piff, und meine Schwester – Paff, und unsere Cousine – Oiff! Wir fliehen von dort, von unserem Planeten – weil wir nicht mehr aushalten!“- „Da seid Ihr genau richtig!“, sagte Leonie zynisch. „Bei uns ist es präzise so! Viel Spaß! Da seid Ihr vom Regen in die Traufe gekommen!“
„Bedeutung?“
„Das nur so eine Redensart, die es offensichtlich nur bei uns gibt. Sie bedeutete, dass man von einer beschissenen Lage in eine andere ebenso beschissenene gerät!“
„???“
„Lassen wir es gut sein! Das Fazit ist, dass hier wie dort und anscheinend im gesamten Weltall so zugeht!“
Die Drei waren ratlos. Zumindest probierten sie die Klamotten, die ihnen Leonie hergerichtet hatte, an. Dabei stellte heraus, dass bei den Frauen Paff und Oiff diese (mit Nachsicht aller Taxen) passten – nur die Utensilien waren extrem kurz an den Beinen und platzten aus allen Nähten bei der Oberweite, aber es ging so. Bei Piff allerdings biss sich die Gastgeberin die Zähne aus und er sah direkt lächerlich: mit seinen Hochwasserhosen und viel zu kurzen Ärmeln. Der Mann war eine einzige Katastrophe.
Jetzt ging es darum, wie die Drei ihren Lebensunterhalt verdienen sollten. Offiziell waren – nach Meinung von Leonie – die Wege versperrt. Inoffiziell boten sich nur das Straßenkehren oder das Tellerwaschen – oder aber die Prostitution an. Da würden sie früher oder später nackt sein. Kleidung war Nebensache.
Piff, Paff und Oiff wurden zu Stars in den geheimen Clubs der Porno-Szene, zumal sie völlig andere Moralbegriffe hatten. So sehr sie öffentlich unter politischem Druck standen, privat schien es dort (in ihrer Heimatwelt) drunter und drüber zu gehen. Die Pilgram vermutete zurecht, dass sie überhaupt keine Moral hatten.
Umso mehr mussten die öffentlichen Restriktionen lückenlos durchgeführt werden und der dortige „Big Brother“ hatte im Ausmaß Formen erreicht, die das in Leonies Welt in Ansätzen vorhandene Größenordnung weit überstieg. Deswegen hatten sich Piff, Paff und Oiff auf den Weg gemacht, um festzustellen, dass überall das Gleiche passierte – wenn auch in diversen zeitlichen Abstufungen.
Die Drei wurden also zu Stars in den geheimen Clubs, da die hiesige Welt noch nicht so weit war, auf Moral verzichten – die „Aufführungen“ fanden folglich hinter verschlossenen Türen statt. Dort spielte es sich mehr als anstößig ab – das exklusive Publikum war zufrieden.
Piff, Paff und Oiff machten alles Mögliche und Unmögliche und Streng-Jugendverbotene, wobei als zusätzlicher Reiz die – für Mitteleuropa eher seltene – tiefschwarze Hautfarbe kam. Manche Zuschauerin beziehungsweise mancher Zuschauer mochten an Sklaverei denken, und tatsächlich gestatteten die Drei auch in diese Richtung Einiges – wobei nicht klar schien, ob sie bei der Tortur echte Schmerzen empfanden oder die ganze Sache gefaked war.
(under construction)