PATRICIA
„Pour un clip, je pourrais aller plus loin dans le sex…“, sagte Patricia Laurenzi in ihrer Herkunftssprache. Übersetzt heißt das: „Für ein Musikvideo könnte ich in Sachen Sex noch weiter gehen…“
Sie war schon eine flotte Biene, die bereits im Alter von Sieben, angeregt durch die Mutter, ihren Weg wusste. Sie hatte früher als gedacht ein dunkles rauchiges Timbre, das sich mittels Musikwettbewerben, die sie mehrheitlich gewann, mit der Zeit noch ausgeprägter wurde. Bis sie (im Alter von Achtzehn) jenen denkwürdigen selbstbewussten Ausspruch tätigte.
Mutter Laurenzi traf fast der Schlag, als sie diese Ansage hörte. Sie tat es aber als reinen P.R.-Gag ab – dabei war es Patricias blutiger Ernst.
Sie hatte ihr erstes komplett selbstständiges Album „Mademoiselle chante le blues“ fertiggestellt, da begann sie auch als Model zu arbeiten – zur Einstimmung als Mannequin für konventionelle Unterwäsche, dann, als sie einiges an Sicherheit gewonnen hatte (das heißt, sich frei und ungezwungen bewegte), verlegte sie sich auf‘s Künstlerische. Und da kam auch raffiniert eingesetzte Nacktheit in‘s Spiel. Von Stund‘ an hatte die Laurenzi zwei Karrieren zu beobachten.
Dass es dabei manchmal Drunter und Drüber ging, war nicht weiter verwunderlich, aber sie meisterte mit großer Bravour elegant, was auch ihrer jugendlichen Unbekümmertheit zuzuschreiben war. Dass dabei auch die Gefahr des Scheiterns bestand, nahm sie gar nicht wahr.
Ihr Freund, den sie sich im Alter von Zweizwanzig zugelegt hatte (und ich verwende den Begriff betont, um die Unabhängigkeit dieser Frau richtig darzustellen), war nicht begeistert davon, wie sehr die Dinge selbst in die Hand nahm. Das war ihr in der ersten Verliebtheit gar nicht aufgefallen: Clément Lefèvre war ein Macho, wie er im Buche stand – die Phase des Zurechtbiegens hatte bereits begonnen.
Clément hielt wenig bis gar nichts von der beginnenden Laufbahn Patricias im Musikgeschäft, und schon gar nichts vom unverhüllten Modelling. Sie pflaumten sich deshalb ständig an – bis auf immer seltener werdenden Gelegenheiten, wo die Beiden beim Sex schwiegen und außer einigen Lustschreien nichts zu hören war.
Patricia musste sich schleunigst von Clément trennen, sonst drohte ihr der totale Stillstand. Sie war nur mehr mit ihm beschäftigt und das war auf die Dauer unbefriedigend. Sie hatte Besseres zu tun. Da war es das Gescheiteste, einen klaren Schlussstrich zu ziehen – trotz erotischer Reminiszenzen. Lefèvre strampfte zwar, aber das nützte ihm nichts – sie blieb hart.
Es hatte sich eine einmalige Chance ergeben. Die Producerin von gewagten, aber immer noch ästhetischen Fotos, wie sie zum Beispiel im „Playboy“ erschienen, trat Patricia heran und sagte: „Ich will Ihnen die Perspektive eröffnen, frühzeitig Ihre Erfahrungen mit dem ersten Album bekanntzugeben – verbrämt mit verführerischen Bildern Ihrer Person! Sie sind doch eine wunderschöne Frau, was sollte Sie daran schon stören!“
Die Laurenzi stimmte zu und schloss einen Vertrag mit der Producerin Delphine Bernard, zumal sie ein neues Album plante, von dem bis jetzt nur eine Handvoll Eingeweihte wusste. „Scène de vie“ sollte es heißen und Patricias momentanes Lieblingslied enthalten: „Kennedy Rose“, und der Song handelte von Schicksal dieser Person.
Und ein wenig Publicity vorweg von anderer Seite (nämlich mit sexy Fotos, da kaum jemand die begleitenden Essays las) konnte nicht schaden. Aber zunächst galt es, den Artikel und die Bilder herzustellen. Die Text-Abhandlung war kein Problem, das bekamen die routinierten Redakteure schon hin. Aber die Fotos erwiesen sich durchaus als Herausforderung – die Laurenzi zeigte sich gegenüber dem Fotografen beratungsresistent.
Bis Delphine höchstpersönlich die Bilder machte (sie war ausgebildete Fotografin, wenn sie den Beruf gegenwärtig auch nicht ausübte) und da war es ganz anders – von Frau zu Frau verstanden sich die Beiden sofort. Die Producerin schlug Patricia vor, sich komplett im Intimbereich zu epilieren, sodass scheinbar der Eindruck eines neugeborenen Kindes entstand.
„Das ist es!“, rief die Laurenzi aus. Und ging sie aus sich heraus und ließ alles mit sich machen, die unglaublichsten Verrenkungen, zur Freude von Delphine, die heimliche Lesbierin war.
Als der „Playboy“ erschienen war, kaufte Patricia gleich hundert Stück davon, um sie ihren Freunden und Geschäftspartnern zukommen zu lassen – ein Exemplar (genannt das „Heilige“) behielt sie selbst. Clément Lefèvre bekam auch ein Exemplar. Er mochte sich daran begeilen oder sonst Irgendwas damit tun – am besten wäre es, wenn er es in den nächsten Papierkorb stecken würde und die Laurenzi vergäße.
Sie konzentrierte sich nunmehr voll auf die Vermarktung des neuen Albums. Das war bereits in Frankreich ein Riesenerfolg, später auch in Großbritannien und in Deutschland und noch später in den Vereinigten Staaten, in Kanada und in Japan (wo sie eine besonders begeisterte Fan-Gemeinde besaß). Als sie nach zwanzigmonatigen Reise – sie hatte praktisch ausschließlich aus dem Koffer gelebt – nach Paris zurückkehrte, litt sie unter einem Burnout.
Patricia hatte sich in ihre luxuriöse Wohnung im 16. Arrondissement zurückgezogen – das konnte sie sich jetzt leisten, nachdem sie früher in der Gegend von Pigalle logiert hatte. Bis auf einige Bedienstete (darunter ihren treuen Jacques) ließ an sich ‚ran – und natürlich Delphine, mit der sie mittlerweile eine Romanze teilte.
Delphine forderte nichts. Sie war einfach da und auch wieder nicht. Je nachdem: Wenn sie gebraucht wurde, war sie da, und sie nicht gebraucht wurde, zog sie sich zurück – lehrbuchmäßig. Da tat es Patricia in dieser Situation gut, wenn die Beiden in inniger Umarmung zusammen waren – oder eben nicht.
Und Jacques ertrug mit Gleichmut ihre Kapriolen (die übrigen Domestiken nahm sie übrigens kaum wahr). Da konnte es sein, dass die Laurenzi vollkommen angezogen und geschminkt wartete, bis ihr bevorzugter Butler erschien. Es konnte – das war in Mehrzahl der Fälle so – auch sie ihn in sämtlichen Stadien der Ausgezogenheit und ungeschminkt empfing. Vom Babydoll gleich nach dem Aufstehen, bis zum halbnackten Auftritt im Badezimmer oder der ganz nackten Performance wieder zurück im Schlafzimmer – in diesem Fall pflegte Jacques ihr einen Bademantel überzuwerfen und sie in rüden Worten den Weg in‘s Wohnzimmer zu zeigen.
Er wurde ansonsten nie laut, aber was zuviel, war zuviel. Patricia versuchte ihn zu besänftigen: „Leg‘ Dich doch zu mir! Ich garantiere Dir, dass Du ungeheure Wonnen erleben wirst!“
„Jetzt frühstücken Sie erst ‘mal, bevor Sie derartige Versprechungen abgeben!“ – Nach dem Frühstück sagte Patricia: „Ich bleibe heute im Bett!“ – „Ganz wie Sie belieben!“, erwiderte Jacques.
„Ruf‘ mir Delphine! Sie soll schleunigst zu mir kommen!“ – Und Delphine kam stante pede zu ihr. Als die Producerin vor ihr stand, forderte sie von ihr, sich langsam auszuziehen – Stück für Stück. Und Delphine kam Patricias Bitte nach und legte eine private Striptease-Vorstellung hin.
Und, nachdem sie Sex miteinander gehabt hatten, schlief die Laurenzi wie ein Baby. Die Bernard löste sich nach einer gewissen Zeit aus der Umarmung, zog sich wieder an und sagte zu Jacques: „Jetzt brauche ich einen Kaffee!“
Der Butler, der die Beiden heimlich beobachtet hatte – er war normalerweise kein Spanner, aber hier machte er eine Ausnahme -, so faszinierten sie ihn bei ihrem Liebesspiel.
Und ging es auf und ab, in Patricias Wechselbad der Gefühle. Bis sie nach ungefähr sechs Monaten eine energische Notbremse zog und das Burnout für beendet erklärte. Sie plante bereits ihr nächstes Album, „Je te dis vous“ sollte es heißen – Anklänge an frühere Beziehungen waren nicht von der Hand zu weisen. Aber das war endgültig vorbei – jetzt lebte sie in einer tiefgreifenden lesbischen Liaison mit Delphine.