DIE ZEHNTE LEGION
Der Optio Marcus Nobilior war sauer – er konnte in einem der vorgeschobenen Wachtürmen des Limes an der Nordgrenze des Römischen Reich Dienst tun, während ein Kollege, der eine Stelle bei der Prätorianergarde in Rom erwischt hatte, sich den Segnungen der Hauptstadt hingab, oder ein anderer Kollege, der in Aquiliea stationiert war, wenigstens die Vorteile dieser wichtigen Metropole genoss. Aber wie immer war Protektion war im Spiel gewesen – und er hatte keinen derartigen Pusher aufzuweisen.
Er hatte einzig die Gelegenheit, es bei seinen Kurzbesuchen in Carnuntum ordentlich krachen zu lassen, ein Gelage zu veranstalten und zum Abschuss eine billige Hure zu nehmen. Anschließend musste er in seinen Beobachtungstand zurückkehren, wo er mit fünf anderen Leidensgenossen (drei schliefen, während die restlichen auf Auslug waren) das Schicksal teilte.
Dem war auf jeden Fall eine andere Karriere vorausgesagt worden, ähnlich jener, die die zwei Kollegen durchmacht hatten – wenn er sich nicht an der Tochter seines damaligen Ausbildungskommandanten vergangen hätte. Dabei war sie sich nicht abgeneigt, aber nur nicht so schnell. Er wollte nicht warten und darum vergewaltigte er sie. Gleichwohl war Antonia ein hübsches Mädchen und Marcus konnte sich im Nachhang gar nicht erklären, was da in ihn gefahren war.
Der Kommandant wartete kaltblütig, bis seine Frau ihm grünes Licht gegeben hatte, in dem Sinne, dass kein Kind unterwegs war, und dann nahm er sich den Übeltäter vor. – „Ich werde Dich eigenhändig schleifen, bis Dir das Wasser im Arsch kocht.“
Die Ausbildung römischer Legionäre war intensiv und dauerte vier Monate. Die Rekruten absolvierten tägliche Märsche von 36 Kilometer mit 30 Kilogramm Ausrüstung sowie hartes Training im Schwertkampf (mit dem Gladius) und Holzspeeren. Zentral war der Lagerbau mit Spitzgraben und Schanzpfählen. Der Kommandant, sein Name war übrigens Aulus Licinius, tat alles dazu, um Marcus zusätzlich das Leben schwer zu machen – so ließ er ihn beispielsweise das tägliche Pensum auf 42 Kilometer ausweitete („Die Marathonstrecke!“, ätzte Aulus). Der Kommandant ging persönlich die letzten Paar Kilometer mit Marcus mit. Er war genauso lauferprobt wie sie seine Soldaten.
Nicht genug davon: Aulus dachte daran, die „Karriere“ des Delinquenten längerfristig zu zerstören, indem er ihm die Tour vermasselte. Er sorgte dafür, dass der Frevler nach Abschluss seiner Ausbildung in das finsterste Kaff namens Vindobona (zur Legio X Gemina), das noch unterhalb von Carnuntum firmierte, und wieder in einem Wachtturm nördlich der Donau, wo die Verhältnisse äußerst primitiv waren. Außerdem würde Marcus, vom Rang her betrachtet (dafür hatte der Kommandant gesorgt, dank seiner mannigfachen Verbindungen) nie mehr werden, als Optio. Das hatte mittlerweile erreicht.
Das hatte immerhin einem Vorteil – einmal im Monat konnte er sich das Vergnügen gönnen, in Carnuntum in der Therme zu baden und was die Stadt sonst noch für Abwechslungen bereithielt. Der Rest der Mini-Gruppe war von seinem Privileg ausgeschlossen, sie mussten zu Hause (im Beobachtungsstand) verbleiben, was gelegentlich zu gewissen Reibereien zwischen ihnen führte. Aber diese Querelen würden sie niemals vor dem Optio austragen, dafür hatten sie viel zu viel Respekt vor ihm – in Unkenntnis seiner Vorgeschichte.
Sie hatten ein Pferd im Stall – für überraschende Erkundungsritte in der Umgebung. Da trug es sich zu, dass Nobilior bei einem solchen Ritt gefangen gesetzt wurde. Die Markomannen hatten genauso ihre Spione wie die Römer. Diese sprachen perfekt Latein, sodass eine Verständigung möglich war. Wie groß war die Überraschung als Marcus von sich erklärte: „Mit meinen Landsleuten habe nichts mehr am Hut, seit sie mir so übel mitgespielt haben. Rache, das ist mein Begehr!“
Gefahr war insofern unterwegs, als rasch entschieden werden musste, ob es sich vielleicht um einen möglichen Doppelspion handelte, der sich bloß herausreden wollte, oder ob er wirklich der lang ersehnte Fang war. Eile war geboten, da wenn man Marcus glaubte, er ehebaldigst in seinen Wachtturm zurückkehren sollte, um seine Tätigkeit als Maulwurf aufzunehmen.
Markomannenkönig Marbod, der zufällig in der Nähe war, um seine Truppen zu inspizieren, sagte zu: „Wisse Römer, das ich eine Reihe von Jahren in der „Urbs“ gelebt habe – von Kaiser Augustus wohlgelitten. Dann hat er mir die Geschicke meines Volkes anvertraut, bis ich aus Expansionswillen die Seiten gewechselt. Ich weiß also, unter welchen Umständen ein Römer die Wahrheit sagt. Gehe hin und diene mir als Spitzel, die eigenen Leute auszuspionieren. Aber sei vorsichtig, meine Augen sind überall – ich weiß zum Beispiel den wahren Grund für Zerwürfnis mit dem Kommandanten!“
Abgesehen von den leichten Dämpfer seiner Euphorie, die ihm die letzte Bemerkung Marbods versetzt hatte, war er unterwegs in seinen „Stall“ – wie er ihn insgeheim nannte – mit einem gewissen Hochgefühl, dass er (als kleiner Optio „aus jenem finstersten Kaff“) sämtliche Karten in der Hang hielt, um all den Großkopferten im Römischen Reich in die Suppe zu spucken. Als erste Maßnahme zettelte er einen fingierten Aufstand mit ein paar markomannischen Reitern an.
Die eilig zu Hilfe gerufene Reiterei war ratlos, zumal sich die wenigen Eindringlinge bereits wieder zurückgezogen. Mittlerweile marschierte weiter im Osten das Hauptheer der Markomannen, mit ihrem König an der Spitze, ungehindert bis Aquileia, wo die Soldaten sich in vier Lagern festsetzten, die nach allen Regeln römischer Kriegskunst errichtet waren. Das war Marbods größtenteils militärischer Erfahrung zu verdanken, die er in seiner Jugend unter Römern verbracht hatte.
Da ihn ein stattliches Heer von 70.000 Mann Fußtruppen und 4000 Mann Reitertruppen begleitete, konnte auf die Schnelle kein annähernd starkes Truppenkontingent aufgestellt werden. Die Streitmacht der Römischen Armee war zwar unzweifelhaft zu ihrer Zeit die Größte der ganzen bekannten Welt – aber die Legionen waren friedenssichernd (im Sinne der „Pax Romana“) oder in Kämpfe fernab verstrickt. Wer hätte ahnen können, dass mitten im italischen Kernland sich ein derartiges Vakuum auftat.
Die Römer waren (im Gegensatz zu ihrem sonstigen Auftreten als große Macher) gezwungen, Kompromisse einzugehen. Dabei hatten die „Störenfriede“ durchaus bescheide Ansätze in Form von Römischen Bürgerrechten für die Notabeln des Markomannenreiches sowie Gold und Juwelen zur langfristigen Finanzierung eines auskömmlichen Militärs im Zuge eines Nichtangriffspaktes. Dass der Cheruskerfürst Arminius den Marbod als „Vaterlandsverräter“, der sich den Römern anbiedere, geschmäht habe, beeindruckte den König ziemlich wenig – er hatte seine Schäfchen im Trockenen. Er führte den Handel zwischen seinem Territorium und Rom zu ungeahnter Blüte empor.
Der Optio hatte längst seinen Abschied genommen, und vergnügte sich – reich beschenkt durch den König, als der sich nicht lumpen ließ – in Marobudum, der Hauptstadt der Markomannen, mit einer der zahlreichen Prinzessinnen, die es mit der Moral nicht so genau nahm und ganz unprinzessinnenhaft herumhurte. Da war sie bei Marcus Nobilior in besten Händen – er hatte es bis jetzt nur mit Prostituierten zu tun, und auch das bürgerliche Zwischenspiel mit Antonia war nicht ganz „friktionsfrei“ verlaufen.
Fritigil, die Prinzessin, war aus einem anderen Holz geschnitzt. Sie hatte sich einen Weg zurechtgelegt, „Tampons“, getränkt mit sauren Substanzen (Essig, Honig, Alaun), in die Scheide einzuführen. Damit konnte sie ihrem Geschlechtstrieb ungehindert ausleben – und wenn etwas schief lief, waren über 200 Abortiva bekannt.
Marbod hatte es längst aufgegeben, seine spezielle Tochter disziplinieren zu wollen – er ließ ihr einfach freie Hand, wenn sie weiter nicht auffiel. Aber das war das Problem, sie trieb es öffentlich mit Marcus und seinen neugewonnenen zweifelhaften Freunden wild durcheinander – es war aus der Sicht des Königs ein Zeichen der Hoffnungslosigkeit.
Dabei fühlten sich die „Gesetzlosen“ durchaus wohl in ihrer Haut. Die zweifelhaften Freunde nahmen an Zahl zu – das wuchs sich aus. Fritigil schaffte sie alle zu befriedigen! Nobilior hatte sie schon lange im Verdacht, nymphomanisch veranlagt zu sein!
Da hatte Marbod die an sich naheliegende Idee (nur musste sie einmal geboren werden) der Verlegung aus der Stadt auf‘s Land, was in der Regel in diesen Breiten bedeutete – in die Wildnis. Dem Pulk schlossen sich einige Frauen an, die das Stadtleben überdrüssig fanden – sie wussten nur nicht, was sie da draußen erwartete. Harte und beschwerliche Arbeit, sozusagen „Rock-bottom“. Da würden ihnen die Flausen schon vergehen, hoffte der König. Einfach gedacht – aber das war nur die halbe Wahrheit.
Bei all den Strapazen, Plackereien und Mühen gewahrten Fritigil und ihre Freunde (neuerdings auch Freundinnen) die Chance für gefahrlosen Sex fernab von bewohnten Gebiet. So vögelten sie in ihrer Freizeit still vor sich hin, ja, sie hatten sich auf eine geruhsamere Variante verständigt – selbst die Prinzessin ging es gemächlich an, nachdem sie sich ihre Hörner abzustoßen glaubte. Sie begann sogar etwas wie Liebe für Marcus zu empfinden – obwohl mit dieser Emotion nicht umzugehen wusste. Sie hatte bis dahin ihr Geschlechtsleben mehr als einfach gestaltet – ein rascher Fick mit tunlichst ständig wechselnden Partnern war das Höchste der Gefühle gewesen.
Mittlerweile hatte der König zunehmend Stress mit dem Cheruskerfürsten Arminius, der ihm nicht von der Pelle rückte. Mehr noch – der Fürst, der sich durch die Varusschlacht (in der ein Achtel des römischen Gesamtheeres vernichtet wurde) bleibenden Ruhm verschafft hatte – drängte umso mehr auf eine Lösung des „Marbod-Problems“, worunter die endgültige Entfernung des Betreffenden und seines Klüngels verstanden war beziehungsweise sein sollte.
Dabei ließ Arminius sogar Gnade walten, so schien es ihm, indem er Marbod freies Geleit in das Römische Reich („zu Deinen Freunden“) anbot. Und machte sich eines Tages zur vereinbarten Stunde der Clan, inklusive aller Prinzen und Prinzessinnen auf den Weg – nur ein Prinz blieb in Gewahrsam des Fürsten zurück, als Geisel streng bewacht. Das hatte sich der Cherusker ausbedungen – da gab es nichts daran zu rütteln.
Fritigil wurde aus ihrer Wildnis herausgeholt und schloss sich notgedrungen dem Zug in den Süden an – und da war da auch Marcus. Das Sagen hatte Catualda, der nunmehrige Machthaber im bisherigen Marbodsreich (in Vertretung des Arminius). Catualda wollte ihn aus naheliegendem Anlass nicht haben – und in seiner Heimat erwartete ihn ein Hochverratsprozess, mit ungewissen Ausgang. Eine Verbannung war wahrscheinlich – vielleicht sogar die Todesstrafe.
Kaiser Augustus, der mittlerweile verschieden war und der stets ein offenes Ohr für die Anliegen von Marbod gehabt hatte (obwohl dieser zwischenzeitlich die Seiten wechselte, aber er hatte einen Narren an ihm gefressen). Ganz anders gestrickt war der Kaiser Tiberius – bei ihm biss der Ex-König auf Granit, als er aus sentimentalen Gründen das weitere Schicksal von Marcus Nobilior auf‘s Tapet brachte. Tiberius verbannte den früheren Optio ohne Federlesen an den Pontus Euxinus (heute als Schwarzes Meer bekannt).
(under construction)