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REBEKKA, DIE TÄNZERIN

Clemens Pirker war zufrieden – als Direktor eines Maschinenbauunternehmens war er wohlbestallt und über jeden Zweifel erhaben. Er leistete sich eine Extravaganz!

Er hatte sich nämlich als Ehefrau eine Tänzerin zugelegt, was an sich nichts Besonderes war, wenn sie nicht aus dem klassischen Fach gelegentlich Ausflüge in ein mehr bodenständiges Gebiet unternahm – dem Striptease. Pirker versuchte erst gar nicht, sie aufzuhalten – das war ihr okkasionell wichtig. Und da Rebekka Morina in der traditionellen Sparte große Erfolge feierte, hatte er keinen Anlass, dass er ihr bei ihrem Steckenpferd dreinredete.

Zumal selbst ihr Striptease eine gewisse ästhetische Komponente aufwies. Am Ende stand sie dessenungeachtet nackt da, was das Ziel eines jeden Entkleidungstanzes ist – und zwar splitterfasernackt. Das Etablissement, in dem sie auftrat, gehörte zu der weniger gut Beleumundeten der Branche, sonst hätte Rebekka wenigstens ihren Slip anbehalten. So aber zeigte in der gesamten Pracht ihres Körpers.

Dieser hatte nicht eben die landläufige Gestalt einer konservativen Tänzerin – die vorne und hinten wie ein Brett war. Sie machte das durch Kraft wieder wett – was ihr insbesondere beim Spitzentanz mitunter schwerfiel. Aber sie schaffte das zunehmend locker, was zu ihrem unverwechselbaren Ruf beitrug und ihre Karriere begründete.

Pirker war wie gesagt zufrieden – mit der einen Hälfte ihrer Laufbahn sowieso, und der anderen Hälfte hatte er sich anzufreunden gelernt. Er ging regelmäßig in die Vorstellungen klassischer Kunst (da hatte er einen Smoking an) ebenso wie in die Stripteaseperformances (wo er legerer gewandet war). Er akzeptierte, dass sie unter dem gleichen Label „Rebekka Morina“ firmierte. Das Publikum sollte nur wissen, dass es mit ein und derselben Figur zu tun hatte.

Der Direktor war rundherum angetan von seiner Tänzerin, sowie sie nun einmal war – außergewöhnlich und einzigartig und unnachahmlich, eine fertige Persönlichkeit eben, die sich von nichts und niemanden von ihren Weg abbringen ließ. Und genau deshalb liebte er sie.

Er liebte auch seinen Beruf – Maschinen waren (abgesehen von seiner Ehefrau) die zweite große Leidenschaft in seinem Leben, wobei der Begriff „Maschinen“ die pure Untertreibung darstellte. Die Firma baute nämlich Androiden beziehungsweise Gynoiden – diese menschenähnlichen Gebilde beiderlei Geschlechts waren relativ ausgereift. Und Clemens Pirker (als Gründer des Unternehmens) war die „Seele der Gesellschaft“, bei der alle kreativen Funktionen zusammenliefen.

Er sprühte vor neuen Ideen, die ihm fallweise im Schlaf kamen (wenn er nicht mit seiner Frau beschäftigt war). Die Balance zwischen der Morina und seinen sozusagen dienstlichen Interessen musste aufrechterhalten werden. Dabei trat der banale Aspekt der Entkleidungsvorführung vor Publikum immer stärker in den Vordergrund, wobei es stetsfort wilder zuging – Rebekka war in ihrem Element inmitten von hechelnden Männern (hechelnde Ladys waren nur vereinzelt dabei) und ihr Ehegemahl mittendrin in der Meute. Es blieb nur die Genugtuung, dass daheim im stillen Kämmerlein der endgültige Vollzug stattfinden würde, und der war in der aufgeheizten Stimmung nicht ohne.

Dann wurde – am nächsten Tag – wieder die seriöse Karte gezogen. „Romeo und Julia“, nach William Shakespeare, ist bekanntlich das längste und bekannteste Ballett von Sergei Prokofjew und gilt allgemein als dessen bedeutendster Beitrag zur Gattung. Rebekka spielte die Rolle der Lady Capulet, eine große Partie, wenn auch nicht die Figur der Julia, die in ihren Augen mehr hergab. Sie beschloss, daran zu arbeiten, und sei es mit unsauberen Mitteln.

Zunächst galt es aber, die aktuelle Vorstellung abzuwickeln. Sie hatte sich ein Kostüm ausgesucht (die zwei wesentlichen weiblichen Chargen durften das), das ein knappes Bustier mit einem ebenso knappen Hös’chen korrespondierte. Dazu kam ein raffiniertes Volant, ein angesetzter, meist kreisrund geschnittener Stoffstreifen, mit dessen Hilfe sie die Konkurrenz auszuschlagen hoffte. Aber weit gefehlt – die Darstellerin der Julia hatte auf jegliches schmückende Beiwerk verzichtet und trat praktisch halbnackt auf. Rebekka fühlte sich fatal an ihre Stripteasenummer erinnert. Das hatte in einer ernstzunehmenden Darbietung nicht das Geringste zu tun. Dabei vergaß sie ganz, dass sie ebenso gehandelt hätte – nur nicht so weitgehend.

Die Performance lief ansonsten ganz glatt über die Bühne und führte zum fast schon selbstverständlichen Erfolg. Rebekka konnte sich über den gemeinsamen Sieg der Truppe nicht so kolossal freuen – dabei hatte ihr die Akteurin der Julia (ihr Name war übrigens Julia – nomen est omen – Solomon) herzlich zu ihrer Leistung gratuliert. Aber die Morina war zunehmend vom Gedanken besessen, dass sie die Hauptrolle spielen sollte. Sie behielt allerdings die Idee vorläufig noch für sich.

Währenddessen hatte Clemens Pirker – nach dem übliche Premieren-Gemetzel, bei dem er selbstredend anwesend war (wohlgemerkt körperlich, sein Geist schon wieder auf Reisen) – das Konzept für einen Gynoiden entwickelt, der „Rebekka“ hieß und nur einmal vorkam.

(under construction)