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DER STUDENT

Benedikt Einwögerer war das, was man einen fleißigen Studenten bezeichnet. Er kam immer wohlvorbereitet in Vorlesungen und Seminare und hatte stets schon den nächsten Lernstoff parat. Er studierte Mathematik und Geografie und war der erklärte Lieblingsschüler seiner Professorin für „Höhere Mathematik“ namens Roberta Xavier. Sie war doppelt so alt wie Benedikt – was momentan keine Rolle zu spielen hatte. Aber es sei nur erwähnt.

Er hatte auch – wie jedermann – eine dunkle Seite, von der Roberta nichts wusste. Er trat in einem der angesagtesten Clubs der Stadt auf, eine Exklusivität, die nicht verhinderte, dass er sich bis auf den letzten Faden ausziehen musste – mit dem ständigen Stress, dass sein Wunderhorn, wie es sollte, natürlich reagierte. Sein Künstlername war Tecumseh (auf Deutsch Sternschnuppe)!

Und dann, von Montag bis Freitag, war wieder der brave Student, der besonders willfährig und fügsam ihre Anweisungen befolgte, dass es seiner Professorin manchmal direkt unheimlich war. Das hatte mit seinem zweiten Beruf zu tun, wo er auch widerstandslos die Befehle der Ladys befolgen musste – da gab es keinerlei Pardon. Wenn er bei dieser Tätigkeit den leisesten Versuch wagen sollte, gegen die Frauen aufzubegehren, hätten diese ihn vor die Tür gesetzt. Es gab genügend Ersatz für ihn – Männer, die das auch einmal ausprobieren wollten.

Und so war er auch sonst ein äußerst zahmer Geselle – wo er mit seiner zweifellos vorhandenen Aggressivität landete, blieb ein Rätsel. Sei denn, wie dem sei – er war lammfromm. Er begann, sich in Roberta (er nannte sie längst so) schrittweise zu verlieben – und zwar unsterblich, wie man so schön sagt. Er las ihr jeden Wunsch von den Augen ab, noch bevor sie eine Bitte formulierte. Es war unter der Kollegenschaft (unter den Studierenden) bereits der Lächerlichkeit preisgegeben – Schleimer, das war noch die geringste Beleidigung, die zu hören war, auch Arschkriecher war zu vernehmen.

Bis Roberta ihrem Ehegespons Oliver Xavier zum Geburtstag eine extravagante Überraschung bereiten wollte. Sie lud ihn nämlich in den bewussten angesagten Club ein, wo vornehmlich Damen auftraten, aber zum Drüberstreuen auch eine Handvoll Kerle, und einer davon war Benedikt Einwögerer. Die Xavier erkannte ihn sofort, obwohl er unter Tecumseh firmierte und sich vor ihrem Scharfblick entblätterte, bis nichts mehr zum Ablegen da war.

Sie sagte (im stummen Einverständnis mit Benedikt) nichts, war aber hochgradig aufgewühlt und fiebrig durch seine Erscheinung, wie er da so nackt vor ihr stand, mit hoch aufgerichteten Penis, in einiger Entfernung freilich, doch auch so noch gut erkennbar. Sie war vollständig erschlagen von dem Anblick, dass sie fürderhin nicht reagierte, vor allem bei ihrem Partner, der das früher oder später mitbekam und dementsprechend sauer auf sie war – nicht wegen des Anlasses, den er nicht kannte.

Oliver sagte: „Wenn Du mit mir nicht mehr reden magst, ist es das Beste, wir gehen jetzt!“ – „Ja, geh‘ Du nur!“, erwiderte Roberta gedankenlos.

„Und das an meinem Geburtstag!“ – Sie bekam das schon nicht mehr mit, und Oliver zog ab. Da er ein moderner Mann war (zumindest bildete er sich das ein), war er eher besorgt. Wird sich wieder beruhigen, dachte er. Da ihm jegliches gluckenhaftes Verhalten fehlte (Stichwort: moderner Mann), ging er nach Hause.

Roberta aber ging in Benedikts winzige Garderobe. Er hatte sich einen Bademantel übergeworfen und wartete die Dinge ab, die sie ihm gleich an den Kopf werfen würde. Aber weit gefehlt, sie sagte: „Dein -“ – in der Universität herrschte ein legerer Tonfall vor – „- aufgerichteter Penis spricht Bände für mich. Na schön, Du begehrst mich, daran kann ich nichts ändern, und dagegen ist auch gar nichts einzuwenden. Es sei mir gestattet zuzugeben, dass Du mir körperlich ebenfalls nicht völlig gleichgültig bist – die geistige Übereinstimmung ist sowieso evident. Aber das war‘s dann auch gewesen sein! Was Du im Club, den ich übrigens künftig nicht mehr betreten werde, machst und ob Du mich als Wichsvorlage (verzeih‘ das harte Wort) benützen willst, sei es Dir unbenommen! Ich muss davon nichts wissen!“

Nach dieser langen Rede empfahl sie umgehend und kehrte wieder heim zu ihrem Mann, dem sie umfassende Erklärung schuldig war, so dachte sie jedenfalls. Oliver nahm es nonchalant, wie es seine Art war: „Wenn Andere Dich attraktiv finden, gereicht mir das zur Ehre!“

Und das Leben lief wieder seinen gewohnten Gang, zumindest für ihn – Roberta war sich da nicht so sicher. Benedikt ließ nämlich nicht locker, sowie das Eis in seinen Augen gebrochen war. Und seine Möchte-gern-Geliebte konnte nichts anderes mehr denken als an seinen ausgefahrenen Schwanz. Sie erwischte sich dabei, als alle Studentinnen und Studenten (darunter auch Einwögerer) über einem Test brüteten, den entsprechenden Teil in Benedikts Hose aufzusuchen und sich dabei vorzustellen, wie das Objekt zu einer ungeheuren Größe anwuchs.

Das konnte nicht ewig so weitergehen – entweder strebte es seiner Erfüllung zu oder Roberta durfte die Sache vergessen, sie musste sich einen anderen Lehrstuhl suchen. Gottlob gab es zwei davon – „Höhere Mathematik I und II“, von denen der zweite gerade vakant war. Warum aber sollte sie sich Ganze wirklich antun – die Umstellung an sich, die neuen Leute, die geänderten Umstände.

Kurz hatte sie überlegt, künftig zweigleisig zu fahren, doch das lag ihr nicht. Es war gescheiter, sie trennte sich friedlich von ihrem Ehemann, und wandte aktiv sich Benedikts Avancen zu, derer sich sie ebenso sicher sein konnte wie von ihrem Gatten. Sie sagte einfach „Tschüss“ zu ihm – er würde das schon verstehen. Eine fünfzehnjährige Beziehung war Mir-nichts-dir-nichts ihr Ende gefunden. Roberta war auf der einen Seite komplett verrückt – aber auf anderen Seite war sie leidenschaftlich und unsinnig verliebt in ihren neuen Freund. Altersunterschiede spielten plötzlich keine Rolle mehr…

Es hatte bereits einen Rüffel von Rektor der Universität gegeben, der akkumulativ mit der Xavier unzufrieden war. Er riet ihr dringend, ihr Privatleben wieder in Ordnung zu bringen – er kannte Oliver Xavier, selbstverständlich, denn dieser war der Hauptsponsor eines geheimen Projekts namens „The Glow“, das so vertraulich war, dass selbst sein Name diskret zu sein schien. Roberta wusste von alledem nichts.

„Meine Frau hat mich kürzlich verlassen!“ – „Das ist einerseits gut, denn dann kann sie uns nicht verraten! Sind Sie sicher, dass sie nicht doch etwas weiß?“, sagte der Rektor. – „Vollkommen sicher!“ – „Denn sonst müssten wir Roberta töten!“

Die Kaltschnäuzigkeit, mit der Oliver von seiner nunmehrigen Ex-Frau sprach, ließ tief blicken. Er hatte sie vor fünfzehn Jahren nur deshalb geheiratet, um ein gefälliges Alibi haben. Eine Professorin für Mathematik – was gab‘s Unverfänglicheres als sie, knochentrocken bis zum Geht-nicht-mehr. Als sie Oliver zu seinem Geburtstag einlud, sie in den Club zu begleiten, ahnten sie beide nicht, wie sich die Dinge dramatisch entwickeln würden – ein Student, der aufreizend strippte und zugleich harmlos in Robertas Seminaren saß, etwas Queereres konnte man sich kaum vorstellen.

Da wusste Oliver, dass er die Reissleine ziehen musste. Es war ihm eine große Erleichterung, dass Roberta ihm die Entscheidung darüber quasi abgenommen hatte. Er musste nur das „Tschüss“ scheinbar zähneknirschend akzeptieren. Es war ihm eine große Erleichterung, das ihm die Entscheidung darüber abgenommen wurde. Dann war er seine Frau los, ohne weiteres Aufsehen. Er hatte sie offiziell gegen einen Jüngeren verloren.

Der Jüngere himmelte Roberta an, trotz seines „Zweitberufs“, indem er weniger zimperlich sein durfte, ja, er ging richtig aus sich heraus bei den Damen, die auch nicht zimperlich waren. Wenn eine Frau in ein derartiges Etablissement besuchte, dann funktionierte sie einer bestimmten Weise, dann sprengte sie jede Grenze, hemmungslos und empathielos. Und er machte da mit, ebenso hemmungslos und empathielos, wie die Xavier bei ihren nunmehr regelmäßigen Besuchen (die sie entgegen früheren Ankündigungen absolvierte) herausfand.

Sie hatte Benedikt Einwögerer völlig falsch eingeschätzt, als Einen, der kein Wässerchen trüben konnte, harmlos und ungefährlich, fast ein wenig naiv. Es gab aber noch einen anderen Benedikt – skrupellos, perfide, diabolisch. Er war ein bisschen schizophren – das war er!

Das war für die nüchtere Mathematikerin in ihr schwer zu ertragen. Sie war gewohnt, Fakten sprechen zu lassen. In ihrer Vorlesung „Wahrscheinlichkeitsrechnung“ hieß es bei den Grundlagen zum Beispiel: Die Eigenschaften, dass sich…
• die relative Häufigkeit für ein Merkmal in einer statistischen Untersuchung in einen immer größer werdenden Stichprobenraum einem festen Wert nähert und
• dieser experimentelle Wert als ein Maß für die Chance für das Eintreten dieses Merkmals betrachtet werden kann führt dazu, die relative Häufigkeit als Schötzwert der Wahrscheinlichkeit des betreffenden Merkmals aufzufassen.

Roberta wollte (abgesehen von der „Höheren Mathematik“. wie sie an der Universität gepflogen wurde) ihm immerhin die Chance geben, auch seinen – dunklen – Teil der Materie, bei dem nicht so logisch zuging, zu verstehen. Da hatten schon zwei- oder dreimal miteinander geschlafen – es war eine Offenbarung gegenüber Oliver, bei dem sie in der Tat nicht warm geworden war. Folgerichtig setzte sie sich an dem Wochenenden in das Publikum und sah für‘s Erste den Geschehnissen zu – da war für jede und jeden etwas dabei. Die Herren stillten ihre Lust mit weiblichen Striptease-Tänzerinnen beziehungsweise die Damen mit ihren männlichen Pendants.

Dann bekam sie Lust, das Ganze im stillen Kämmerlein zu probieren. Das komplett schief – die ungelenken Bewegungen, die sie vollführte, waren zutiefst lächerlich. Aber es war ihr erster Versuch – sie gab so schnell nicht auf. Es hatte sie der Ehrgeiz gepackt, dass sie genauso gut sein würde, wie jede Profi-Stripperin. Und sie schaffte mit der Zeit, sich gepflegt auszuziehen – nur wenn sie komplett nackt und es wahrhaftig zur Sache gehen sollte, verließ sie regelmäßig der Mut und sie gab auf.

Sie fragte ihre potenziellen Kolleginnen aus, mit aller gebotenen Vorsicht, und auch nicht alle, wie es ihnen gelungen war, ihr natürliches Schamgefühl zu überwinden.

„Das setzte Übung voraus, und eiserne Disziplin!“, lachten die Genossinnen. „Du musst Dich selbst überwinden!“

Und kam es, sie, die renommierte Professorin, trat eines Tages als Stripteasetänzerin unter dem Künstlernamen „Fleur“ auf, nachdem sie die erforderlichen Formalitäten geregelt hatte. Benedikt Einwögerer erfuhr erst ganz zuletzt, als sie die Premiere feierte, von ihrem Auftritt…