DER TRANSVESTIT
Owen Wells zog sich seit jeher gerne als Frau an. Das faszinierte ihn, obwohl es nicht ungefährlich war – selbst in seinem Heimatland England, wo spleenige Menschen nicht gerade selten waren. Das galt aber nicht für seine Schulzeit, wo verbale Attacken gang und gäbe waren. Mit zunehmenden Alter nahmen persönliche Übergriffe zu. So war es in den Pausen üblich geworden, dass Owen quer über einen Tisch festgezurrt lag, völlig entblößt, während ihm die Kollegen mit dem Kugelschreiber geheimnisvolle Zeichen auf den Bauch und auf die Genitalien aufmalten.
Seine Kolleginnen wollten sich ausschütten vor Lachen – besonders als sie sahen, dass er einen Damen-Tanga anhatte. Er hatte gar nichts Anderes als Unterwäsche, dass er in alle Zukunft zur Erlustigung der Meute beitragen würde. Er hatte in den Augen seiner Mitschüler nichts anderes verdient als blanke Verachtung und Erniedrigung. Anders wurde es nach dem Ende der Schulzeit an der Universität, wo es anonymer zuging.
Hier traf Wells privat auf gleichgesinnte Transvestiten – er nannte sich als Frau „Bunny Fantasy“, statt des faden Owen Wells. Das für ihn entschieden besser – außerdem regte es seine Vorstellungskraft an.
Was machten die Cross-Dresser eigentlich bei ihren mehr oder weniger regelmäßigen Zusammenkünften? Nun, sie beschäftigen sich mit ganz normalen Themen – nur dass sie halt auf Mode größten Wert legten. Ständig kam einer von Ihnen mit neuen Looks daher und sie probierten die jeweils aktuellen Stile wechselseitig an.
Das Größte war, wenn sie von ihren Erlebnissen mit anderen Männern berichteten, die sie – als verkleidete Frau – gehabt hatten. „Bunny Fantasy“ studierte beispielsweise die Burschen analytisch und nüchtern – da war er mit großem Abstand die richtige Person dafür. Er konnte sich wahrhaftig in jedes weibliche Wesen hineindenken. Das hatte ihm die Natur mitgegeben – war er in Wirklichkeit transgeschlechtlich, wie Manche aus der Community vermuteten?
Keineswegs – sein Transvestitismus ist keine sexuelle Orientierung. Das Phänomen hat nichts mit dem Begehren nach dem anderen Geschlecht zu tun. „Bunny Fantasy“ regte auch die Fantasie der Männer an, die sich plötzlich zivilisiert gaben. Bis er sich in seiner unendlichen Güte herabließ, mit Einem von ihnen – der ihm besonders sympathisch war – eine Art Verhältnis zu beginnen, das aber nicht homoerotisch war, sondern in der Form des Striptease, mit bloßen Andeutungen begnügte. Als sich herausstellte, dass unter dem sexy Outfit nur ein zweiter Kerl versteckt war und der verhinderte Lover ergriff panisch die Flucht.
Owen richtete wieder her – als „Bunny Fantasy“ war er eine Wucht: Ein ebenmäßiges Gesicht und ein sensationeller Hintern. Der Hüftschwung war okay, genauso seine Beine, die makellos weiblich waren. Das einzige, was störte, war seine Oberweite, die er ausgeklügelten Silikonbrüsten zu verdanken hatte. Er machte schon was her, dieser Körper. Wenn er darüber noch verführerische Kleidung trug, wurde die Illusion perfekt.
Es gab aber noch einen anderen Wells, der – als graue Maus – in einem konventionellen Anzug sein Brot als kleiner Buchhalter verdiente. Sein Studium der Betriebswirtschaft, das er übrigens mit ausgezeichneten Erfolg abgeschlossen hatte, konnte er sich aus Gründen des Arbeitsmarkts in die Haare schmieren. Er war froh, dass er seinen jetzigen Job ergattert hatte, auch wenn er seiner Qualifikation nicht annähernd entsprach.
Einzig die Marotte mit den Damen-Tangas (die allerdings unter dem konservativen Gewand verborgen blieben) hatte er beibehalten, zumal er die Boxer-Shorts alle weggeworfen hatte. Er bevorzugte die Strings inallen Farben und Formen, nur knapp und gewagt mussten sie sein. Wenn er sich als Zivilist einmal auszuziehen hatte, beispielsweise bei einem Arzt, konnte er auf einen Fundus an Freunden (darunter befand sich auch ein Mediziner) zurückgreifen, die sein Sehnen teilten und es keineswegs komisch fanden, wenn er ausgefallene Gelüste entwickelte.
Und so war es auch – kaum, dass seine langweilige Maloche vorbei war, traf sich Owen mit seinen wesensverwandten Genossen, um hemmungslos ihrem Hang zur Transvestie nach. Wells war noch jünger und hatte ein richtiges Milchgesicht, das den Vorteil, dass er sich (noch) nicht rasieren musste und, ein passendes Outfit vorausgesetzt, brachte er jeden potenziellen Sugar-Daddy zur Verzückung. Seine Silikonbrüste waren mittlerweile so perfekt geworden (er bildete sich im Internet laufend weiter) und was den Penis betraf (auf Grund gemachter Erfahrungen), so hatte er diesen nach hinten geschnallt und unter einem dichten Haarbüschel verborgen.
Die Transvestiten gingen bürgerlichen Berufen nach, neben Owen als „akademischen Buchhalter“ gab es einen Malermeister, darüber hinaus einen Müllmann oder einen Staatsbeamten, einen Aerobic-Trainer, einen Chemiker, einen Nachrichtentechniker, einen Arzt und schließlich einen Rechtsanwalt. Sie einte nichts anderes als ihr gemeinsames „Hobby“.
Sie waren immer mehr der Ansicht, ihre eigentliche Berufung sei ihre Funktion als Chrossdresser. Sie vernachlässigten ihre normalen Professionen, aber bestenfalls Einer von ihnen konnte reüssieren, nämlich Wells. Als die neidischen Blicke abgeklungen waren, hatten sie sich beruhigt – sie mussten ganz ehrlich gestehen, dass Owen einsame Spitze war. Er lud sie in einen queeren Club ein, wo sich Jeder auf der Bühne produzieren, sowie es ihm gefiel. Dort wurde viel Zweitklassiges produziert – aber Wells war der Star!
Er zog sich raffiniert und durchtrieben aus, dass dem Publikum der Atem wegblieb. Es wussten zwar Alle, was es für eine Bewandtnis hatte, aber die Illusion überwog alles. Zum Schluss war er ganz nackt – zumindest, wenn man sich täuschen ließ. Der Kunstbusen war verräterisch echt und der „verkleidete“ Penis war der komplette Bluff. Die Phantasmagorie war umfassend und lückenlos.
Frauen, die als Männer maskiert waren, im legeren maskulinen Outfit, manche auch im Anzug, waren auch anwesend. Die perfekte Ergänzung zu den Männern, die sich als Frauen kostümiert hatten.
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