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ALIZÉE

Sie hatte ein ordentliches Programm hingelegt – zumindest kam ihr das so vor. Auf ihrer ersten Trackinglist befanden sich folgende Titel: 1. J’en ai marre – 2. A contre-courant – 3. Toc de mac – 4. Amelie m’a dit – 5. C’est trop tard – 6. Tempete – 7. J’ai pas vingt ans – 8. Hey Amigo – 9. L’e-mail a des ailes – 10. Youpidou – 11. Coeur deja pris. Gesamtüberschrift war „Mes courants electriques“.

Das Vorhaben erwies sich als Totalflop!

Kurz darauf veröffentliche Alizée das Album „Une enfant du siecle“ – dieses wurde aus Kostengründen komplett im Studio produziert und hatte folgende Titel: 1. Eden Eden – 2. Grand central – 3. Limelight – 4. La Candida – 5. Les collines (never leave you) – 6. 14 decembre – 7. A coeur fendre – 8. Factory girl – 9. Une fille difficile – 10. Mes Fantomes.

Das Projekt war ein noch größerer Flop als das Erste!

Sie überlegte hin und her, was die Ursache für diese Fehlschläge gewesen sein könnte. Aber sie sah im Endeffekt keine Verantwortung bei sich – nicht im Geringsten.

Das enthob Alizée nicht von dem harten Faktum, von was sie jetzt leben wollte. Eine Wiederholung des Abenteuer „Gesang“ kam keineswegs in Frage – die Schuldenberge waren zu groß. Es blieb ihr nichts übrig, als in die Branche zurückzukehren, die sie vermeintlich hinter sich gelassen glaubte. Sie heuerte neuerlich als Striptease-Tänzerin an, nicht vielleicht im „Crazy Horse“, „Paradis Latin“ oder „Lido“ (mit gehobenem Publikum, und zwar, was sowohl Franzosen, als auch Nicht-Franzosen betraf), die sie früher frequentiert hatte und wo sie sich nunmehr mühsam hocharbeiten musste.

In einem kleinen Club, wo komplette Nacktheit und ein gewagtes Auftreten erforderlich waren, musste sie beginnen. Der einzige Vorteil war, dass sie (als Pariserin) sich einen letzten Rest an Ästhetik bewahrte. Selbst in diesem zweitrangigen Etablissement würden von den Besuchern sowie seitens des Showgirls ein gewisses Mindestmaß an Aura beibehalten.

Alizée liebte dessenungeachtet ihre neue Profession nicht, im Gegensatz früher, wo sie sich gerne ausgezogen hatte. Sie hatte seinerzeit gutes Geld verdient – anders als eine Fabrikarbeiterin oder eine Verkäuferin, und zwar wesentlich mehr. Sie hatte zuletzt im „Lido“ gearbeitet, wo sie ihren Slip anbehalten durfte, der zwar raffiniert war, aber die wesentlichen Teile bedeckt hielt.

Das neue Lokal, das sich wenig fantasievoll „Striptease“ nannte (und damit das Motto offen aussprach), hatte während ihrer Abwesenheit völlig die Aura eingebüßt. Jetzt beherrschten vorwiegend laute Amerikaner die Szene, die jegliche Ästhetik vermissen ließen, ja wussten gar nicht, was sie mit diesem Begriff anfangen sollten. Bis Einer von Denen auf die Bühne stürzte, unter Ausnützung ihrer Hüllenlosigkeit, das Unterste nach oben kehrte und dabei ihre intimsten Stellen berührte.

Alizée gab ihm eine kräftige Ohrfeige, was zu ihrer sofortigen Entlassung führte – das war die Sache wert. Was sie neuerdings vor das Problem stellte, wie sie ihren Unterhalt finanzieren sollte. Da kam ihr eine Idee – sie würde den wertvollen Schmuck ihrer Mutter, die vor geraumer Zeit verstorben war (ebenso wie ihr Vater), ausgeben, um ihr eigenes Strip-Gewerbe zu eröffnen. Ihre Eltern hätten sich im Grabe umgedreht, wenn sie gewusst hätten, wofür ihre Tochter das Geld verwendete – gottlob war das nicht der Fall.

„The Golden Stage“ war geboren – ohne frühzeitige Anspielung darauf, was die Kunden dort erwartete. Mit der Knete der seligen Ma Chère Maman hatte Alizée den Laden fein herausputzt – und als Clue trat sie dort selber auf, sozusagen als Mitternachtsüberraschung.

Um am Anfang zu beginnen – sie hatte sich vom „Lido“ fünf Mädchen geholt, die sie fürstlich bezahlen musste, damit die Bienen im „Golden Stage“ anheuerten. Sie verlangte Unmenschliches von ihnen, indem sie sechsmal pro Nacht in wechselnden Kostümen beziehungsweise am Ende ganz blank agierten. Und sie selbst ging mit gutem Beispiel voraus, allerdings nur einmal pro Nacht – sonst wäre die Überraschung verpufft.

Und Alizée sagte ihnen, dass sie, wenn ihnen ein Typ besonders sympathisch war, diesen in ein vorbereitetes Séparée bitten sollten – auf eigene Rechnung und auf eigenes Risiko. Sie selbst ging im Fall der Prostitution nicht mit guten Beispiel voraus, dass ihre Würde gewahrt blieb – und außerdem hatte sie panische Angst vor Geschlechtskrankheiten. Aber das verriet sie keiner Menschenseele.

Und so etablierte sich das „Golden Stage“ im Laufe der Zeit zu einem gutbürgerlichen Szenetempel für das vorwiegend französische Publikum, das Pfeffer und Blöße durchaus vertrug. Und es währte nicht lange, bis auch die Damen was abbekamen – in der Gestalt mehrerer strammer Jungs, ebenfalls fünf an der Zahl, die am Ende splitterfasernackt dastanden. Es dauerte eine Weile, bis auch die eine oder andere Lady die Dienste im Séparée in Anspruch nahmen – ein gewisses Maß an Sympathie von beiden Seiten vorausgesetzt. Das ging die Betreiberin nichts an.

Vielmehr gingen die Performances der Darsteller Alizée was an – auf der Suche nach Perfektion. Dabei gab noch immer einiges zu verbessern – bei ihrer eigenen sowie bei den Übrigen. War die Herren betraf, existierte da ein dunkelhäutiger Kerl, der mit Vergnügen seine nackten Muskeln spielen ließ. Hier empfahl die Chefin mehr Subtilität. Was sie persönlich anging, war der Vorschlag an sie selbst, dass sie sich mehr Zeit geben sollte, damit die Kundschaft ihren makellosen Körper ausgiebig bewundern konnte.

Dann passierte etwas Unerwartetes, wofür Alizée die Hoffnung längst aufgegeben hatte – das Album „Une enfant du siecle“ wurde aus unerfindlichen Gründen plötzlich ein Renner!

Besonders der Titel Nummer 1 „Eden Eden“ wurde im Radio ‘rauf und ‘runter gespielt und Alizée gab die Berechtigung, Videos zu drehen. Sie war zwar stolz, aber wollte ihr neues Metier nicht aufgeben, selbst als erstes Album „Mes courants electriques“ von Patrizia Kaas gecovert wurde. Sie begnügte sich damit, der Sängerin zu gratulieren und die Tantiemen einzustreifen, die üppig flossen. Der Ausflug in die Vergangenheit war kurz und für sie insgeheim mit schmerzlichen Erinnerungen verbunden – aber das war vorbei. Sie kümmerte sich ausschließlich um ihren Club.

Alizée begann sich ihr eigenes Abbild zu verlieben. Das wurde zur Manie, die Außenstehende durchaus problematisch empfanden, zumal sie das nicht im stillen Kämmerlein machte, sondern auf der Bühne des „Golden Stage“ bei ihren Performances. Das liebste Outfit war ihr Marilyn-Monroe-Kostüm, aus dem sie sich langsam herausschälte, bis kein Faden übrig war. Und kam als besondere Würze das Folgende: Sie wand sich in exhibitionistischer Weise hin und her und ließ tief blicken.

Während von der Monroe nur wenig Nacktaufnahmen existierten (und die waren mehrheitlich gefälscht), wurden vermehrt Videos von Alizée im Naturzustand veröffentlicht – mit Einverständnis der Betroffenen. Sie war ganz begierig, sich selbst zu präsentieren – vorwiegend ohne Bekleidung.

Dass sie nicht nur vor dem Spiegel paradierte, sondern zuhause nackt herumlief, sowie sie die Wohnung betreten hatte, war zur Selbstverständlichkeit geworden – dass die Heizkosten besonders im Winter emporschnellten, im Sommer war das die geeignete Aufmachung. Aber abgesehen davon – es kam sie sowieso niemand besuchten, da sie ihre wichtigen Termine ohnehin im Club abwickelte.

Aber ließ sie keinen Mann direkt an sie heran, was nicht nur mit ihrer Selbstverliebtheit zu tun hatte. Alizées erster Freund, mit dem sie sich extrem gut verstanden hatte, zog eines Tages mitten in schönsten Liebesspiel seinen Penis heraus und verlangte von ihr, dass sie sein Sperma schluckte. Sie war total angewidert.

Sie stand sofort auf und empfahl sich auf Nimmerwiedersehen. Sie war grundsätzlich nicht abgeneigt, das zu tun, aber behutsam und mit ausgiebiger Vorbereitung, nicht so mit der Tür in‘s Haus, wie es der Typ versucht hatte – da verzichtete sie lieber darauf, jemals den Geschmack des männlichen Samens zu testen. Ja mehr noch, sie verzichtete komplett auf männliche Kontakte schlechthin. Dafür konnte sie ersatzweise die Männer bei ihren Striptease-Vorführungen sexuell aufganseln. Oder die privaten Anwandlungen von Autoerotismus.

(under construction)