DIE GÖTTIN
Yvi von Adler war beileibe keine Göttin, nur auf der Bühne in all der Abgehobenheit war sie eine Solche. Von Typ her war sie eher schüchtern – nur auf den Brettern, die die Welt bedeuteten (wie man so sagt), wuchs sie über sich hinaus und war nicht wiederzuerkennen.
In bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen – ihre Eltern betrieben eine selten gewordene Greißlerei in Floridsdorf -, blieb sie lange Zeit unentdeckt, obwohl sie sich zu einer außerordentlichen Schönheit entwickelte. Sie trat nach der Schule in‘s elterliche Geschäft ein und verkaufte Lebensmittel und Güter des alltäglichen Bedarfes – tagaus tagein. Ihr ziviler Name war übrigens Hanna Vyvjal, ein typisch tschechische Benennung.
Bis irgendwann ein bekannter Impresario in den Laden hereinschneite, um sich Batterien zu besorgen. Ottfried Klostermann erkannte auf der Stelle, welchen Rohdiamanten er da entdeckt hatte. Er beschloss, sie stante pede zu schleifen. Behufs dessen musste erst mit Vater und Mutter Vyvjal sprechen. Er zeigte seine Referenzen (die er eitel ständig mit sich führte), und gründlicher Prüfung seitens der Erziehungsberechtigten nahm er Hanna gleich mit in seine luxuriöse Wohnung am Graben im ersten Wiener Gemeindebezirk.
Die Eltern waren nicht unfroh darüber, denn die Erträge aus dem Geschäft reichten mit Mühe und Not für Zwei aus. Nicht aus väterlicher oder mütterlicher Sorglosigkeit, sondern im Gegenteil aus Besorgnis darüber, wie es jetzt weitergehen würde. Die Frage blieb vorerst unbeantwortet.
Ottfried Klostermann sah von derartigen Skrupeln ab – er verpasste als erste Maßnahme dem Schützling einen neuen Namen: Yvi von Adler sollte sie in Zukunft heißen!
Er unterzog sie einem strengen Ausbildungsprogramm, das sich gewaschen hatte. Sie lernte sich richtig bewegen – Tanzschritte waren obligatorisch, bis zur Profi-Reife. Aber auch auf ihre geistige Bildung legte er Wert – manchmal hatte sie den Eindruck, als wollte er sie zum perfekten Escort schmieden. Aber weit gefehlt, er wollte sie für sich allein haben. Lediglich auf der Bühne („Weit entrückt!“, sagte Ottfried) durfte sie stehen und ihre Reize zeigen – da war er großzügig.
Und Yvi konnte himmlisch singen – das hatte sie schon als Hanna Vyvjal gemacht, seit frühester Kindheit, und später in der professionellen Gesangausbildung, die Klostermann ihr angedeihen ließ. Sie sang Musicals und zwar in einer Form, die bisher noch nicht zu hören war. Es dauerte nicht lange, bis sie sich nicht mit den Cover-Versionen der bekannten Musikstücke zufriedengab – es musste ein eigenes Musical, das ganz auf sie zugeschnitten war, sein. Der Titel war „Die Gottin“ und der Inhalt war Lebensgeschichte von Yvi von Adler und wie sie – auf der Bühne – aus sich herausging. Und ihre Reize zeigte.
Dabei hatte sie Ottfried privat bis jetzt nicht angerührt. Er wollte ihre Gegenwart in aller Ruhe bedächtig behutsam und wohlüberlegt auskosten – er sagte sich „Rom wurde nicht an einem Tag erbaut“. Er hatte jede Zeit der Welt!
(under construction)