DIE KURTISANE
Isabell Reichenbach war eine Solche. Sie bezeichnete sich selbst mit diesem etwas antiquierten Begriff – sie wollte eine Kurtisane aus den Geschichtsbüchern sein. Nur halt jung und unverbraucht!
Sie wandte eine Menge Zeit für ihre Pflege auf – oft bis zu einem halben Tag. Sie konnte sich‘s leisten – sie verdiente in ihrem Beruf genug (wenn man diese Tätigkeit so nennen wollte). Als Erstes nahm sie ein ausgiebiges Schaumbad, wobei ihren schönen Körper einer kritischen Überprüfung unterzog. Nach der Kontrolle stieg sie aus der Wanne, trocknete sich ab und lief so wie sie war, nämlich nackt, in‘s Schlafzimmer, wo sie einen Spiegel hatte, mit dessen Hilfe sie ihre Kehrseite betrachtete – es entging ihr keine noch so kleine Unebenheit.
Sie epilierte sich gründlich – da ihre ausgesuchte Kundschaft sie am Ende ganz hüllenlos sehen wollte, tat sie ihr den Gefallen. Das einzige Überbleibsel war ein sogenanntes „Bermuda Triangle“. Sie hatte wallendes Haar von undefinierbarer Farbe, auf das sie besonderen Wert legte. Sie war perfekt, schlechthin ein Traum von einer Frau – was dahinter für eine Regie steckte, blieb unentdeckt. Darüber schweigt die Chronik.
Isabell frühstückte opulent, mit schwarzen Kaffee, mageren Schinken, und mit einem weichgekochten Ei, Toast, mit Butter und Marmelade – das war eigentlich die wichtigste Mahlzeit des Tages, während sie später nur das eine oder andere Häppchen zu sich nahm. Wenn sie abends mit einem Klienten essen ging (das war sozusagen die Pflicht), nippte sie nur an dem Dargebotenem, so gut es auch sein mochte, und sie trank bloß in kleinen Schlucken vom Wein.
Und dann kam die Kür, die sie so einzigartig machte. Die Reichenbach war bewandert in den verschiedensten, auch ausgefallensten Fachgebieten. Das hatte zu ihrer Ausbildung zur Kurtisane gehört, mehr noch als der Sex, denn den Beischlaf bekam sie notfalls auch allein hin, von einigen Finessen einmal abgesehen. Sie büffelte hart und bis zum Umfallen, da sie früher keinen besonderen Wert auf Bildung gelegt hatte – was aus der Schule wusste, war ein Witz gegenüber den Anforderungen, denen sie sich aktuell stellen musste.
Manchmal passierte es, dass – für den Moment jedenfalls – ein Kunde von Isabells geistigen Ergüssen fasziniert war und den Geschlechtsverkehr außen vor ließ. Hajid Chalid, aus Saudi-Arabien stammend und immens reich, war ihr einziger Kontakt mit Nahen Osten, und er war auch eher an Isabells Märchen (die hatte ebenfalls drauf) interessiert. Bis Hajid dann donn doch von fleischlichen Begierden überrannt wurde und er mit der Tür in‘s Haus fiel. Um ihn abzuwehren, verpasste sie ihm gleich einmal einen ausgiebigen Zungenkuss.
„Nicht so rasch, mein Prinz! Wir haben jede Zeit der Welt!“
Die Reichenbach lehrte ihn, wie er durch Hinauszögern die Lust noch steigern konnte. Und Hajid lernte schnell, indem er eigene Ideen einbrachte, von denen sie keine Ahnung hatte – er nützte seine Fantasie, wenn er in ihrer Person Jemanden hatte, der es ihm erlaubte, seine geheimsten Wünsche zu erfüllen, selbst wenn er sie zum Teil nicht auszudrücken vermochte. Isabell ahnte instinktiv
(under construction)