DER RUSSISCHE AGENT
Artjom Michailowitsch Kusnezow war kleiner unscheinbarer Beamter im russischen Landwirtschaftsministerium, in Wirklichkeit leitete er Hauptabteilung Aufklärung beim „Föderaler Dienst für Sicherheit der Russischen Föderation“. Diese war besser bekannt als FSB und versuchte unter anderem die Inlandsspionage aufrecht zu erhalten. So kam er mit Phoebe Macdonald in Berührung.
Diese war angestellt bei der Britischen Botschaft als kleine unscheinbare Beschäftigte – in Wirklichkeit leitete sie das Moskauer Büro des „Geheimen Nachrichtendienstes (SIS)“, besser bekannt als „MI6“. Der war auf die Auslandsspionage fixiert. So trafen sich Phoebe und Artjom völlig zwanglos bei offiziellen Empfängen der Botschaft beziehungsweise Russlands – sie wussten sehr genau, was ihre wahren Funktionen waren.
Sie spielten miteinander auf hohem Niveau. Phoebe war von unbritischer Schönheit und Artjom hatte das durchschnittliche (bei russischen Männern anders bei rusischen Frauen, die von mehrheitlich von einer bezaubernden Attraktivität geprägt waren) typische Dutzendgesicht, und so kam es, dass er sich in sie verliebte. Da auch sie nicht abgeneigt war, fingen die Schwierigkeiten erst richtig an.
Sie waren beide längst anderweitig vergeben – Phoebe war mit einem reichen Geschäftsmann namens Hamish Macdonald verheiratet, den sie alle heiligen Zeiten einmal sah, da er auch viel unterwegs war. Die Beiden hatten eine fünfzehnjährige Tochter, Fiona, die sie so bald als möglich (nämlich im Alter von sechs) in ein Nobelinternat verfügten.
Artjom wiederum war vor geraumer Zeit die Ehe mit Tatjana Michailowna Nowikowa eingegangen. Sie hatten zwei Buben, Artjom Junior und Dmitri, um die sich Tatjana liebevoll kümmerte (anders als bei Fiona, die frühzeitig abgeschoben wurde). Die Nowikowa hatte freiwillig einen relativ hohen Posten im Landwirtschaftsressort, in dem sie nominell sogar Kusnezow vorgesetzt war – in seiner Scheinfunktion als Agrarbürokrat.
Phoebe und Artjom trafen sich unmöglichsten Orten, was gar nicht ungefährlich war, denn private Kontakte mit ausländischen Staatsbürgern wurden höherenorts nicht gerne gesehen. Was soll‘s – sie liebten sich mittlerweile so sehr, dass sie jede Vorsicht fahren ließen.
Sie liebten einander im Liegen, im Stehen, in aller Öffentlichkeit – bevor noch mehr passierte, ging es für die Macdonald ab in die Heimat, wo sie einer hochnotpeinlichen Prozedur unterzogen wurde. Die liberalen Schotten nahmen am Ende keinen Anstoß daran und schickten sie, mit einer Verwarnung, des Inhalts, dass sie sich etwas mäßigen sollte, zurück nach Moskau. Zu wertvoll war der Beitrag, den Phoebe zu leisten imstande war.
Privat hatte schon gar nichts zu befürchten – Hamish, ohnehin kein Kind von Traurigkeit, hatte auf seinen Auslandsreisen seine Frau nach Strich und Faden betrogen. Er sah daher keinen Grund darin, irgendetwas aufzuwühlen. Fiona bekam von diesen Vorgängen nicht das Geringste mit – sie war praktischerweise im Internat, und die wenigen Ferienwochen spielten die Eltern, die heim nach Edinburgh gekommen waren, ihr ein Theater von heilen Familie vor.
Anders bei Artjom Michailowitsch Kusnezow. Bei ihm hatten die Häscher ein einfaches Spiel – unter Androhung der Folter, wobei seine Angehörigen durchaus miteinbezogen waren, gestand ihnen Sachen, die so gar nicht geschehen waren. Zu seinem Glück tauchte Phoebe wieder auf, und die Schergen kamen auf die Idee, dass er sie ausspionieren sollte. Damit hatten sie, ohne es wollten, Artjom in einen Doppelagenten verwandelt.
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