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DER CLOWN

Er machte sich für sie zum Narren.

Er – das war Erasmus Kotulla (Künstlername Matteo), seines Zeichens Clown beim „Zirkus Krone“. Sie – das war Zita Kröll, ihres Zeichens „Privateuse“, worunter eine bessere Prostituierte zu verstehen ist, die ihm das Leben schlimm machte. Sie prahlte geradezu, mit wie vielen Männern sie in einer Nacht Sex hatte. Da wurde ihm regelmäßig das Herz schwer.

Wie zum Hohn sagte sie zu ihm: „Lieben tue ich nur Dich allein!“ – Da hätte sie sich lieber einen Zuhälter zulegen sollen, dachte er, der war an sowas gewöhnt. Er sprach es allerdings niemals aus. Er schätzte die wenigen Momente, wo er den Geschlechtsakt mit ihr („und mit ihr allein“) genießen konnte. Und sie hatte wirklich was „drauf“!

Sie hatte im Lauf der Jahre ausgeklügelte Kopulations-Praktiken entwickelt, mittels derer jeder Penis, sei es früher oder sei es später, stand. Dabei nahm sie klug zurück, stellte ihre eigenen Bedürfnisse ganz in den Hintergrund (das konnte sie durch gezielte Meditationsübungen, die ihr eine Verzögerung über Gebühr erlaubten), und konzentrierte sich ganz auf die Bedürfnisse des jeweiligen Kunden – oder eben Erasmus‘ Bedürfnisse, wobei sie es ihm selbstverständlich kostenlos machte.

Wie gesagt, die Verpaarungs-Methoden sind demnach keine bloße natürliche Mitgift, sondern eine Fähigkeit, die geübt und verfeinert sein will. Das ging nach Zitas Ansicht nur mit einer Vielzahl von Männern, mit deren Hilfe die unterschiedlichsten Vorgehensweisen „in praxi“ angewendet wurden. Da half es prinzipiell nichts, in der Theorie zu verharren. Und Kotulla profitierte von ihren Erfahrungen, so sehr es ihm widerstrebte, an den Erlebnissen von so Vielen teilzuhaben.

Mit der Meditation war das auch so eine Sache – jahrelang hatte sie sich bemüht, bei ihren Übungen gar nichts zu denken, was nicht unbedingt einfach war. Da steckte schon viel Training dahinter, bis sie die totale Perfektion erzielte – nun war es seit langem geschafft. Sie konnte bis einer Viertelstunde (und manchmal – wenn sie besonders gut drauf war – auch länger) geistesabwesend zu sein, dabei aber voll der Erfüllung ihrer Aufgabe als Sexobjekt für die Klientel, aber auch für Erasmus zu dienen.

Zita Kröll war (offen gesagt) eine Nymphomanin, die schon mal kostenlos flachlegen ließ, nur um ihre Veranlagung zu befriedigen. Mit Erasmus machte sie es sowieso gratis und franko – sie hoffte, dass er diese Ehre zu schätzen wusste. Aber das war eher unwahrscheinlich.

Jetzt ist es höchst an der Zeit, sich mit „Matteo“ zu beschäftigen – mit seiner beruflichen Karriere, die durchaus erfolgreich verlief. Nun gibt es Leute, die finden Clowns entsetzlich – von denen soll hier nicht die Rede sein. Aber jene Anderen, die die Harlekins eher charmant finden – da war Matteo ihr Mann. Clownerie ist bekanntlich eine darstellende Kunstform, die die Menschen durch Improvisation, Körpersprache und Humor zum Lachen, Nachdenken oder Mitfühlen bringt. Sie zelebriert das Scheitern, verwandelt Schwächen in Stärken und basiert auf der authentischen, naiven Interaktion des Clowns mit der Welt.

Matteo drückte jeweils am Ende der Vorstellung ein paar echte Tränen hervor. Sie rannen in dicken Strähnen über sein Gesicht, dass es ganz verschmiert war und der Clown ein Bild des Jammers bot. Das Publikum (oder zumindest jene Teile des Publikums, die etwas damit anfangen konnten) raste dessenungeachtet in Begeisterungsstürmen über ihn hinweg.

Trotz der Akklamation für seine Person konnte er an nichts Anderes denken, als an das – wieviele hatte Zita in der Zwischenzeit wieder „beglückt“. Erasmus war zutiefst eifersüchtig – dass er damit auf verlorenem Posten stand, war ihm in Momenten der seltenen Klarheit bewusst.

Und da reifte in ihm der Plan, sie endgültig zu verlassen. Es schien auf der einen Seite ganz einfach. Er musste sich nur dazu durchringen, vor sie hinzutreten und zu sagen: „Hier trennen sich unsere Wege! Es hat mich sehr gefreut, Deine Bekanntschaft zu machen! Und nun muss ich weiterziehen!“ Oder was sonst in dieser merkwürdigen Situation geäußert wird. Alles klang schal und aufgesetzt!

Aber dann war Kotulla darüberhinaus mit der entscheidenden Frage konfrontiert: Wie sollte er mit einer anderen Frau (wenn sie gleich gäbe), die mit weniger Raffinesse als Zita loslegte, klarkommen. Er würde sie stets mit sämtlichen weiblichen Wesen vergleichen und das würde keiner Lady – und sei sie noch so vornehm, verglichen mit der Hure – bekommen.

Das war sein Hauptproblem und er blieb bei ihr. Und er wurde ihr Maquereau, ihr Beschützer!

Da Zita bis jetzt keinen gehabt hatte – in den Kreisen, in denen sie verkehrte (Direktoren, Angehörige des Adels, mit denen ein diskretes Schäferstündchen verbrachte, zum Teil auch Künstler, mit denen hochoffiziell auf Vernissagen ging), war das bis dato auch nicht notwendig gewesen, und war das faktisch in Zukunft entbehrlich. Aber sie ließ es aus Liebe zu Erasmus („Lieben tue ich nur Dich allein!“) geschehen.

Er hängte seinen Beruf an den Nagel, so sehr ihm dieser auch gefallen hatte, und ließ sich von der Kröll aushalten. Das ging sogar so weit, dass er auf ihr Vermögen zugriff. Das hatte sie ohnehin nicht interessiert, sie hatte stets als lästig empfunden und war froh, dass sie das künftig los war. So konnte ihren unersättlichen Drang nach Sex ausleben.

Matteo (er hatte seinen Künstlernamen beibehalten) entwickelte sich zum Finanzgenie, das die Assets von Zita in kürzester Zeit verdoppelte, wobei er selbst sich mit Peanuts begnügte – er war auf die seltenen Gelegenheiten aus, wenn Zita ihm ihre Gunst schenkte.

(under construction)