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DIE SCHÖNE

Immanuela Nevana war so schön, dass es fast nicht zu ertragen war. Einzig umwerfend – was Wunder, dass die Männer sie umkreisten, wie die Motten das Licht. Da blieb nicht viel übrig für eine differenzierte Betrachtungsweise. Nur die Tatsache, dass ihre Haarfarbe nicht blond war (was bei vielen ihrer Bewunderer prinzipiell als Makel angesehen wurde, aber nicht so bei Immanuela) – sie war so supertoll, dass die Kolorierung ihres Haares egal war.

Und noch eins – sie trug normalerweise ihre Röcke so kurz, dass es fast ordinär war. Für die Begeisterung ihrer Fans tat das keinen Abbruch, womit klar ist, dass das eher Provokative bei den Kerlen, gleichgültig ob ihre Jünger sich das offen eingestanden oder nicht, die Nummer Eins war. Trotzdem war ihr ein Y-Chromosom-Träger noch nie zu nahe gekommen – sie begnügte sich vorerst damit, mit anderen Frauen herumzumachen.

Die Nevana nahm allerdings gerne die Einladung von Männern in feine Lokale an, führte anregende Gespräche mit ihnen und ließ sie anschließend, als der Punkt erreicht war, dass sie mehr wollten, eiskalt abblitzen. Es war zum Wahnsinnigwerden, zumal die Konvention ihnen in der Öffentlichkeit gewisse Schranken auferlegte – in der freien Wildbahn hatte der Eine oder Andere schon ganz grundverschieden mit ihr verfahren. So aber mussten sie beobachten, wie sie in‘s Taxi stieg und davonfuhr – beim Einstieg einen letzten Blick auf ihren Supermini gestattete.

Immanuela hatte es schon immer leicht gehabt, von Kindesbeinen an – die diversen Onkeln, die schlankweg entzückt waren, wie sie quasi-damenhaft vor ihnen herumstolzierte, bis zu ihrer Volksschullehrerin, die mittels Augenaufschlag zu besänftigen war, wenn sie wirklich etwas angestellt hatte. Und erst die männlichen Professoren im Gymnasium, nachdem sie an Figur zugelegt hatte – die ließen ihr alles durchgehen. Und die Damen unter der Professorenschaft wollten da nicht zurückstehen und sahen ihr die gute Schülerin, die sie in Wahrheit gar nicht war – aber das Märchen von der wunderbaren Adeptin war unausrottbar geworden.

Die Nevana wohnte in einem winzigen Haus mit Garten in Wien-Floridsdorf, das sie sich komplett selber hergerichtet hatte (Maurer-, Elektro-, Holzarbeiten und vieles Andere mehr) – woher sie sich die entsprechenden Fähigkeiten angeeignet hatte, blieb wie Manches in ihrem Leben ein Rätsel. Jedenfalls war das ein Gebiet, das sie unter keinen Umständen zu teilen bereit war – und sie lud auch niemand in ihre Bleibe ein. Das war ein strenges Tabu.

Beruflich war sie in der Internationalen Atomenergiebehörde in Wien beschäftigt. Diesen Job hatte ihr ein Onkel (wie könnte es anders sein) verschafft – da schob sie als Sekretärin eine ruhige Kugel. Alle liebten sie, besonders die Herren, aber auch die Damen der Belegschaft, die lesbische Anwandlungen bekamen, wann immer sie Immanuela begegneten.

Bemerkenswert war, dass neben den Männern (was auf Grund der Umstände als selbstverständlich gelten konnte) auch die weiblichen Wesen ganz schwankend wurden über ihre wahren Gefühle. Selbst Frauen, die das nicht für möglich gehalten hätten, dass sie eines Tages in die Rolle eines Spaghetti-Girl schlüpfen würde, das ist die Person, die erst merkt, dass sie Lesben sexy findet, wenn sie von Einer angemacht wird.

Erst machte sich Immanuela gleich an ihre direkte Vorgesetzte, eine Amerikanerin mit indianischen Wurzeln namens Curly Chippewa, heran. Sie war verheiratet und hatte zwei Kinder, sodass sie sich eine Beziehung mit der Nevana gar nicht vorstellen konnte. Aber dann hatte sie einen intensiven, ausführlichen und erschöpfenden Augenkontakt mit ihr. Nicht mehr – und nicht weniger.

Zum Schluss war sie schon ganz kribbelig – was so ein einfaches Auge-in-Auge-Sehen bewirkte!

Und dann versanken die Beiden ineinander, wobei die Zueignung von Curly echt war, während die Zueignung von Immanuela von jener kritischen Distanz geprägt war, die einen Genuss durchaus zuließ, aber dies notfalls auch als einmaligen Akt bewenden lassen sollte. Sie hatte auch noch andere queere Möglichkeiten, die sich als einfacher darstellten.

Erleichternd wirkte dabei die Tatsache, dass die Chippewa niemals ihren Mann und ihre Kinder und die ganzen liebgewordenen Gewohnheiten zurücklassen würde. Sie ließ schaumgebremst auf dieses Abenteuer ein, wollte zweigleisig fahren. So naiv, wie es der Anschein insinuierte, war sie denn doch nicht, was auf ihre indigene Abstammung zurückzuführen war – da konnte es leicht sein, dass unversehens das Raubtier zum Vorschein kam.

Immanuela war nur mäßig überrascht. Während sie in der Regel den „maskulinen“ Teil ihren Beziehungen repräsentierte, kam es schon manchmal vor, es umgekehrt war – dass eine andere Frau den quasi-männlichen Part übernahm. Das war für sie zunächst problemlos.

Dann aber war es rasch zuviel des Guten und sie sehnte sich wieder zurück zu ihren Zustand der Freizügigkeit. Curly klebte ihr wie eine Klette – Cheveyo Chippewa, ihrem Mann, war‘s mittlerweile gleichgültig, er holte sich seine Zuwendungen zwischendurch woanders. Aber auch er gab den gewohnten Traditionen den Vorzug und so war zumindest offiziell alles in Ordnung. Die Kinder des Paares waren schon älter und kümmerten sich bestenfalls mit Rande um die elterlichen Bedürfnisse.

Prinzipiell war es Immanuela nicht unangenehm, sich von Avancen Curlys verwöhnen zu lassen, aber nur dann, wenn es ihr genehm war – die Beiden hatten ein kompliziertes Verhältnis miteinander, und wenn es nicht kompliziert war, dann machten sie es dazu – das war ihr ganz persönliches Hobby, man könnte es auch als Spiel mit diffizilen Regeln bezeichnen, die sich selbst auferlegten. Was Wunder, dass die Nevana zumindest gelegentlich einmal ausbrechen wollte.

Dann aber wurde unversehens die Lage ernst – indem Immanuela ihrem Traummann begegnete. Quincy Ravenwood repräsentierte all das, was sie in ihren bisherigen männlichen sowie weiblichen Liaisonen bis dato vermisst hatte – nämlich eine tiefe und unaussprechliche Verbundenheit, und zwar ganz selbstverständlich.

Curly drehte fast durch, als sie davon erfuhr. Und das Schlimmste war, dass sie es nicht von der Nevana direkt herausbekommen, sondern über drei Ecken. Sie stellte die Partnerin zur Rede: „So, und jetzt lässt Du mich fallen wie eine heiße Kartoffel!“

„Ich würde es zwar netter ausdrücken, aber im Wesentlichen läuft es darauf hinaus!“ – „Ich kann Dir dienstlich die Hölle heiß machen!“ Ihre Erwiderung war von profundester Verzweiflung geprägt. – „Das versuch‘ Du nur – alle werden sich auf meine Seite schlagen!“

Die Chippewa wusste nur zu gut, dass dies den Tatsachen entsprach, zumal sie großen Wert darauf legte, die Fassade aufrechtzuerhalten. Sie gab sich geschlagen. Sie fand sich letztlich damit ab, dass es eine Episode gewesen war. Sie beschränkte sich darauf, nur das Notwendigste mit der Nevana zu besprechen und diese vor sich werken zu lassen.

Und damit war der Weg frei für Quincy Ravenwood. Er war Generalsekretär der Britischen Botschaft in Wien, direkt der Britischen Botschafterin unterstellt. Die Beiden hatten sich bei beim Neujahrsempfang der Diplomatischen Vertretung Seiner Majestät in der österreichischen Bundeshauptstadt kennengelernt und gleich aneinander Gefallen gefunden. Quincy und Immanuela hatten sich bei beim Neujahrsempfang der Diplomatischen Vertretung Seiner Majestät in der österreichischen Bundeshauptstadt kennengelernt und gleich aneinander Gefallen gefunden.

(under construction)