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DAS INTERNAT

Als die Unterbringung im Internat noch völlig getrennt nach Burschen und Mädchen vollzogen wurde, ereignete sich in der Anstalt für Jungen folgende Begebenheit: Ein ziemlich weibisch wirkender Bewohner stillte nachts im Keller der Einrichtung die aufkeimende Lust der anderen Schüler nach Sex. Er zog sich nackt aus und befriedige die Kollegen von vorne und von hinten, je nach Belieben. Dass dabei in konvulsivische Zuckungen verfiel, echt oder vorgetäuscht, erhöhte nur den Reiz für die Anderen.

Dabei machten Alle mit – wenngleich mit den unterschiedlichsten Motiven: Manche hatten schlicht ein Verlangen danach, während Andere die Erfahrungen eines fremden Körpers machen wollten und wieder Andere waren pikiert von der Vorstellung, dass da ein Mann ohne jegliche Bekleidung paradierte. Aber kamen Alle zu dem vereinbarten Termin.

Ottavio Amato, den es als Sizilianer in dieses österreichische Internat verschlagen hatte, war mit der Zeit unempfindlich geworden gegen Anwürfe jeder Art und er hatte auch kein Problem damit, sich vor den Jungs textilfrei zu zeigen, wenn es im Souterrain nicht so dauerhaft kalt gewesen wäre. Aber er gewöhnte sich letztendlich daran.

Er war ein mittelmäßiger Schüler, ein Umstand, den er dadurch zu kompensieren suchte, dass er auch den Lehrkräften die gleichen Dienste wie seinen Klassenkameraden anbot. Dass das zum Teil auf Bedenken (milde ausgedrückt) war klar – die Einen nahmen sein Offert gerne an, während die Anderen empört reagierten. Es gab aber auch Welche, die offiziell lautstark protestierten, indes im stillen Kämmerchen seinen Vorschlag bereitwillig genossen.

Die Lehrenden insgesamt fanden, dass man seine Abstammung berücksichtigen müsste, und außerdem hatten sie Angst vor ihm – wer weiß, auf welche Ideen der ursprünglich sizilianische Inselbewohner kommen mochte. War dort noch die Blutrache gang und gäbe?

Ottavio kanzelte diese Geschichten als Märchen ab – früher vielleicht, aber heute nicht mehr. Die Zivilisation hatte auch hier Einzug gehalten und außerdem hatte er sich an die mitteleuropäische Lebensweise angepasst. Dabei vergaß er ganz, dass darin seine einzige Rechtfertigung für sein Anderssein existierte. Und dass er anders war, darüber konnte kein Zweifel bestehen – mitteleuropäische Lebensweise hin oder her.

Er wurde üppig – die wenigen Gegenstimmen waren ihn nachgerade egal. Sein Ruf eilte ihm voraus, wenn er im Keller residierte. Der Schulwart, der auch von seinem Angebot Gebrauch machte, hatte in der Zwischenzeit für ordentliche Beheizung mittels zweier Strahler gesorgt, was ihm der Direktor gerne gestattete – er hatte genauso vom Offert Ottavios profitiert. Die wenigen Frauen des Lehrkörpers hatten da nichts mitzureden.

Er hatte de facto die Schule übernommen. Was riskant war, denn Ottavio war allein gegen soviel Leute, zwar sich im Augenblick ruhig verhielten, aber das konnte sich jederzeit ändern.

Dann aber wurde das Unterrichtsministerium auf die Zustände in Internat auf aufmerksam gemacht – durch eine anonyme Quelle. Der Direktor wurde dienstrechtlich zur Verantwortung gezogen und am Ende entlassen. Die Lehrer wurden auf verschiedenere Schulen aufgeteilt und ernsthaft verwarnt. Ähnliches passierte mit den Schülern, die auf verschiedenere Internate verteilt wurden.

Ottavio Amato war ein besonderer Fall: Der österreichische Unterrichtsminister sprach persönlich mit seinem italienischen Amtskollegen mit dem Ergebnis, dass der Delinquent in ein strenges Internat auf Sizilien verfrachtet wurde, wo ihm derartige Spompanadeln (von italienisch „spampanata“) vergehen würden.