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DAS MUTTCHEN

Bärbel Pätzold (geborene Tschentscher) war nach dem Zweiten Weltkrieg aus Schlesien ihrem Mann nach Wien gefolgt. Dieser war Oberleutnant in der Deutschen Wehrmacht gewesen, den es „fern der Heimat“ aus unerfindlichen Gründen auf diesen Posten verschlagen hatte – sein Name war Adolf Pätzold.

Sein Zivilberuf war Finanzbeamter, der sich im Laufe der Zeit in den höheren Bereich hochgearbeitet hatte. Aber tut hier überhaupt nichts zur Sache. Hier geht‘s um private Angelegenheiten. Adolf musste seine Frau „Muttchen“ nennen, selbst als noch kein Nachwuchs am Horizont erschien.

Er war ein notorischer Langweiler, dessen Frau mit äußersten überwölbenden Charme überreden konnte, Sex mit ihr zu haben. Das Ergebnis waren zwei Mädchen, Burghild und Karoline, die mittlerweile ein Alter von fünfzehn beziehungsweise vierzehn Jahren erreicht hatten. Auf sie war Muttchen ständig eifersüchtig, da sie von ihrem Vater alles bekommen konnten – ein Privileg, das die Ehegattin für sich selbst in Anspruch nehmen wollte.

Das änderte sich rasch, als ein kleiner Bub als Nachzügler geboren wurde. Ihm galt fürderhin die ganze Aufmerksamkeit, während sie den eigenen Mann und die zwei Töchter außen vor gelassen hatte, wie sie, als Schlesierin, sich ausdrückte. Von Anfang an ließ sie ihn in ihrem Bett schlafen – bis Adolf genervt ein anderes Zimmer des Apartments aufsuchte und dort dauerhaft verblieb.

Das focht Bärbel nicht an – eher im Gegenteil: Sie war froh, dass sie ihn los war, wenn er nur brav seinen Verpflichtungen gegen seine Familie nachkam, dann war sein monatlicher Bordellbesuch drin, wo er sich verwöhnen ließ. Seine Angetraute störte das in keinster Weise, wenn er nur nicht mit einer Geschlechtskrankheit daherkam.

Muttchen kümmerte sich künftig ausschließlich um Friedrich, so hieß der Knabe, verständlich, so lange das Baby klein war. Aber als der Junge fünf war und noch immer bei der Mutter schlief, waren die Töchter einigermassen pikiert, sagten aber nichts, um die Alte nicht zu verärgern. Als sich an der Situation nichts änderte, als Friedrich Elf war, fühlten sich Burghild und Karoline, die inzwischen ein unabhängiges Leben führten, bemüßigt, sie darauf hinzuweisen.

Die Reaktion war scharf: „Kümmert‘ Euch um Euren Dreck!“

Damit war die Sache erledigt, nicht für die Töchter. Sie sahen einen Skandal auf sie zukommen, sowie die Angelegenheit öffentlich werden würde, was ihrer Ansicht nicht ausbleiben konnte. Aber ihnen waren die Hände gebunden – soviel war der Mutter Wort noch immer wert.

Friedrich entwickelte sich zu einem richtigen Früchtchen, unterstützt durch die bedingungslose Hingabe durch Muttchen. Er hatte im Alter von Zwölf schon das Selbstbewusstsein, das ein Anderer mit Zwanzig erreicht hatte – und Manche vielleicht nie. Damit war er den Meisten spielend überlegen. Und die Pätzold war ihm total verfallen. Sie hielt seinen Penis in den Händen – dieser war für Friedrichs Alter schon ziemlich ausgeprägt und zusammen mit der Tatsache, dass er immer und überall konnte – im Gegensatz zu reiferen Männern.

Muttchen ebnete bei seinen Schulproblemen – und er hatte viel davon – durch gute Kontakte im Unterrichtsministerium, woher sie die hatte, blieb ihr Geheimnis. Dabei hatte sie keinerlei Bedenken, auch mit Jemanden in‘s Bett zu gehen, wenn es nur ihrem Sohn zugute kam. Und als Friedrich von seiner Großtante eine kleine Erbschaft machte, entblödete sie sich nicht, an ihren Gemahl heranzutreten und fragen, wie ihr Nesthäkchen den Betrag steuerschonend anlegen könnte – entsprechende sexuelle Gefälligkeiten inklusive, die ihr Mann gar nicht vermisste, aber sie bot für alle Fälle an.

Sie schaffte die Voraussetzungen – jetzt und in Zukunft – dafür, dass ihm die Steine, die ihm in dem Weg gelegt wurden, auf der Stelle geräumt werden mussten. Dafür legte sich Muttchen in‘s Zeug, bis zur Selbstaufgabe, wenn sie sich auch im Extremfall prostituieren musste. Und als reichte ihr, dass sein bestes Stück in Händen halten durfte – und nicht nur halten, sondern einführen.

Muttchen musste immer noch mehr Risiko eingehen, um den erwünschten Erfolg zu erzielen. Dazu war es notwendig, sich permanent zu erniedrigen, wenn sie etwas herausbekommen wollte. Dabei es noch relativ, ihrem Körper zu verkaufen (das war sie schon gewöhnt), gegen das, was nun folgte: Sie musste Sachen machen, die hart an der Grenze der Legalität waren und manchmal weit darüber hinausgingen. So musste beispielsweise im Auftrag eines Mannes den Ruf eines anderen Mannes ruinieren – dieser war völlig unschuldig, aber das tat nichts zur Sache.

Damit machte sie sich im Lauf der Jahre jede Menge Feinde. Sie fragte sich, ob es sich dafür stand, für ihren mittlerweile sechzehnjährigen Sohn das auf sich zu nehmen – im Austausch gegen seinen Schwanz, der inzwischen zwar stattlich war, aber sie immer weniger interessierte. Sie wollte insgeheim ihre Ruhe haben.

Aber sie hatte sich durch ihre Eskapaden eigenhändig den Ausweg verbaut. Und wofür? Friedrich behandelte sie zunehmend respektlos, sprach vermehrt abfällig von ihr („Die Alte“ und ärgere Dinge, die hier unerwähnt bleiben sollten). Muttchen hatte sich selbst in eine Lage gebracht, die – allmählich unabhängig von ihrem Sprössling – die Grundhaltung wiedergab, dass man von ihr alles haben könnte, jede Schandtat inklusive. Dieser Vorwurf, wenn es denn ein solcher war, war höchst berechtigt.

So kam sie – autonom von Friedrich – in den Dunstkreis einer Mordermittlung. Das Opfer war einer ihrer „Klienten“, dem sie besonders übel mitgespielt hatte, indem sie ihm echte Liebe vorgaukelte und ihn dann fallenließ. Die Polizei beschuldigte sie oder einen Komplizen ihn ermordet zu haben (ganz war man sich nach den ersten Ermittlungen diesbezüglich nicht sicher). Ihr Mann ließ sich auf bloßen Verdacht stante pede von ihr scheiden, die Töchter schlugen von vornherein auf seine Seite und der Sohn stand ihr – nach kurzer Überlegung – nicht zur Verfügung. Dabei war von ihm das unermessliche Übel ausgegangen.

Solcherart ihrem Schicksal überlassen, war Bärbel Pätzold (von Muttchen keine Spur mehr) als Einzige von ihrer Unschuld überzeugt. Als Einzige, das war nicht ganz richtig: Auch der Beamte, der sie verhörte, genau, dass sie unschuldig war, ohne etwas zu verraten, denn er wollte sie für seine Zwecke benützen – sie quasi seine Arbeit machen lassen. Und dazu zählte vor allem, dass Bärbel als „Zivilistin“ Dinge tun, die ihm als Staatsorgan verschlossen waren.

Der Polizist – er hieß übrigens Tobias Lemberger (den Namen würde sie nie vergessen – er hatte sich ihrer sexuellen Dienste bedient, ohne Not, nur einfach „als Spaß an der Freud‘“, immer wieder) – war skrupellos, soweit es ihn nicht selbst betraf. Er ging im wahrsten Sinne über Leichen, ohne sich jemals die Hände schmutzig zu machen.

Er hatte die Idee, zunächst bei Adolf Pätzold anzusetzen. Behufs wurden die Ermittlungen offiziell eingestellt – die Scheidung war diesbezüglich voreilig, wenn sie auch wegen Bärbels Hurerei mit ihrem ausschweifenden Lebensstil verständlich schien. Adolfs gelegentliche Besuche im Puff waren dazu angetan, dass kostenlos das Vergnügen das holen wollte, nachdem Bärbel wieder beim ihm angetanzt war. Im Liebesrausch verplapperte er sich naseweis, dass seinen Rivalen, einen gewissen Zeno Sixt, aus präventiven Gründen (denn da gab es noch zahllose Andere) umgebrachte hatte.

(under construction)