BERMUDA-DREIECK
Johann Banaszek und seine Frau Vera gönnten sich – einmal im Leben – eine größere Reise. Von Genua stachen sie auf einem Kreuzfahrtschiff in See, Richtung Bermuda. Und dann war Vera plötzlich verschwunden – verschwunden im sogenannten Bermuda-Dreieck, das vom namensgebenden Ort bis nach Miami im Westen und bis nach Puerto Rico im Osten reichte.
Vera Banaszek wachte ein bisschen benommen auf – in einer ihr völlig fremden Gegend mit futuristischen kleinen Häuschen. Sie machte sich bei einem der Häuschen bemerkbar, in der Hoffnung, dass da nicht ein Ungeheuer daherkommen würde – sie rechnete mit Allem und Jedem, als sie gespannt auf eine mögliche Reaktion wartete. Lange Zeit geschah gar nichts – bis sich endlich die Tür öffnete, und altes Weiblein antanzte.
„Dies ist selbstverständlich nicht meine effektives Gestalt. Aber es schien mir der geeignete Anblick für Dich zu sein.“ – „Und -“ (Vera hatte keine Angst vor dem alten Weiblein) „- wie siehst Du sonst aus!“
Ein ohrenbetäubendes Rauschen erfüllte die Luft. Die kleinen Häuschen mit einem Mal wie vom Winde verweht. Und da beschlich Vera die Ansicht, dass sie weit in der Zukunft gelandet sein musste – in einer Periode des Geistes, in der Nichts so war, wie es eigentlich über die Bühne ging.
Und dann war alles so, wie es kurz zuvor gewesen war – die kleinen Häuschen, das alte Weiblein.
„So, machen wir jetzt mit den angebrochenen Nachmittag?“, sagte die Seniorin. Vera hatte mittlerweile ihr Zeitgefühl wie durch ein Wunder wieder. – Die Alte hate eine zündende Idee. Sie verwandelte sich stante pede in einen jungen Mann, der zudem attraktiv war – das alte Weiblein konnte das, zumal sie oder er selbst eine Schimäre war.
Der attraktive junge Mann verliebtes sich spontan in Vera, und sie ließ es geschehen. Sie vergaß schön langsam, dass es nur ein Trugbild war, dem sie verfiel. Sie genoss zusehends den Sex mit – mit wem eigentlich? – Der Bursche half ihr auf die Sprünge: „Man nennt mich den Ω-Mann, kurz gesagt Ω!“
„Vera – die ,Wahre‘, was in dieser Umgebung der Trugbilder keine große Rolle spielen dürfte. Aber sei dem, wie dem sei – mein Name ist Vera!“
Sie hatte schon ewig keinen Geschlechtsverkehr mit Johann gehabt, darum hatte sie es in ihrem früheren Leben längst aufgegeben. Aber mit Ω konnte sie das wieder konkret, zumal ihr das zugrundeliegende Programm ein besonders schnuckeliges Exemplar ausgesucht hatte, während ihr eigener Ehemann schon etwas in die Jahre gekommen war. Würde sie ihn jemals wiedersehen – aber das war momentan irrelevant, bestenfalls zweitrangig.
Jetzt ging es darum, sich in einer Welt der Fantasievorstellungen zurechtzufinden, was gar nicht einfach war – aber Ω, in seinem gegenwärtigen Aggregatszustand, half ihr mit Kräften. Wären da nicht die sogenannten „Imaginären Freunde“ gewesen, die die Sache komplex machten. Sie (gemeint sind die „Imaginären Freunde“) verwandelten sich ununterbrochen – Vera und Ω kamen gar nicht nach mit den Varianten. Bis ja, bis sie ein System hinter der ganzen Thematik vermuteten – und so war es tatsächlich: Das System bestand in der immerfort gleichen Abfolge in gewissen regelmäßigen Abständen – nur musste man erst draufkommen. Und dann fügten die „Imaginären Freunde“ brav in‘s Ordnungsprinzip ein.
Wo waren wir eigentlich stehengeblieben – ja, Ω begann zu überlegen, ob er derzeitige Form für immer beibehalten sollte, zum Schutz Veras vor den Unbilden der Geschehnisse ringsum. Er probierte es – und siehe da, er hatte, wie er draufkam, seine Macht über die Elemente keineswegs verloren. Was die Liebe zu Vera bewirkte!
Vera ihrerseits erlangte Macht über Ω – so als ob ein gottgleiches Wesen sie erhört und auf seine Stufe emporgehoben hätte. Sie lebten fürderhin in einem der kleinen Häuschen – die restlichen Behausungen blieben aus irgendwelchen unbekannten Gründen leer. Sie kochte für ihn, eine gut geübte Routine, schon von früher her, als alles noch scheinbar im Lot war. Wo immer die Zutaten für die Speisen herkamen – sie waren einfach da. Ein wesentlicher Unterschied bestand allerdings: Sie schliefen regelmäßig miteinander – ein für sie mit ihrem Ehemann seltenes Vergnügen. Aber mit Ω klappte es wieder problemlos, abgesehen vom Genuss, den ihr neuer Partner ihr bereitete.
Die Banaszek (wir verwenden bewusst ihren Nachnamen) mischte sich – „gottgleich“ hin oder her – kontinuierlich in seine Angelegenheiten ein. Wie selbstverständlich und ohne Scheu, da sie sich seiner mittlerweile völlig sicher war. Dazu trug mit Sicherheit auch die Tatsache bei, dass sie immer nur den Menschen sah und quasi das höhere Wesen ausklammerte – von wegen „gleiche Stufe“ hin oder her.
(under construction)