CAMOUFLAGE
Babette Birkenfeld bemalte professionell ihr unbekannte Models in den gewünschten Farben, wobei das Kolorit möglichst bunt zu sein hatte. Das war ihr persönlicher Wunsch – abgesehen davon, dass ihre Kunden nur Männer waren, denen ihre Frauen oder Partnerinnen den Spaß bezahlt hatten. Und dass die Bepinselung völlig nackt – mit quasi der Haut als Leinwand – zu erfolgen hatte. Und dass ihre Auftraggeberinnen außen vor zu bleiben hatten – das führte manchmal zu Eifersuchtsszenen, und in einem Fall sogar zum Ende der Geschäftsbeziehung.
Aber Babette blieb standhaft – sonst könnte sie sich nicht konzentrieren, sagte sie. Es hatte auch noch einen besonderen Grund. Wenn sie beispielsweise an den Geschlechtsteilen zugange war, konnte sein, dass sie dem einen oder anderen Klienten Erleichterung verschaffte, indem er in ihre behandschuhten Finger abspritzen durfte. Zu mehr ließ sie sich allerdings nicht hinreißen, obwohl es ihr bisweilen schon schwer fiel – wenn sie etwa ein explizites Exemplar eines Mannes vorfand. Aber sie wollte keinen Zwist mit den Liebenden aufkommen lassen.
Normalerweise ging sie diskret vor, indem sie Gesicht und die beiden Hände ihres „Opfers“ aussparte, sodass bei üblicher Bekleidung nichts zu sehen war. Nur auf besonderen Wunsch des Betroffenen ging sie weiter, was in der Regel auf die nicht ganz ungetrübte Zustimmung ihrer Auftraggeberinnen stieß. Aber das war ihr egal – die spezielle Farbe ließ sich ohnehin nicht so leicht entfernen.
Und so tobte Babette sich mit den Farben (nicht zu vergessen die Formen) aus. Sie war weit und breit die Beste ihrem Fach, was über jeden Verdacht erhaben schien. Nur was sie mit ihrem Talent aufführte, das war streckenweise schon jenseitig. Da sich ihre Mandanten nicht wehren durften, wollten sie nicht die Zerstörung des Kunstwerks riskieren, waren sie in dieser Situation vollständig ausgeliefert. Und das nützte die Birkenfeld weidlich aus, indem sie sie neckte und reizte, ohne dass es, wie gesagt, jemals zum echten Vollzug gekommen wäre.
Dafür hatte Babette ihren Herzbuben, den sie unmittelbar nach dem Kennenlernen gleich mit einer Camouflage versehen hatte und auch später noch immer wieder versah, bis der ganze Körper getarnt war. Interessant war, dass sie selbst frei von jeder Camouflage erschien – sie zeigte sich sozusagen Natur-pur.
Patrick Láška, so hieß das Schnuckelchen, hatte den enormen Dusel, dass Babette sich in ihm verliebt hatte – und zwar unsterblich, wie man so sagt. Er war ein Callboy, und ein Guter noch dazu. Das störte sie insofern nicht, als er es so darstellte, dass es dabei um reine Tauschhändel handelte, die mit Liebe nichts zu tun hatten. Und sie war auch kein Kind von Traurigkeit, indem sie jederzeit dem Drängen eines ihrer Kunden nachgehen konnte. Oftmals war es so weit gewesen, doch dann war sie zurückgezuckt – sie mochte das Spiel vor und zurück.
Anders war das mit Patrick. Die Beiden waren vernarrt ineinander, nützten jede freie Minute des Zusammenseins, wo sie nicht „beruflich“ unterwegs waren, um sich einander intensiv zu widmen. Dabei kamen ihnen die Art ihrer außergewöhnlich Professionen entgegen. Da konnte man täglich in Versuchung kommen, der Láška effektiv und die Birkenfeld, wenn sie ständig mit den nackten Leibern konfrontiert war.
Aber war da noch etwas Substanzielleres, etwas Geistigeres, das über die rein körperlichen Bedürfnisse hinausreichte und dauerhaft sein sollte. Das war ihnen noch nie passiert!
Hier gab es vor allem keine Camouflage mehr – das entsprechende Gefühl war einzigartig und echt und unverfälscht. Patrick begann wieder in seinem angestammten Metier als Anwaltsgehilfe zu arbeiten, wo er zwar erheblich weniger verdiente, denn als Callboy, aber er war mit seinem Gewissen (ein großes Wort übrigens) in Ordnung. Babette kehrte wieder in ihr ursprüngliches Gewerbe als Kosmetikerin zurück (was naheliegend war, wenn auch weniger spektakulär) – für sie galt Ähnliches wie für Patrick.
(under construction)