MORIBUNDUS
Emil Eisler war vom Tag seiner Geburt todgeweiht. Der Arzt machte seiner Mutter Jacqueline (bedeutet „Die von Gott Geschützte“, in diesem Fall aber nicht) wenig Hoffnung, dass er überleben würde. Er schaffte die ersten Tage problemlos. Sein Vater Salvator (bedeutet „Retter“) glaubte fest an Emil, und er hatte, zumindest vorläufig, recht.
Der weiblichen Elternteil ließ sich vom Optimismus des männlichen Elternteils anstecken, und so verbrachten die Drei die nächsten Wochen in schöner Eintracht harmonisch. Dann aber kam der große Rückschlag. Emil wurde in‘s Spital eingeliefert – mit Verdacht auf eine Gehirnhautentzündung. Das war eine schwerwiegende Diagnose, die sich nach umfänglichen Untersuchungen zum Glück als falsch herausstellte. Der neue Befund lautete auf „Heikle Grippe“ – diese entwickelt sich zwar auch schnell, führt aber selten zu akuten neurologischen Ausfällen.
Der Optimismus von Salvator hatte die Oberhand gewonnen, wie überhaupt Jacqueline den pessimistischen Part übernommen hatte. Das zeigte sich leider überdeutlich, als Emil im Alter von Fünf einen Fahrradunfall hatte, der ihn einen halben Monat an‘s Bett fesselte. Dann ging es aber unvermindert weiter mit den gefährlichen Spompanadeln, die seiner Mutter die Schweißperlen auf die Stirn trieben, aber von seinem Vater ausdrücklich gefördert wurde.
Emil schloss die Volksschule ohne weitere gröbere Blessuren ab. Aber am Beginn der Höheren Schule war er schon wieder ein Todeskandidat, indem sich Prostatakrebs zuzog. Als die Krankheit lange unentdeckt blieb – mangels Schmerz, das war das Heimtückische -, und zuletzt mit voller Wucht zuschlug. Jacqueline hatte einen genialen Chirurgen, namens Lysander Feyertag, seines Zeichens Professor, zur Hand, mit dem sie auch privat intensiv verbandelt war. Jetzt aber sprach sie ihn offiziell an, und er sagte selbstverständlich Ja.
Damit war auch das Problem mit seiner zukünftigen Zeugungsfähigkeit gelöst dank des hervorragenden Geschicks von Feyertag. Jacqueline Eisler bedankte extra zum förmlichen Honorar mit Zusage einer besonderen sexuellen Dienstleistung, die sie dem Professor bis dato verweigert hatte. Aber jetzt, nach der erfolgreichen Operation war sie ihm nahezu uneingeschränkt zu Willen. Salvator hatte davon keine Ahnung – oder tat so, als ob er keine Ahnung davon hätte.
Emil kümmerte sich weder um die Eskapaden seiner Mutter, noch um die unbekannten Kapriolen seines Vaters, von denen er annahm, dass sein Erzeuger sie wohl haben musste. Er kümmerte sich um die Hoffnung, die er daran knüpfte, dass er wieder einigermaßen in Ordnung war und dass er das aufkeimende Interesse an Sex, das bis jetzt unbewusst vorhanden war, plötzlich zum Greifen nah schien. Und dass er Jacqueline zum ersten Mal nicht als „Gebärerin“, sondern als potenzielle Geliebte ansah.
Und durchlief er die Unterstufe des Gymnasiums. Er lernte leicht, ein hatte fotografisches Gedächtnis, sodass er zumindest die reinen Lerngegenstände abhaken konnte. Emil hatte auch ein besonderes Faible für Mathematik, er malte auch gerne in Öl. Er dilettierte auch mit de?m Zeichenstift, nur war weniger begabt, als mit seinen Ölgemälden, wo eine Reihe von stattlichen Stücken aufweisen.
Bis er wieder Rückfall hatte. Eine angeborene Herzschwäche, die ihn bislang nicht behindert hatte, wurde akut. Ein Herz-Stent tat Abhilfe, wenn es dieser auch bei einem so jungen Menschen ein gewisses Wagnis bedeutete. Aber er sorgte sich zum ersten Mal in seinem unerfahreneren Leben nicht um die Konsequenzen. Er absolvierte Oberstufe mit der einer herausstehen Bravour und einer überragenden Brillanz – er kannte sich selbst nicht mehr. Von tödlichen Krankheiten war bis weiteres keine Spur. Er maturierte mit Auszeichnung. Seinem Hobby, der Malerei, ging er unvermindert nach – es entstanden immer größere Gemälde, diese waren aber nur für ihn allein bestimmt. An allfällige Ausstellungen, selbst wenn solche möglich gewesen wären, dachte er nicht.
Salvator Eisler besaß ein gutgehendes Architektur-Büro, nichts allzu großes, aber er hatte sein Drauskommen. Da verstand es sich quasi von selbst, dass Emil auch ein Studium in diese Richtung einschlug. Er schrieb sich an der Technische Universität in Wien ein, wo er gleich eine Kollegin kennenlernte, die ihm sofort sympathisch war. Dieses Gefühl wurde offensichtlich erwidert.
Tamina Esposito war aus Sizilien, dementsprechend heißblütig marschierte sie an die Sache mit Emil heran – es verging ihm Hören und Sehen. Sie machte alles: das Vorspiel, die Hauptveranstaltung und das sanfte Ausklingen, das aber bei ihr wesentlich temperamentvoller ausfiel als in Mitteleuropa. Sie kniete sich hinein, ohne den Gedanken an was anderes zu verschwenden – das teilweise arabische Blut griff sich seinen Platz, wild, ungezügelt, ungestüm.
Dabei war Tamina eine fleißige Studentin, die Emil mit sich riß, sodass die Beiden das Bachelor- und anschließende Masterstudium in der kürzestmöglichen Zeit, die der Studienplan vorsah, schafften. Mittlerweile waren Jacqueline und Salvator Eisler beziehungsweise Tamina Esposito aufeinander getroffen. Die Eltern waren begeistert von deren südlichen Flair – sie hofften insgeheim, dass ihr Sohn seine lange Leidensgeschichte endgültig hinter lassen würde.
Ihr luxuriöses Haus stand der Esposito von nun an offen. Sie hatte zuvor in einer relativ beengten Wohngemeinschaft zusammen mit drei anderen Studentinnen gewohnt, mit denen es ständig Reibereien gab – mal passte der Einen nicht, was die Anderen taten, mal war es genau umgekehrt herum. Da kam ihr das neue Logis wie im Paradies vor, aber deswegen war sie bei Emil nicht eingezogen – sie liebte ihn wirklich, mit der ganzen Kraft ihrer sizilianisch-arabischen Leidenschaft.
Emil und Tamina wurden – unabhängig von ihrer Hingabe – im Architektur-Büro eingestellt, wobei die Esposito die hervorragenderen Ideen, wie sogar ihr Chef (der Vater Eisler) zugeben musste. Dagegen waren die Ideen Emils zweitrangig. Emil gönnte ihr den Triumph – ihr ganzes Leben schon hatte sie auf den Erfolg gewartet. Ihre Eltern Calogero (Schöner Alter) und Carmela (Garten Gottes), einfache Bauersleute aus Agrigent, waren schon verstorben, als sie noch ein halbes Kind – Fünfzehn – war.
Nachdem dem Tod von Vater und Mutter hatte sie sich eine Weile in Italien durchgeschlagen – in Palermo wurde sie vergewaltigt, in Rom geriet sie in die Fänge von Drogenhändlern, die die Kleine als unverfängliche Kurierin eingesetzt hatten, nachdem sie geflüchtet war, hatte sie in Vicenza den ersten richtigen Job als Näherin. Da auch das nichts war, weil sie zu wenig verdiente, beschloss sie nach Wien zu gehen. Da lernte sie in der Volkshochschule Deutsch in Rekordzeit und anschließend holte in der Abendschule ihre Matura nach, während sie untertags als Putzfrau arbeitete.
Emil hatte (wie gesagt) kein Problem damit, dass sie – mit der Vorgeschichte – auch einmal ihre Kreativität einbringen konnte. Außerdem musste er sich ehrlich eingestehen, dass ihre Entwürfe deutlich besser als die Seinen, und zwar erheblich besser – sie waren genial!
Er war in einer behüteten Umgebung aufgewachsen – im Gegenteil, wenn ihn sein Vater direkt herausgefordert hätte, hätte seine Mutter ihn am liebsten in Watte gepackt. Und sie behielt recht – heimlich und weiteres Zögern legte er sich eines Tages zum Sterben nieder. Und Jacqueline folgte ihm aus Gram kurze Zeit später nach.
Salvator Eisler und Tamina Esposito adoptierte seine Noch-nicht-Schwiegertochter (denn zur Verehelichung war es bisher nicht gekommen). Tamina wollte sich für diesen Schritt sexuell erkenntlich zeigen. Aber Salvator lehnte dieses Ansinnen mit den Worten ab: „Versuch‘ das nie wieder…“
(under construction)