RICARDO
Ricardo De Angelis war ein nicht sehr bekannter römischer Architekt – trotzdem lag ihm das angeborene Gefühl für Ästhetik im Blut. Und er war schön, wie es Römern gemeinhin nachgesagt wird – mit seinen frühzeitig ergrauten Schläfen und seiner schlanken Gestalt. Dabei war er gar nicht so alt, so um die Vierzig.
Als De Angelis in seinem Büro auf der Piazza Trilussa in Trastevere (seine Wohnung lag einen Stock darüber) mit Computer-Skizzen für ein eher bescheidenes Hotel beschäftigt war, kam ein Brief von der „Poste Italiane“ mit der Einladung zu einem „Symposion Architecture Design“ in Wien – wie es bei der italienischen Post mittlerweile üblich geworden war, mit ziemlicher Verspätung. Das Symposium fand nämlich schon in zwei Tagen statt.
Ricardo beschloss umgehend aufzubrechen – unter Mitnahme seines Rechners, wo er die wichtigsten Projekte gespeichert hatte (auch und vor allem Solche, die seiner Fantasie entsprungen waren und deren Verwirklichung praktisch in den Sternen stand). Die Veranstaltung wurde in der „VIECON Messe Wien“ abgehalten – was für De Angelis den Vorteil hatte, dass die Planer sämtliche Kosten übernahmen, inklusive der Unterbringung in einem 4-Sterne-Hotel (Courtyard by Marriott Vienna).
Hier traf er am ersten Abend auf Belinda Seeger, die zwar Wienerin war, aber während des Events ebenfalls dort untergebracht wurde. Ricardo und Belinda waren entgeistert und fassungslos, als sie sich das erste Mal sahen und zugleich empfanden, als wenn sie sich schon ewig kannten.
Die Beiden waren anderweitig und halbwegs glücklich verheiratet. Jetzt aber waren sie sich plötzlich gar nicht so sicher, ob sie nicht doch eine falsche Entscheidung bei der Partnerwahl getroffen hatten. Giulia De Angelis und Klaus Seeger (von ihnen war bis dato nicht nicht die Rede) würden notfalls durch die Finger schauen.
Ein wesentlicher Unterschied bestand: Während Ricardo seine Frau, wenn sich die Gelegenheit schickte, schon oft betrogen hatte (ohne jemals an Scheidung zu denken), war Belinda bis jetzt ihrem Klaus stets treu gewesen war (und nicht zuletzt er auch umgekehrt), bekam das eine neue Qualität. Sie philosophierten Knall auf Fall über die Möglichkeit, Giulia und Klaus einfach zurückzulassen, ohne Rücksicht auf Verluste. Das wirkte sich auf die Beiträge für die Veranstaltung (auch Seeger neben De Angelis hatte einen Solchen eingereicht) – sie waren mit einem Mal nicht so wichtig. Dabei waren es wirklich interessante Arbeiten.
Ricardo und Belinda schliefen gleich in jener Nacht erstmals miteinander – es war tatsächlich so, dass seit langen eine geheimnisvolle Vertrautheit existierte. Diese intime Nähe war bemerkenswert…
Am darauffolgenden Morgen ging es an‘s Eingemachte. Wie jeder gute Römer stand De Angelis mit dem Englischen auf Kriegsfuß. Für ihn war noch immer klar, dass Rom („der Stadt und dem Erdkreis“) im Zentrum stand. Er radebrechte in der ungeliebten Sprache unverständliches Zeug – anders wurde das, als er seine kühnen Entwürfe mittels Laserprojektion an die Wand warf. Da war das Publikum schwer begeistert, geradezu enthusiasmiert von der Unmittelbarkeit des Gesehenem.
(under construction)