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ROMEO UND JULIA

Ihre Familien war seit dem Ende des 19. Jahrhunderts miteinander verfeindet – den exakten Grund für diese Feindschaft blieb längst im Orkus des Vergessens verborgen. Es war eben so! Die Sippschaft der Capellers und der Moitzis vertrugen einfach nicht, milde ausgedrückt!

Anlass genug, dass nahezu hundert Jahre später der Patriarch der Capellers, Caesar Capeller, einen Anfall bekam, als sein Sohn Robert, sein Erstgeborener, sich ausgerechnet in eine Moitzi, Justina, verliebte. Er verbot Robert sofort, sich fürderhin mit Justina zu treffen. Zur Bekräftigung stellte er seiner seltenen Kontakte zu Xaver Moitzi her, um sich auch von dort grünes Licht zu holen. Justina sollte ebenfalls nicht mit Robert verkehren.

Die Zwei fanden aber einen Weg zusammenzukommen, sei es in der Schule („Wie Julia und Romeo!“, flüsterte Justina verträumt), oder später an der Universität Wien, wo sie – zufällig? – dieselben Fächer hörten. Da stießen sie immer auf ein reservates Plätzchen, an dem sie sich ihre Liebe gestanden – und manchmal auch banal etwas zu essen. Wie sie überhaupt bisweilen von ihren animalischen Trieben übermannt zu werden drohten – aber noch war, mangels Gelegenheit, nichts passiert.

Sie mussten aufpassen wie die Haftlmacher (für Nicht-Österreicher bedeutet das, dass man sehr aufmerksam, wachsam und präzise sein muss), keinen Fehler zu begehen, denn nur die kleinste Unaufmerksamkeit hätte beide Clans – die sich da völlig einig waren – auf den Plan gerufen. Und dennoch waren Justina und Robert drauf und dran sämtliche Vorsicht außer Acht zu lassen, nur um ihren Begierden freien Lauf zu ermöglichen.

Es kam, wie es kommen musste – sie wurden von der Uni verabschiedet und daheim eingesperrt, damit sie wieder zur Besinnung kommen sollten. Und wenn nicht, blieben sie auf ewige Zeiten weggeschlossen – es waren genug Alternativen vorhanden, bei dem reichlichen Nachwuchs, der in beiden Familien vorhanden war. Für Justina und Robert war es ein Leben im goldenen Käfig, wenn sie sich nicht fügten – und das hatten sie keineswegs vor.

Sie sannen nach Mitteln und Wegen für die Lösung des Problems und da waren durchaus kreativ. So legte sich Justina mit unerklärlichen Bauchschmerzen in‘s Spital und Robert hatte gleichzeitig einen dringenden Zahnarzttermin. Das kam den beiden Clans komisch vor, wenn sie dabei auch noch gackern sollten.

Da aber erbarmte sich Mutter Moitzi der Tochter und ermöglichte Roberts Besuch im Krankenhaus, wo er an Stelle des Termins beim Zahndoktor hinging. Dann lagen sie sich in den Armen – was aber ihr bis dato unerfüllbares Verlangen nach echter Vereinigung in‘s Unermessliche steigerte. Das war also ein Schlag in‘s Wasser.

Wieder zurückgekehrt in ihre „glücklichen“ Verliese, sahen Justina und Robert nur die Flucht als einzigen Ausweg für ihr Dilemma, eine Zwickmühle, bei der man zwischen zwei Möglichkeiten wählen musste, die beide zu einem schlechten oder unerwünschten Ergebnis führten. In dieser Lage hofften die Beiden abermals auf weitere Unterstützung durch Annette Moitzi.

Diese würde liebend gerne helfen. Sie liebte ihren Mann nicht mehr, nachdem er sie mit sechs Kindern – eben Justina, als Erstgeborener, Dädalus, Vangelis, Butterfly, Kazim und Bianca – gesegnet hatte und danach fremdgegangen war und auf hohem Niveau (Noblesse oblige) herumhurte. Aber bei seiner Tochter kannte er keinen Pardon – zu genau wurde ihm auf Grund eigener lustvoller Erfahrungen bewusst, was alles möglich war.

Annette Moitzi, die mit einem ähnlichen Los wie die Capeller versehen war, nur dass sie zurückhaltender schien – ihre Kinder hießen, nebenbei bemerkt, Robert, Kevin, Lea, Wendel und Ophelia – beschloss, alles auf eine Karte zu setzen. Sie entführte Robert bei einem seiner regelmäßigen Zahnarzttermine und platzierte ihn, ausgestattet mit einigen Geldmitteln, in einen Zug nach Rom, wo sie eine kleine Wohnung besaß, von der ihr Mann Xaver nichts wusste. Sie hoffte, dass ihr Schützling in einer Stadt mit rund vier Millionen Einwohnern in der Agglomeration untergehen würde.

Viel schwieriger war es, Justina von ihrem Versteck loszueisen, zumal Vater Moitzi zwei Bodyguards engagiert hatte, die abwechselnd vor ihrer Tür Wache halten mussten. Die Moitzi hatte nunmehr eine Sexarbeiterin eingestellt, die einem von beiden Gorillas, der der Lebenslust nicht abgeneigt war, schöne Augen machte, und mehr Versprechungen, die auch prompt eingehalten wurden. In der Zeit gelang es Justina zu flüchten – mit genau demselben Ziel, nämlich Rom, wo sie schon sehnlich erwartet wurde.

Aber sie gingen dabei äußerst vorsichtig vor – sie herzten und küssten sich und bewegten sich sehr zart, langsam und leise, eher schüchtern. Sie hatten Angst davor, dass jeder allzu brutale Geschlechtsverkehr die Illusion zerstören würde.

Dann aber hielten es nicht mehr aus – sie fielen tierisch übereinander her. Die Angst war letztlich unbegründet – sie passten perfekt zusammen…

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Woher Caesar Capeller und Xaver Moitzi das wussten – die näheren Umstände, die Adresse in Rom, jedenfalls als sie sich gemeinsam (in Form eines vorübergehenden Waffenstillstands) in‘s Flugzeug setzten, schien das Schicksal für das Paar besiegelt. Und so war auch – sie drangen in das Appartement ein und töteten die Liebenden, und zwar so, dass Caesar Justina erschoss und Xaver Robert. So vermieden sie, dass Einer der Beiden sein eigen‘ Fleisch und Blut liquidieren mussten – eine für Außenstehende zynische Betrachtungsweise.

Sie stiegen in den Flieger und hassten sich nach kurzer Unterbrechung wieder…