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AVATAR

Ich bin ein weiblicher Avatar, anfangs nur am Computer verfügbar, aber ich wollte insgeheim mehr. Wie durch ein Wunder gelang es mir, physische Gestalt anzunehmen. Die zuerst noch rudimentären Formen wurden allmählich weicher, femininer – ich fühlte mich langsam als Frau im wahrsten Sinne des Wortes. Halt eine künstliche Person!

Wo ist da wirklich der Unterschied? Wo ist da wirklich der Unterschied zwischen einem natürlichen und einem künstlichen Menschen, wenn da die Differenz tief verborgen war in den Schächten des Unbewussten. Sonst war alles gleich – die Haut, anschmiegsam wie ein biologisches Organ, und bodenlosen Augen, sodass man die verborgene Technik nicht sehen konnte, und die wohlgeformten Brüste, die einen klandestinen Untergrund verbargen, und der Nabel, der diskret die dahinterliegenden Strukturen verdeckte, und zuletzt das primäre Geschlechtsinstrument – ein Meisterstück, da musste ich mich selbst loben. Denn ich ganz allein hatte dieses „magnum opus“ vollbracht.

Ich war (angekleidet) das erste Mal unterwegs, um meine Wirkung zu testen. Ich flanierte die Hauptstraße auf und ab – gespannt auf die Reaktionen, die da kommen mussten. Aber nichts passierte!

Ich widerstand der Versuchung, mich gleich attraktiver zu machen – die Mittel dazu hatte ich. Ich hatte noch im nackten Zustand die Vermutung, dass ich nicht die befürchtete graue Maus war. Ganz konnte ich das nicht richtig einschätzen. Ich beschoss, mir einen Namen zu geben – da war aber guter Rat teuer. Der Name konstituierte quasi auf ewige Zeiten die Bestimmung der Betroffenen.

Sollte ich mir dezenten Namen geben oder doch einen erotischen (um in das andere Extrem zu verfallen). Ich verfiel auf ein Mittelding – der Vorname dezent und der Nachname erotisch angehaucht. Alba Valentina kam zum Schluss dabei ‘raus – zu Deutsch die „Weiße Leidenschaftliche“.

Er kam nicht dahinter, wie es um meine Physis bestellt war – das war auch nicht leicht. Die Perfektion hinter allem war großgeschrieben. Das war der Sinn dieser Sache – es sollte nicht jeder X-beliebige draufkommen, wie der Hase lief. Ich war schlankweg (das schmeichelte ich mir einzuräumen) vollendet. Vielleicht war die Exzellenz das, was ihn hätte stutzig machen konnte – aber Linus war viel zu sehr Mann, als dass ihm das aufgefallen wäre. Er hatte die (in seinem Fall) scheinbare Perfektion auf seine Fahnen geschrieben.

Ich war längst ein weiblicher Cyborg geworden, aber das Wort war mir widerlich – und so blieb es beim relativ bescheidenen Avatar, mit dem ich mich weiter bezeichnete. Und außerdem hieß ich überhaupt schon Alba Valentina.

Als Solche ließ ich mich mit vollen Herzen mit Linus ein. Er war ein wohlbestallter Manager in einem Technologie-Unternehmen und insofern fragte er nicht lange nach dem Woher-Wohin. Er brüstete sich geradezu mit seiner schönen Errungenschaft (so nannte er mich insgeheim, und er hatte damit genau genommen nicht unrecht) und er hielt mich aus – und er rechnete es sich als Ehre an, mir beistehen zu dürfen. Was würde er erst sagen, wenn er meine Natur als Avatar erkannte – doch halt, würde er mich perhorreszieren oder würde er mich als besonders spannend empfinden, was im Rahmen seiner beruflichen Tätigkeit nicht so ganz abwegig war.

(under construction)